10. Oktober 2007

10. Oktober 2007 um 20:55 Uhr von Fabian

Der lange Weg nach Hause

Am Ende des ersten Tages der Buchmesse gab es zwar keinen Bahn-Streik (danke liebe Bahn!), aber ein anderes kleines Chaos am Frankfurter Hauptbahnhof: Signalstörung. Alle S-Bahnen 50 Minuten verspätet. Kein Zug wird mehr auf den Tafeln angezeigt.

Anzeigetafel der Bahn

Am Bahnsteig herrschte Durcheinander. Der Tipp von der Anzeige (siehe oben), die Anzeigen (der Züge) zu beachten war zwar nett gemeint, aber S-Bahnen sind immer nur am Wagenanfang und -ende ‘beschriftet’ (und nicht an der Seite). Wo ist mein Zug? Ich werfe einen Blick auf die Menschen, die mit mir am Bahnsteig stehen. Ein großer Teil mit Taschen, die von einem Besuch der Buchmesse zeugen. Missmutige Gesichter. Ein Mann rastet aus, schreit über den Bahnsteig Schimpfwörter. Ein Bahnbeamter beruhigt ihn.
Ich habe Glück. Kurz bevor der Zug auf dem Gleis neben mir abfährt, ruft eine Frau darin beherzt über Bahnsteig, dass das hier die S8 nach Mainz ist. Ich steige ein. Die Türen schließen sich. Geschafft.
Die Bahn fährt an; vor dem Fenster ziehen die müden Gesichter der noch wartenden Menschen vorbei. Ich hoffe, alle kommen bald nach Hause.

10. Oktober 2007 um 19:01 Uhr von Christine

Das Deutschlandbild im Web2.0

Wie tritt Deutschland im Internet auf? Und wie will es auftreten? In Zeiten von “user-generated Content” (Leserreporter, etc.) wird das Bild im Ausland nicht nur von offiziellen Seiten wir der Deutschen Welle oder dem Auswärtigem Amt bestimmt, sondern haben auch die Blogger und Podcaster ein Wörtchen mitzureden.

Zum Gespräch trafen sich Holger Hank (Deutsche Welle, Leiter “Neue Medien”), Georg Jürgens vom Auswärtigen Amt und Steffen Büffel (Medienwissenschaftler). Sie diskutierten unter der Moderation von Barbara Massing (Deutsche Welle) über die Glaubwürtigkeit der “offiziellen” Seiten, über das Problem der user-generated Einträge in Wikipedia (weil nicht professionell und eventuell unvollständig etc). Aber werden Internetseiten glaubwürdiger, nur weil sie von Journalisten gefüllt wurden? Der Leser darf zwar hoffen, dass diese Informationen gründlich recherchiert wurden, aber zeigt die Deutsche Welle das “wirkliche Leben” in Deutschland? Sicher nicht, denn das private, das “einfach Leben” ist in Blogs und Podcasts viel realisitischer und damit glaubwürdiger. Natürlich haben Blogger und Podcaster damit auch eine gewisse Verantwortung, die aber genauso für die Autoren der freien Enzykopädie Wikipedia gilt.

Später ging es um die allseits heißdiskutierte Kampagne “Du bist Deutschland” vom letzten Jahr. Dabei gab es ja gerade im Netz eine Gegenkampagne, die manchmal recht witzig, aber meist doch sehr ernst die beiden Seiten von Deutschland zeigt. Und gerade hier, so betont Hank, sei es schade, dass diese Kampagne so gar nicht Web2.0 war. Denn hier - und das ist nun meine Meinung - hätte man die perfekte Plattform für ein Miteinander finden können. Denn nicht nur in Deutschland wurde die Kampagne kritisch betrachtet und wenn man den Menschen zeigen will, wer sie sind, dann muss man sie auch zu Wort kommen lassen.

Das Fazit, wenn man es so nennen kann, wäre dann wohl: Die Mischung macht’s. Unabhängige Qualitätsmedien sind für ein optimales (Deutschland-) Bild genauso wichtig, wie die “kleinen” authentischen Berichte der “einfachen Leute”, die eben bewußt keine Journalisten sind. Denn diese zeigen das Leben, so wie es ist - auch mal ohne Nachrichtenwert.

