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18. Oktober 2009 um 20:35 Uhr von Nina

Die Attraktion von Geheimbünden

Das heiß ersehnte "Verlorene Symbol" ist da....

Das verlorene Symbol ist da...

Das wohl meistgeklaute Buch der Messe ist Dan Browns “Verlorenes Symbol”. Der Roman wird als “erfolgreichstes Buch der Geschichte” gefeiert - der Lübbe Verlag ging mit 1,2 Millionen Exemplaren Auflage an den Start, und am Sonntag nachmittag durfte dann endlich auch am Stand verkauft werden. Was fasziniert die Leute bloss so an dem Buch, frage ich mich - und gebe zu, dass ich es noch nicht gelesen habe. Das tun viele Kritiker (Bücher nicht lesen und doch darüber schreiben). Da es auf der Messe auch nicht ganz so einfach ist, mal schnell einen Roman zu lesen, habe ich mich entschlossen, Experten zu befragen.

Vom Lübbe Stand gehe ich um ein paar Ecken und stehe vor dem Stroemfeld Verlag.

KD Wolff heftet sich den Roten Stern an

KD Wolff heftet sich den Roten Stern an

Was steckt hinter der Faszination mit Geheimbünden? Mit Freimaurern? Mit der Weltverschwörung?  ”Die Massen haben oft einen ziemlichen Knall” sagt der Stroemfeld - Verleger KD Wolff auf die Frage, warum Millionen Dan Browns Buch kaufen. Das Geheimnis ziehe an, und Geheimnisse stehen im Mittelpunkt des Romans.  KD Wolff kennt sich aus mit Geheimnissen und Geheimnistuern - er hat gerade ein Buch zu den Illuminaten, einem besonderen Bund von Freimaurern des 18. Jahrhunderts, herausgegeben - Stephan Gregorys “Wissen und Geheimnis: Das Experiment des Illuminatenordens”. “Alle Geheimbünde faszinieren - das Geheimnis selbst zieht an” sagt Lektor Alexander Losse. Das Buch von Gregory handle von der Frage, wie man Menschen überwachen kann und wie man Wissen so verteilt und streut, dass ein perfektes Kontrollsystem entsteht. KD Wolff ergänzt: “Nach Außen trugen die Illuminaten die Aufklärung in die Welt, nach Innen herrschte die vollkommene Kontrolle, um die Mitglieder in Schach zu halten.”

KD Wolff und Alexander Losse mit Gregorys "Experiment des Illuminatenordens"

Um welches Geheimnis ging es den Illuminaten denn, will ich wissen? Um innere, spirituelle Vervollkommnung, sagt Losse. Ja, und wie hat man sich das konkret vorzustellen? Da muss Alexander Losse grinsen. “Naja, sagt er: Das alles war nur ein großer Bluff.” Die Obersten der Illuminaten seien sich dessen stets bewußt gewesen - und hätten das angebliche “Geheimnis” stets nur als Mittel eingesetzt, um mehr Kontrolle zu erlangen über ihre Mitglieder.

Der Bluff der Illuminaten hat Tausende überzeugt - und angeblich die französische Revolution ausgelöst (so munkelt man jedenfalls, ohne belegbare Beweise). Der Bluff von Dan Brown fasziniert Millionen.

Aber vielleicht sollte ich das Buch doch erstmal lesen…

18. Oktober 2009 um 13:35 Uhr von Susanne

Claudio Magris mit Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt

Am Stand des Magris-Verlags Hanser in Halle 3

Der italienische Schriftsteller Claudio Magris ist heute mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Die Verleihung fand vor rund 1.000 geladenen Gästen in der Frankfurter Paulskirche statt, die Laudatio hielt der Historiker Karl Schlögel, der Magris als den Entdecker des „anderen Europa“ ins Zentrum seiner Rede stellte.

In seiner Dankesrede sprach Claudio Magris über die verborgenen Gesichter des Krieges. „Eine Grenze, die nicht als Durchgang, sondern als Mauer, als Bollwerk gegen die Barbaren, erlebt wird, bildet ein latentes Kriegspotenzial“, sagte Magris.

