Was hängen bleibt
Der Tag danach. Luft holen, durchatmen, statt der Kamera-Akkus mal die eigenen aufladen, jede Menge Papier entsorgen … und ein persönliches Fazit ziehen.
Wie ist das nun mit dem elektronischen Lesen? Es hat sich einiges getan im Bereich der digitalen Lesegeräte. So richtig begeistern kann ich mich aber für keines davon. Am Kindle stört mich vor allem, dass man als Nutzer ungefragt an den Amazon Store gekettet wird. Der Sony Reader ist ganz schick, dass er aber nur via Synchronisation mit dem PC mit E-Books beladen werden kann, ist nicht wirklich zeitgemäß. Enttäuscht war ich vom Readius. Eigentlich gefiel mir die Idee eines “ausrollbaren” Displays, aber die Darstellung darauf war, im Vergleich zur elektronischen Tinte, mit der die Konkurrenz arbeitet, grottenschlecht. Aber all das wird vermutlich noch.
Komplett umsteigen aufs digitale Lesen kommt für mich nicht in Frage. Das liegt nicht nur im Stand der Technik oder am Konzept der Kundenbindung, sondern an einem grundsätzlichen Unbehagen: Ich mag einfach nicht neben Handy, iPod und vielleicht Notebook noch ein weiteres Gerät mit mir rumschleppen. Erst recht nicht, wenn es “nur” ein Reader ist. Sinnvolle weitere Funktionen müssten dazu kommen, wie ein brauchbare Notiz-Funktion mit Schrifterkennung, die es erlaubt, zum Beispiel in Konferenzen handschriftlich (und dennoch digital) zu protokollieren.
Ok, und das spielt natürlich auch eine Rolle: Lesen kann ich mir mit einem solchen Gerät durchaus vorstellen - schmökern nicht.
Und sonst? Vieles mehr habe ich gesehen, und noch viel mehr habe ich verpasst. Manche Termine sind wie von selbst geplatzt, weil ich auf dem Weg irgendwo hängengeblieben bin, andere Veranstaltungen habe ich wie geplant besucht, dann aber doch nichts darüber geschrieben, weil sie nichts Neues brachten. Was besonders hängen bleibt, sind die kleinen Begebenheiten am Rande. Renan Demirkan, die in Tränen ausbricht, als sie sagt: “Erst als ich keine Familie mehr hatte, habe ich gemerkt, wie wichtig sie ist. Und ich bitte euch, seid euch dessen vorher bewusst.” Die Frau, die auf den Papp-Müntefering zeigt und zu ihrem Begleiter meint: “Du, der kommt aus demselben Ort wie der Helmut.” Ein genervter Manfred Krug, der seine Interviewerin angrummelt: “Nun schreibe ich mal was anderes, und es ist Ihnen auch wieder nicht recht.” Ein kleiner, alter Mann, der zusammengesunken im Signierzelt sitzt, scheu lächelt und dann schwungvoll “Ernesto Cardenal” in ein Buch schreibt.
Zu guter Letzt gibt’s Bonus-Material:
Renan Demirkan über das Anderssein im eigenen Land, Kultur als Dialog und einen Wunsch von Marcel Reich-Ranicki:
Sven Regener liest aus “Der kleine Bruder”:
Rafik Schami liest nicht - er erzählt:
Der wahre Sportsgeist
Dichtende Rebellen? Julius Fischer sieht gar nicht so aus, aber wenn der Leipziger mit zerfleddertem Papier in der Hand zu slammen beginnt, fliegt bald die blonde Mähne, ein Trommelfeuer aus Worten kommt aus seinem Mund, und fast ist man versucht, mitzuklatschen. Wieso tut der das? “Es ist eine Kombination aus Selbstdarstellungssucht und der Möglichkeit, unmittelbar Reaktionen zu bekommen”, sagt Fischer.
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Übergabe
…des Ehrengast-Staffelstabs (wie heißt das in offiziellem Buchmessen-Deutsch? Gastrolle?) war schon, als ich atemlos im Forum 1 komme.
Alles in Auflösung begriffen, passt zum Messeende, zur Aufbruchstimmung der Verlagsmitarbeiter an den Ständen, zu dem nurmehr müden Herumschlendern der vielen Besucher, die das Schleppen ihrer übergroßen Kalender-Tüten sicher einige (Durchsetzungs-) Kraft gekostet hat…
Journalisten stehen noch hier und unterhalten sich in viielen Sprachen, und die Knöpfe in den Ohren der türkischen Delegation werden nicht menr benötigt.