10. Oktober 2007 um 17:31 Uhr von Fabian

Promis auf der Buchmesse

Huch, gerade ist mir Kardinal Lehmann über den Weg gelaufen - umringt von einer Leibwache, natürlich… gerade dabei jemanden zu segnen (so sah es für mich aus). Hoffentlich geht er jetzt nicht in Halle 3 und trifft dort Ralf König. Der hat sich nämlich gerade gegen alle Arten von Religion ausgesprochen: “Das bringt mich auf die Palme, egal um welchen Gott es geht”. Nach Herrn König ist ein religiöses Weltbild ein beschränktes. Aber ich glaube Herr Lehmann ließt seine Comics eh nicht. Dann stimmt ja wieder alles.

10. Oktober 2007 um 17:14 Uhr von Fabian

Asterix erobert die Buchmesse

“Die ganze Buchmesse ist mit Büchern besetzt… bis auf ein kleines Zentrum in der Halle 3, das Widerstand leistet: das Comic-Zentrum. Es geht um Asterix.”

Um Albert Uderzo mal etwas zum Geburtstag (dem 80ten am 25.04.) zu schenken, was er nicht schon besitzt oder gar nicht haben möchte, ist jetzt ein ganz besonderer Asterix-Band erschienen: Asterix und seine Freunde

In diesem Comic-Heft haben 30 befreundete Comic-Zeichner von Uderzo die Figuren aus Asterix auf ihre eigenen Comic-Helden treffen lassen. So sind teilweise skurrile Abenteuer entstanden (wie z.B. die Geschichte mit Titeuf, der Asterix und Obelix fragt, wie das mit dem Zungenkuss funktioniert).

Eine Liste der Künstler findet sich auf der offiziellen Homepage des Comics. Der Band ist natürlich für Fans von Asterix ein Muss, aber auch jede/r Comic-Interessierte/r findet eine wunderschöne Zusammenstellung verschiedener Zeichenstile.

Albert Uderzo soll sehr gerührt gewesen sein. Ein schönes Geschenk (nicht nur für Uderzo)!

Ein Bild aus dem Sonderband

Der Moderator hat dann am Ende noch einen Aufruf gestartet: Die Wikipedia-Seiten zu franko-belgischen Comics müssen unbedingt überarbeitet werden! Da der Moderator alle seine Künster-Infos aus Wikipedia hat, kommt uns das auf der nächsten Buchmesse bestimmt wieder zu Gute.
Der Comic-Sonderband kann am Stand von Egmont-Ehapa (Halle 3) eingesehen werden.

10. Oktober 2007 um 15:50 Uhr von Janni

UTB:forum: kleine Fachbuchverlage kooperieren - auch mit dem Sortiment

Amazon spricht schon über die Annehmlichkeiten digitaler Buchsuche für Konsumenten wie Verleger (jaja, ich weiß, natürlich nicht allein Amazon…!), da wollen letztere den von dem Geschäft damit so ziemlich ausgeschlossenen Sortimentern auch schon die Hand reichen. So vermittelt es zumindest das “Blitzseminar” des Forums Fachbuch unter dem Titel “Das wissenschaftliche Fachbuch im Buchhandel - oder: warum ist Amazon so erfolgreich?”

Und wirklich: UTB:forum ist keine schlechte Sache. Bietet dem gestressten stationären Sortimenter eine Vorschau statt zwölf verschiedene (denn zwölf eigenständige Fachbuchverlage sind an dieser Kooperation beteiligt), einen Außendienstmitarbeiter, einen Auslieferer, ein Rabattmodell, Bündelung und eine Auslieferung. Damit wird das Angebot zumindest der teilnehmenden Verlage (darunter Vandenhoeck & Ruprecht, UVK oder Böhlau) für den Buchhändler übersichtlicher und spart eine Menge Zeit.

Das erkären Volker Hühn, Silke Trost und Silvia Lörke und wollen vermitteln: Liebe Buchhändler, so viel hat euch der Onlinehandel nicht voraus… wenn ihr es schafft, auch unsere die “zweite-Reihe-Titel” wieder im Sortiment zu platzieren und nicht lediglich die Novitäten, die lediglich 30% des Umsatzes im Fachbuch ausmachen. Es ist eine Ermutigung, wieder auf der eigenen Kompetenz zu vertrauen und sich seinen user generated content selber zu machen - und zwar besser als amazon. (”Machen Sie Umfragen unter ihren Studenten, ranken Sie die wichtigsten Titel ihrer Stammkundschaft!”)
Denn beim Online-Riesen, so erklärt Volker Hühn in diplomatischem Tonfall, wird unter den redaktionell bearbeiteten wichtigsten Titeln germanistischer Fachliteratur [bitte machen Sie eine kurze Pause und fragen Sie sich, worauf es dabei ankommt... gut, weiter gehts...] “Die Welle” genauso unter den Top-Ten gelistet wie der Duden.
Auch deshalb ist dieses Seminar ein lautstarkes “Ihr seid für den Kunden vielleicht nicht cooler als Amazon, aber ihr könnt das besser - und wir helfen euch dabei!”

