Zuallererst eine Info: Wer das Alfa-Mobil sucht, der sucht lange. Denn der im Katalog angegebene Ort “Agora” stimmt nicht so ganz. Die Messekarte sagt “Agora” befindet sich zwischen Halle 4 und dem Forum. Für die Agora mag dies eventuell zutreffen, für das Alfa-Mobil nicht. Zu finden ist das Mobil definitiv vor Halle 3 (vom Platz aus gesehen am rechten Eingang; auf der Karte: zwischen der rechten Ecke von Halle 4 und der linken Ecke von Halle 3). Und ein Besuch lohnt sich!
Nachdem ich also 20 Minuten gesucht und dann auch gefunden hatte, traf ich beim Alfa-Mobil Horst Uhrig, einen ehemaligen funktionalen Analphabeten. Dieser erzählte mir seine Geschichte:
Nach einer Odyssee von mehreren Jahren des Nicht-Lesen- und Schreiben-Könnens hat er mit 30 Jahren angefangen es zu lernen. Zuvor hatte er als Kind sechs Jahre die Schule besucht, ohne dass es besonders aufgefallen wäre, dass er mit dem geschriebenen Wort nichts anfangen kann. Er hatte dann zwar immer wieder Jobs bekommen, aber - da er nicht Lesen konnte - immer nur solche in denen er richtig harte körperliche Arbeit leisten musste. Obwohl er schon lange das Gefühl hatte, endlich mal Lesen und Schreiben lernen zu müssen, waren die Angebote dies umzusetzen schwer zu finden. Und seine Versuche waren auch nicht immer mit Erfolg gesegnet.
Um wie ein Drittklässler Lesen und Schreiben zu können, muss ein Erwachsener 4 Jahre lernen. Aber Erfolgserlebnisse stellen sich schnell ein. “Das Selbstbewusstsein steigt”, sagt Herr Uhrig. Ein anderer netter Mensch vom Alfa-Mobil klärte mich dann auf:
Analphabetismus schränkt extrem ein. Man kann kein Formular lesen, keine Anleitung, keinen Wegweiser, ebenso wie alles andere auch nicht. Schon das Abheben von Geld an einem Automaten wird zu einem uns (die wir Lesen können) unbekannten Aufwand. Solche Menschen leben in großer Abhängigkeit, wenn auch meist in ebenso großer Unauffälligkeit: Analphabeten kompensieren. So lernen manche Betroffenen in der Schule (gehörte) Seiten aus einem Buch auswendig um sie dann bei Bedarf dem Lehrer als ‘vorgelesen’ präsentieren zu können. Solche ‘Tricks’, um nicht Schreiben zu müssen, setzen sich dann auch im Erwachsenenalter fort: An einem Tag ist die Hand verletzt, an einem anderen Tag ist man krank… aber “man kommt so durchs Leben”, trotz aller Hürden des Alltags. Viele werden sich erst dann ihres Problems bewusst, wenn die Arbeit das Schreiben explizit erfordert. Herr Uhrig hatte Glück: Ein neuer Arbeitgeber hat das Lesen und Schreiben lernen zur Bedingung für eine Stelle gemacht und ihn auch dabei unterstützt.
Die Entscheidung Lesen und Schreiben zu lernen ist eine Entscheidung zur Selbstständigkeit. Bis es zu dieser Entscheidung kommt, haben die Betroffenen meist einen langen Weg hinter sich. Es ist nicht leicht seinen Analphabetismus zuzugeben, erzählt mir der nette Mann am Stand. Viele fürchten Stigmatisierung in der Gesellschaft. “Man wird für dumm gehalten”, sagt mir Herr Uhrig.
Aber: “Aus schüchternen und introvertierten Jungs [Anmerkung: und bestimmt auch Mädels] werden Menschen, die ganz selbstverständlich in Fernsehsendungen gehen, in Radiosendungen und zig verschiedenen Aktionen mitmachen”, so ein anderer Herr am Stand. Einer der ehemaligen Betroffenen am Stand schreibt gerade auch ein eigenes Buch. Die Fähigkeit zum Lesen und Schreiben kann einen Menschen tiefgründig verändern.
Zwischendurch werden wir kurz von einer Dame unterbrochen. Sie möchte Herrn Uhrig die Hand schütteln. Vor zwei Jahren hat sie ihn getroffen. Seitdem bietet sie Alphabetisierungskurse an. Ich muss lächeln.
“Als Erwachsener lernt man schwerer”, so Herr Uhrig, “man muss regelmäßig Lesen und Schreiben, sonst verlernt man es wieder”. Aber “Lesen und Schreiben lernen kann jeder.”
Bild unten: Horst Uhrig, ein ehemaliger Analphabet (wenn ihr ihn seht: ansprechen!)

Weitere Infos: am Stand (Ort: siehe oben) oder unter
www.ich-will-lesen-lernen.de