Zum letzten Mal werd ich mich auf’s Rollband begeben, Richtung Pressezentrum, und meine Sachen zusammensammeln.
Puh, jetzt werde ich auch richtig wehmütig.
Pfeif´ auf die Digitalisierung!
Ich wollte noch kurz auf die schönen schönen schönsten deutschen Bücher hinweisen, die man noch bis heute, 17:30 Uhr in Halle 4.1 (ganz links, Gang Q…) besichtigen kann.
Die Auswahl ist nicht brand-so-neu wie die Auswahl zum Beispiel des zukunftswürdigesten Buches des deutschen Buchwirtschaftsverbandes, sondern von Dezember 2007, aber dafür gibt es jetzt auch schon einen grandios gestalteten Katalog (zu einem grandiosen Preis) zu erwerben, um sich das noch einmal anzusehen… aber viel schöner ist es, diese Werke selbst in die Hände zu nehmen und unmittelbar zu erleben.
An diesem Stand und, mit ein bisschen Glück, in Ihrer Buchhandlung.
Buchgestaltung: L2M3 Kommunikationsdesign, Stuttgart
Lachen macht gesund - hoffe ich
Kurze Zeit später teste ich meine hier beschriebene Theorie an Roger Willemsen. Am Stand von S. Fischer, wo er signiert, spreche ich ihn plump-vertraulich mit den Worten an: “Ach hallo, Herr Willemsen”. Und es klappt: “Ihr Gesicht kenne ich!”, sagt er prompt. “Gut möglich”, antworte ich und mache eine vielsagende Pause. “Sie waren doch auch auf der Veranstaltung”, meint er, und ich nicke einfach mal. Das ist nicht gelogen! Ich war in den vergangenen fünf Tagen auf so vielen Veranstaltungen, das passt schon. Irgendeine mit dem omnipräsenten Roger Willemsen wird sicher auch dabei gewesen sein. Während ich in ein Taschentuch schneuze, schreibt er mir “Gute Besserung” in mein Exemplar von “Der Knacks”.
Auf einem weißen Würfel
der gar nicht zum Sitzen geeignet ist, sitze ich zwischen all den Comics in der Halle SowiesoPunktSowieso und warte, bis mein liebster Mensch sich an den Ständen sattgesehen hat. Es ist seine zweite Stunde auf der Messe dieses Jahr. Daher liegen jetzt Welten zwischen uns.
Außerdem muss ich, glaube ich, gleich weinen. Es war alles wirklich wirklich schön, und jetzt ist es vorbei. Heute war ich auf einer ARD-Bühne, dann im Café Galore und schließlich, oh Freude, auf dem blauen ZDF-Sofa. Es ist ein Glück, wenn der Tag mit einem Termin beginnt, bei dem ein kurzer Aufenthalt in der Maske zum Schminken inklusive ist. Diese Frauen können im Gegensatz zu einem selbst wirklich Wunder wirken, und so sieht man dann den ganzen Tag aus. Auf dem Blauen Sofa muss ich immer wieder auf die Leinwand schielen, auf die ich gerade übertragen werde, und kann mich nicht sattsehen.
Was waren das für Tage! Was für Fürsorge! Immer gab es einen Kiwi-Menschen, der mich gewarnt hat, dass es gleich zu einem Termin geht, mich dahin gebracht hat und wieder abgeholt. Man brachte mir Bionade und Schokoriegel und versicherte, ich sei fabelhaft und unkompliziert. Hatte Pressechefin Gudrun den Eindruck, dass ich das Essen vergessen hatte, rief sie vor einer Lesung beim Veranstalter an und organisierte eine Pizza. Beim Mitschwimmen in der Menge wurde ich schon mal festgehalten, um nicht verloren zu gehen. Und gerade vor Live-Sendungen stand immer jemand bereit, der mir bis zur Toilette folgte und mich wieder an den Drehort begleitete, um sicher zu gehen, dass ich mich nicht plötzlich in Luft auflöse. Das alles ist mir seit meinem siebten Lebensjahr nicht mehr passiert
Ja, die erste-Messe-als-Autorin gibt es nur einmal im Leben. Ich weiß nicht, wie ich zu dem Gefühl komme, gerade einen faszinierenden Kurzurlaub hinter mir zu haben. Und gleich kommt noch mein einziges und letztes Foto.
Danke, Janni!
Das ist witzig - wenn man mal ein Foto gesehen hat und sich dann leibhaftig gegenüber steht und überlegt: Woher kenn ich sie eigentlich? Tja, ich war in diesen Tagen nicht die fleißigste Bloggerin. Aber ich tat, was ich konnte. Da ich wenig um mich herum registriert habe, kamen Berichte aus meinem verworrenen Innenleben. Allerdings habe ich gemerkt, dass manche gar nichts anderes wollen.