Das Wachrütteln ist berechtigt: die wachsenden Umsätze der UTB:forum-Verlage kommen nicht in den Buchhandlungen an, sondern werden im Geschäft mit Amazon verzeichnet. So kann die Kooperation auch als ehrenwerter Versuch betrachtet werden, die Präsenz der Fachbuchabteilungen im stationären Buchhandel zu retten.

Fragt sich bloß noch, wofür oder wogegen UTB:forum noch steht. Denn ist die gesteigerte Effektivität der Kooperation angesichts immer marktmächtigeren Großverlagen auf dem Fachbuchmarkt nicht fast schon zwingend?! Dass es die Kleinen zunehmend schwerer haben, ist kein Geheimnis. UTB:forum scheint mir eine elegantes Beispiel in der Disziplin Aus der Not eine Tugend machen.

10. Oktober 2007 um 15:32 Uhr von Katja

VTO wird libreka

Heureka, es ist vollbracht!

Bei der eben zu Ende gegangenen Pressekonverenz der MVB fiel er nun - der gefühlte fünfte Startschuss des jüngsten Branchenkindes - Arbeitstitel Volltextsuche Online, ab heute nun live und bunt und in farbe - www.libreka.de - abgefeuert durch MVB Geschäftsführer Ronald Schild.

Oft angekündigt und nun in einem zehnmonatigen Gewaltakt gestemmt präsentiert sich das Volltext-Such-im-Buch-Portal in gewohnter nahezu gewöhnlicher Web2.0 Optik unspannend aber übersichtlich und damit nutzerfreundlich hantierbar. Ein phantastischer Strauss nicht neuer aber in ihrer Kombination so doch unerprobter Tools laden nun ein, sich im Buch auf Schlagwortsuche zu begeben und sich dann die zuvor entsprechend freigegebenen Seiten anzeigen zu lassen. Schön.

Ein kurzer Abriss der ongoings:

Einführenden Worten von Anja zum Hingst war zu entnehmen, dass “Digitalisierung die Herausforderung und das große übergreifende Thema dieser Buchmesse” sei. Schade - wieder nüschts mit scheene Biecher!

Aber im Ernst - Digitalisierung als Herausforderung zu begreifen - ja, als Thema - ja, aber als das große, übergreifende - Fakten auf den Tisch: von den 19.000 im VLB derzeit vertretenen Verlagen haben es knapp 350 geschafft, bisher etwa 8.000 Bücher einzuscannen, zu hosten und für libreka freizugeben . Auf eine an ihn gerichtete Frage aus dem Publikum der selbstverständlich anwesende Google Deutschlandchef Jens Redmer: “8.000? Das sind bei der google-booksearch Zahlen, die ein einzelner Verlag bringt.” Raunen im Saal, verhaltenes Schmunzeln, vielsagende Blicke und ein leichtes Gefühl peinlicher Berührung meinerseits - und schließlich Dr. F. Jacobi (MIDVOX, ABC ADVANCED BOOK CATALOG) leicht bis mittelschwerst eschauffiert: “Nun erklären Sie mir mal, Herr Schild, wieso das sein muss - wir haben eine gute Volltextsuche und Sie brauchen eine eigene? Immense Kosten - und ich sehe keinen Zusatznutzen.” RUMS. Zur Strafe für seine unverholene Kritik erhielt er dann auch gleich keine Antwort - der Beigeschmack erheblich.

Und weiter? Zukunftsmusiken von Buchhändlerplattformen mit Premiumaccounts für uneingeschränkten Zugriff, Universitätenkooperationen, partnerschaftliche Ergänzungsvorhaben mit der großen Schwester google, die Branchenplattform möchte man werden - wenn ja wenn die Verlage mitmachen.

Ein 7stelliger Betrag ist bisher geflossen, so Ronald Schild, und ja auch schon sehr viel geschafft - nun bleiben wir also weiter dran und verfolgen gebannt, ob es bis zum Ende des Jahres mehr als 10.000 werden, denn: “Wenn wir mit 10.000 Titeln nach einem Jahr herumdümpeln, dann haben wir das Thema vergeigt.” (Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereines / 04.10.2006)

10. Oktober 2007 um 14:18 Uhr von Georg

Die Eröffnung der Messe

Messe - Freiheit, Presse - Freiheit - Kulturgut Buch lädt ein!

