Welche Regeln bestimmen die Kleiderwahl von Frauen? Wer definiert diese ‘Dresscodes’? Antworten gab es im Internationalen Zentrum von der Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun und dem spanischen Philosophen Daniel Innerarity.
Falsch gekleidet ist man heute, wenn man friert, so von Braun. In Deutschland sind die Normen und Regeln, was Frau tragen darf, weitgehend aufgeweicht. Nicht so in vielen anderen Ländern: In Indien z.B. darf der Bauch gezeigt werden, nicht aber die Beine. Allzu lange ist es aber noch nicht her, dass es auch im europäischen Raum eine Kleiderordnung (u.A. zur Kennzeichnung des sozialen Standes / einer Klassenordnung / einer Geschlechterordnung) einzuhalten galt. Natürlich immer im zeitlichen Wandel. Allmählich sind diese Regeln dann bei uns verschwunden, in anderen Kulturkreisen aber bestehen sie fort.
Dresscodes können religiöse, kulturelle oder soziale Ursachen habe. So hat z.B. Paulus (der Apostel) vorgebracht, dass Frauen in Gotteshäusern ihren Kopf zu verschleiern haben. Dies sollen sie deshalb tun, da sie, nicht wie der Mann, direkt nach Gottes Ebenbild geschaffen wurden, sondern nach dem Ebenbild des Mannes. Sie haben daher keine direkte Beziehung zu Gott. Eine ganz andere Begründung als z.B. der Islam sie vorbringt (”Schutz vor sexuellem Begehren” durch Männer).
Zwischendrin wird immer wieder kurz auf männliche Dresscodes geschwenkt. Wärend es bei Frauen die Tendenz gibt den Körper zu betonen, so ist dies beim Mann der umgekehrte Fall. Männer treten in der Öffentlichkeit als asexuelle Wesen auf. Dadurch, dass der Mann sein Geschlecht versteckt, so von Braun, wird er zur Norm (und Neutrum), die Frau zur Ausnahme. Allerdings sei die neutrale Rolle des Mannes durch seine uniforme Kleiderwahl auch ein wenig eine langweilige. So kann er durch seine Kleidung kaum etwas ausdrücken. Frauen können dagegen eine Fülle an Facetten zeigen und so auch die eigene Rolle variieren (oder auch “Masken anlegen”). Die Möglichkeiten der Wahl der Kleidung (bzw. der Rolle) ist zwar “harte Arbeit”, so von Braun, “aber ich nehm’s hin”. Innerarity fügt später hinzu: “Frauen machen mit ihrer Kleidung deutliche Aussagen, wir Männer dagegen verschleiern sehr gut.”
Frauen sind mit ihrer Weiblichkeit dann im Nachteil, wenn sie z.B. politische Laufbahnen oder wissenschaftliche Karrieren anstreben. Sie bekommen Eigenschaften wie Emotionalität, Befangenheit, usw. zugeschreiben, da sie eine “angebliche Neutralität” (wie der Mann durch seinen uniformen, asexuellen Kleidungsstil) nicht zeigen können. Auch prominente Beispiele werden genannt: Ségolene Royal wurden wegen ihrer Weiblichkeit alle ihre Fähigkeiten als Inkompetenzen ausgelegt und hat auch (unter anderem) dadurch ihre Wahl verloren.
Von Braun erklärt, dass eine Geschlechterordnung Basis jeder Gesellschaft und auch Basis das jeweiligen Verstänisses von Natur ist. Daduch, dass die eigene Geschlechterordnung, gekennzeichnet durch Dresscodes, immer als natürlich wahrgenommen wird, werden die ‘Anderen’ (z.B. eine Frau mit Kopftuch) automatisch als unnatürlich wahrgenommen. Kulturelle Abgrenzung findet hier im Grunde nicht über die Dresscodes der Frau, sondern über die jeweilige Geschlechterordnung statt.
Ein Geheimrezept, wie verschiedene Kulturen in einem Land besser zusammen leben können, hat Herr Innerarity zwar nicht, aber einen kleinen Rat: “Es ist besser Besonderheiten bezubehalten, als Universalität herzustellen. (…) Der erste Schritt für das Verständnis zwischen unterschiedlichen Wesen (…) ist die Anerkennung der eigenen Besonderheit.”
Am Ende der Diskussion gibt es dann noch einen Ausblick in die Zukunft der Dresscodes von Frauen: “Es wird sowohl ein weiteres Aufweichen der Dresscodes, aber auch Gegenbewegungen dazu geben”, prognostiziert von Braun. Es ist vorstellbar, dass Frauen, die die fortschreitende “Entkleidung der Frau in der westlichen Kultur in den letzten hundert Jahren” nicht weiter mitmachen wollen, ein Kopftuch tragen werden. Aber auch der Trend zur Verkürzung der Kleidung von Frauen wird sich weiter fortsetzen: “Röcke können noch kürzer werden.”

Bild: Christiane von Braun, Jenny Friedrich-Freksa (Moderation), Daniel Innerarity



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