Ich habe fast immer, wenn ich nicht gerade herumlief oder in ein Mikro sprach, meinen eee-mini-pc eingeschaltet. Viele Menschen kamen vorbei, streichelten den elektronischen Winzling, sprachen mit ihm und holten sich bei mir Empfehlungen ab. Vielleicht kann der Hersteller (asus) mir zum Dank einen zweiten schenken.
Das Ende naht
Keine Schlangen vor den Toiletten und kein rauschendes Stimmengewirr mehr: Bei uns in Halle 6.2, wo die beiden großen Arbeitszentren der Buchmesse verortet sind (das Literary Agents & Scouts Centre (LitAg) und das Presse-Zentrum) merkt man schon recht deutlich, dass die Buchmesse allmählich ihrem Ende zugeht. Allgemeine Besucher verirren sich nur sehr selten zu uns in die Halle, denn schließlich gibt es hier für sie auch nichts zu gucken. Vom allgemeinen Besucheransturm, der uns gestern sogar Rekordzahlen beschert hat, bekommen wir also kaum etwas mit.
Die Agenten und Scouts haben ihre Deals getätigt und am letzten Messetag meist keine Verwendung mehr für die Tische, die sie im LitAg angemietet hatten. So ist es hier fast so leer, wie es am Montag vor Beginn der Messe noch war.
Auch viele Journalisten sind bereits abgereist: Nur noch wenige besetzen die Arbeitsplätze und schreiben eifrig an ihren Artikeln:
Die Fotowand, die wir hier für die offiziellen Fototermine aufgestellt hatten, wird ebenfalls schon abgebaut. Das übernehmen meine Kollegen Frank (links im Bild) und Norbert:
Auch wir in unseren Büros müssen demnächst schon langsam damit anfangen, unsere Sachen zusammenzusuchen und wieder in die Kartons zu packen. Morgen beginnt dann der Rückumzug vom Messegelände in unsere Büros in der Innenstadt.
Und mein Fazit von dieser Messe? Trotz Stress habe ich in diesem Jahr doch ein wenig Zeit gefunden, durch einige der Hallen zu schlendern und Kurioses zu entdecken. Und ich hatte abends manchmal sogar Zeit und Energie, mal auf eine Party zu gehen (ich sage nur “Exhibitors Night“).
Am meisten freue ich mich jetzt darauf, endlich mal wieder ausschlafen zu können (chronischer Schlafmangel lässt sich während der Messe einfach nicht vermeiden) und das Tageslicht zu sehen. Denn Tageslicht ist in unserer Halle leider Mangelware.
Anstrengend wars. Stressig wars. Lustig wars. Schön wars.
Tschüss und bis zum nächsten Jahr!
“Die Türkei ist ein Jein-Land”
Letzter Messetag. Gestern war in den Nachrichten viel die Rede davon, wie zufrieden der Ehrengast mit seinem Auftritt und dem Echo in den Medien ist. Heute geht es noch einmal um Menschenrechte und Meinungsfreiheit in der Türkei. Amnesty International lädt zur Diskussion ins Forum Dialog. Und bald wird deutlich, was schon hier vor einigen Tagen beschworen wurde: Differenzierung tut not.
These 1: In der Türkei werden Menschenrechte und Meinungsfreiheit mit Füßen getreten.
These 2: Die Türkei hat sichtbare Fortschritte bei den Menschenrechten gemacht.
Beides scheint zuzutreffen.
Mit Beschreibungen in schwarz-weiß wird man der Lage in der Türkei jedenfalls nicht gerecht. Das bestätigt Sanar Yurdatapan, ein Komponist, der nach dem Militärputsch von 1980 aus der Türkei geflohen war, zwölf Jahre im deutschen Exil verbrachte und seit seiner Rückkehr in der Türkei für Meinungsfreiheit streitet. Wer heute die Türkei besuche, sagt er, der mache höchst unterschiedliche Beobachtungen: Einerseits wirke das Land demokratisch - vieles werde offen angesprochen und öffentlich diskutiert. Doch zugleich könne jemand ins Gefängnis geworfen werden, bloß weil er ein kurdisches Lied gesungen hat. Es sei diese Zwiespaltigkeit, die ein eindeutiges Urteil erschwert, und die Yurdatapan mit einem deutschen Begriff umschreibt: “Die Türkei ist ein Jein-Land”. Freiheit und Repression existierten nebeneinander.
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