Eine Zielsetzung für das Ambitionierte Buch. So formulierten die Eröffnungsredner in ihren Ansprachen die Zielstellung der Buchbranche. Ambition deshalb, weil wir im Gegensatz zu vielen Ländern nun einmal eine Pressefreiheit besitzen und deshalb gerade hier dem Geist nichts im Wege stehen sollte. Genauso wie die Katalaner in der Zeit der Diktatur sollten wir unsere Bildung, Kultur und Freizeit in ein neues Zeitalter begleiten und darum kämpfen. Und der Literatur eine würdigen Stellung in unserer Gesellschaft verschaffen. Frankfurt als Buchhauptstaat begrüßte die Gäste mit der gewohnten Euphorie, wie sie immer zur Messe zu spüren ist. Buchpilger aus allen Ländern tragen auch wieder dieses Jahr all ihr Wissen und ihre Kultur im Hollywood der Bücher zusammen - so wie es die Bürgermeisterin formulierte.

Also liebe Buch-Interessierte, pilgert doch mal nach Frankfurt!!!

Euer Georg

10. Oktober 2007 um 14:17 Uhr von Georg

Lovely Books!

Eine neue Plattform Präsentiert sich

Comunities gibt es mittlerweile wie Sand am Meer, aber immer wieder entdeckt man kleine Juwelen. Lovley Book gehört meiner Meinung nach auf jeden Fall dazu. Weshalb?
Es ist Forum ,auf dem sich nur Buchliebhaber herum treiben. Autoren, Buchhändler, Verleger etc. - alle präsentieren ihre Bücher in ihrem Profil und bewerten diese in den verschiedensten Kategorien. Man kann z.B. einer Krimigruppe oder Autorenfangruppe beitreten, dann erfährt man sogleich etwas über das Raking der einzelnen Titel, also eine von Buchkennern erschaffene Einstufung, und das ist sehr interessant für jeden Sortimenter. Bald folgt eine Anbindung für den lokalen Buchhandel via Web als Bestelllink, so dass jeder, der bei Lovley Books etwas bestellen möchte, dies gleich beim Laden an der Ecke abholen kann.
Also ich finds auf jeden Fall interessant!

Euer Georg

Link zu www.Lovelybooks.de

10. Oktober 2007 um 13:41 Uhr von Christine

Das Bibliotheks-Ding…

… heißt eigentlich “LibraryThing” und ist, ganz kurz gesagt, sowas wie Xing oder das StudiVZ für Bücher. LibraryThing ist also ein typisches Web2.0-Tool, dass dem Nutzer die Katalogisierung des eigenen Bücherregals ermöglicht. Nebenbei kann man dem Buch verschiedene Tags zuordnen, was gleichzeitig Vorschläge mit ähnlichen Bücher macht. Wenn ich also angebe, dass ich “Sofies Welt” von Jostein Garder lesen, dass spuckt die Seite gleich weitere Bücher aus, die mir dann auch gefallen könnten. Der soziale Aspekt kommt natürlich trotzdem nicht zu kurz, denn es werden nicht nur ähnliche Bücher vorgeschlagen, ich bekomme auch noch die Menschen dazu, die diese Bücher gelesen und demzufolge den gleichen Buchgeschmack wie ich haben.

Nach eigenen Angaben sind bis heute ungefähr 280.000 Mitglieder registriert und diese haben schon 260.000 Bücher rezensiert. Ganz kostenlos ist das Ganze aber nicht: Bis 200 Bücher kann man für umme (um mal den hessischen Dialekt ins Blog zu bringen) eintragen, danach kostet die Mitgliedschaft 10 US $ (pro Jahr) oder 25 US $ (auf Lebenszeit).

10. Oktober 2007 um 13:34 Uhr von Fabian

Alfa-Mobil: 4 Mio. Erwachsene in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben

Zuallererst eine Info: Wer das Alfa-Mobil sucht, der sucht lange. Denn der im Katalog angegebene Ort “Agora” stimmt nicht so ganz. Die Messekarte sagt “Agora” befindet sich zwischen Halle 4 und dem Forum. Für die Agora mag dies eventuell zutreffen, für das Alfa-Mobil nicht. Zu finden ist das Mobil definitiv vor Halle 3 (vom Platz aus gesehen am rechten Eingang; auf der Karte: zwischen der rechten Ecke von Halle 4 und der linken Ecke von Halle 3). Und ein Besuch lohnt sich!