Während es in seiner Jugend die Grenze eine Mauer gewesen sei, um den Osten, das andere Europa, auszuschließen, so seien es heute andere Grenzen, die den Frieden bedrohen.

„Frieden versteht sich nicht von selbst. Er ist weder ein Geschenk der Natur, noch bloße Utopie“, sagte Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, in seiner Begrüßung. „Wo er anzutreffen ist, entsteht er durch uns selbst als ein Resultat unserer Kultur.“ Wenn es ein Medium gebe, das für eine gelingende Kultur der Kulturenbegegnung maßgeblich sei, dann sei es die Sprache und die Literatur.

„Nichts ist so wichtig auf dem Weg zum Frieden wie die Kunst, Kulturen füreinander zum Sprechen zu bringen – so temporär und zerbrechlich ein Anfang auch immer sein mag“, so Honnefelder. Claudio Magris, der diesjährige Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, sei als engagierter Dolmetscher und sprachmächtiger Interpret der Kulturen ein Mensch, der diese Kunst wahrhaft beherrsche.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels vergibt seit 1950 im Rahmen der Frankfurter Buchmesse den mit 25.000 Euro dotierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Mehr zur Preisverleihung gibt es auf dem Portal des Börsenvereins.

17. Oktober 2009 um 19:31 Uhr von Nina

Bilanz des Ehrengasts China

Abschluss-Pressekonferenz des Ehrengasts China

Abschluss-Pressekonferenz des Ehrengasts China

Damit habe Chinas Auftritt in Frankfurt viel erreicht - 2004 etwa waren die deutsch-chinesischen Literaturbeziehungen noch eine Einbahnstraße: Damals wurden 660 deutsche Lizenzen nach China vergeben, aber aus China nach Deutschland nur eine. Für das Staatsamt für Presse und Publikation (GAPP) war das damals ein Schock. Nicht zuletzt aus diesem Grund wurde die Entscheidung für Frankfurt getroffen - und seitdem strengen sich chinesische Verlage noch mehr an, Bücher zu publizieren, die international erfolgreich sein können. “Der Handel mit Lizenzrechten wird noch steigen” prophezeit Zhang Fuhai - der Frankfurter Auftritt Chinas habe den Boden dafür bereitet.

Dann fasste Zhang Fuhai zusammen: Mit rund 400 Veranstaltungen insgesamt und 150 angereisten Autoren sei der Auftritt für China sehr erfolgreich gewesen. Die Lesereisen und Veranstaltungen hatten ja schon im März in Leipzig begonnen. Das Wichtigste sei aber etwas anderes: “Seitdem wir Frankfurter Boden betreten haben, wünschen wir uns eines: in den Dialog mit den Medien zu treten.” Während das deutsche Publikum und die Leser China neugierig und unvoreingenommen begegnet seien, hätten die deutschen Medien manchmal Fehlinformationen verbreitet - “der Ehrengast sollte fair behandelt werden”, kommentierte dies Frank Wöllstein von der PR-Agentur WBCO. Zhang Fuhai fügte hinzu: “Es sind ja noch zwei Messetage - Zeit genug, noch mehr miteinander ins Gespräch zu kommen.”

Liu Zhenyun - Autor des Großstadtromans “Taschendiebe” - zog persönliche Bilanz des Ehrengast-Auftritts China

Liu Zhenyun

Liu Zhenyun

Der Autor Liu Zhenyun - dessen Roman “Taschendiebe” soeben ins Deutsche übersetzt wurde - zog ebenfalls Bilanz. Seit zwei Monaten lebt Liu Zhenyun im Rahmen der Veranstaltungsreihe “Deutschland und China - gemeinsam in Bewegung” in Dresden. Seine Erfahrung bei Lesungen - sei es in Japan, Polen, China oder Deutschland - sei: “Die Menschen lachen an den gleichen Stellen”. Die Messe sei ein Medium, das Menschen verbinde. Gelernt habe er außerdem in Deutschland, dass es nicht so einfach sei, auf einfache Fragen einfache Antworten zu bekommen. Als er einen Freund fragte, wie tief der Rhein sei, sagte dieser: Das hängt davon ab - ob Du mich morgens, mittags oder abends fragst.