Nachdem ich also 20 Minuten gesucht und dann auch gefunden hatte, traf ich beim Alfa-Mobil Horst Uhrig, einen ehemaligen funktionalen Analphabeten. Dieser erzählte mir seine Geschichte:
Nach einer Odyssee von mehreren Jahren des Nicht-Lesen- und Schreiben-Könnens hat er mit 30 Jahren angefangen es zu lernen. Zuvor hatte er als Kind sechs Jahre die Schule besucht, ohne dass es besonders aufgefallen wäre, dass er mit dem geschriebenen Wort nichts anfangen kann. Er hatte dann zwar immer wieder Jobs bekommen, aber - da er nicht Lesen konnte - immer nur solche in denen er richtig harte körperliche Arbeit leisten musste. Obwohl er schon lange das Gefühl hatte, endlich mal Lesen und Schreiben lernen zu müssen, waren die Angebote dies umzusetzen schwer zu finden. Und seine Versuche waren auch nicht immer mit Erfolg gesegnet.

Um wie ein Drittklässler Lesen und Schreiben zu können, muss ein Erwachsener 4 Jahre lernen. Aber Erfolgserlebnisse stellen sich schnell ein. “Das Selbstbewusstsein steigt”, sagt Herr Uhrig. Ein anderer netter Mensch vom Alfa-Mobil klärte mich dann auf:
Analphabetismus schränkt extrem ein. Man kann kein Formular lesen, keine Anleitung, keinen Wegweiser, ebenso wie alles andere auch nicht. Schon das Abheben von Geld an einem Automaten wird zu einem uns (die wir Lesen können) unbekannten Aufwand. Solche Menschen leben in großer Abhängigkeit, wenn auch meist in ebenso großer Unauffälligkeit: Analphabeten kompensieren. So lernen manche Betroffenen in der Schule (gehörte) Seiten aus einem Buch auswendig um sie dann bei Bedarf dem Lehrer als ‘vorgelesen’ präsentieren zu können. Solche ‘Tricks’, um nicht Schreiben zu müssen, setzen sich dann auch im Erwachsenenalter fort: An einem Tag ist die Hand verletzt, an einem anderen Tag ist man krank… aber “man kommt so durchs Leben”, trotz aller Hürden des Alltags. Viele werden sich erst dann ihres Problems bewusst, wenn die Arbeit das Schreiben explizit erfordert. Herr Uhrig hatte Glück: Ein neuer Arbeitgeber hat das Lesen und Schreiben lernen zur Bedingung für eine Stelle gemacht und ihn auch dabei unterstützt.

Die Entscheidung Lesen und Schreiben zu lernen ist eine Entscheidung zur Selbstständigkeit. Bis es zu dieser Entscheidung kommt, haben die Betroffenen meist einen langen Weg hinter sich. Es ist nicht leicht seinen Analphabetismus zuzugeben, erzählt mir der nette Mann am Stand. Viele fürchten Stigmatisierung in der Gesellschaft. “Man wird für dumm gehalten”, sagt mir Herr Uhrig.
Aber: “Aus schüchternen und introvertierten Jungs [Anmerkung: und bestimmt auch Mädels] werden Menschen, die ganz selbstverständlich in Fernsehsendungen gehen, in Radiosendungen und zig verschiedenen Aktionen mitmachen”, so ein anderer Herr am Stand. Einer der ehemaligen Betroffenen am Stand schreibt gerade auch ein eigenes Buch. Die Fähigkeit zum Lesen und Schreiben kann einen Menschen tiefgründig verändern.

Zwischendurch werden wir kurz von einer Dame unterbrochen. Sie möchte Herrn Uhrig die Hand schütteln. Vor zwei Jahren hat sie ihn getroffen. Seitdem bietet sie Alphabetisierungskurse an. Ich muss lächeln.

“Als Erwachsener lernt man schwerer”, so Herr Uhrig, “man muss regelmäßig Lesen und Schreiben, sonst verlernt man es wieder”. Aber “Lesen und Schreiben lernen kann jeder.”

Bild unten: Horst Uhrig, ein ehemaliger Analphabet (wenn ihr ihn seht: ansprechen!)

Weitere Infos: am Stand (Ort: siehe oben) oder unter
www.ich-will-lesen-lernen.de

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