Dass die Sicht auf Chinas Literatur und Kultur ebenfalls nicht einfach und eindimensional ist - sondern mindestens so vielfältig wie der Wasserstand des Rheins - hat der Auftritt in Frankfurt sicherlich gezeigt.

17. Oktober 2009 um 16:54 Uhr von Ulrike

“Ich hab’ keine Angst vor Klischees!” - Jan Weiler geht lieber in den Baumarkt als ins Sanitätshaus

Jan Weiler auf dem blauen sofa

Jan Weiler auf dem blauen sofa

Wenn man zu einem Interview mit Jan Weiler, dem Autor des Bestsellers “Maria, ihm schmeckt’s nicht!” geht, erwartet man, dass das witzig und unterhaltsam wird. Manchmal stellt sich in solchen Situationen ja heraus, dass die Leute selbst überhaupt nicht so lustig wie ihre Bücher sind, aber bei Jan Weiler wurde genau das geboten, was ich mir vorgestellt hatte!

Obwohl Weiler gerade ”Das Marcipane Kochbuch” veröffentlicht hat, gesteht er sofort, dass er gar nicht kochen könne. Er könne nur Milch aufschäumen und Karotten schnippeln. Das Kochbuch sei auch nicht der Beginn der totalen Ausschlachtung einer Figur oder eines Themas (”Ich will mit dem Marcipane-Thema jetzt kein “Diddl-Imperium” aufbauen!”) und eigentlich auch kein Produkt des allgemeinen Kochkults, sondern sei einfach aus den Rezepten entstanden, die in dem kleinen Restaurant ,das Weiler mit einem Freund betreibt, auf der Speisekarte stehen.

Natürlich kommt die Rede auch schnell auf Antonio, den “Star” seiner beiden Bücher über das Leben von und mit seinen italiensichen Schwiegereltern (”Maria, ihm schmeckt’s nicht!” und “Antonio im Wunderland”). Was denn sein Schwiegervater, das Vorbild für die Figur des Antonio, zum Erfolg von Weilers Büchern gesagt habe, fragt Moderatorin Miriam Böttger . “Er ist sehr stolz” erklärt Weiler, “- auf sich!” Zu Anfang habe er ihm darum immer stapelweise Freiexemplare der Bücher mitbringen müssen, damit er die an alle möglichen Leute verteilen konnte. Das habe sich dann aber immer recht schnell wieder normalisiert und sei nur jetzt zum Start des Kinofilms noch mal kurz aufgeflammt.

Eigentlich ist Weiler aber da, um seine im September erschienene Kolumnensammlung “Mein Leben als Mensch” vorzustellen. Jan Weilers Kolumnen handeln meist von den alltäglichsten Dingen, und damit ist auch gleich das Geheimnis ihres Erfolgs verraten. Denn die Leser finden sich in jeder seiner Kolumenen wieder. Ganz oft bekomme er Zuschriften, in denen die Leute ihm bestätigten, dass sie GENAU DAS, was er da beschreibt, selbst so erlebt haben, erzählt Weiler. Dass es ein Klischee sei, dass Männer Baumärkte lieben, störe ihn wenig, sagt Weiler. “Ich gehe selbst gerne in den Baumarkt, und dann schreibe ich das auch. Wenn ich das Klischee umgehen wollte und stattdessen sagen würde, ich gehe gerne ins Sanitätshaus, wär das einfach gelogen!”

Weiler erklärt, dass ein Kolumnist sich vor allem aus drei Quellen für seine Texte bediene: seine eigenen Erfahrungen, sein Umfeld, also Familie, Freunde, Bekannte und kleinen Zeitungsnachrichten. Der Nachteil dabei sei, dass man eigentlich rund um die Uhr arbeite, da man ständig beobachte und überlege, wie man diese oder jene Begebenheit verarbeiten könne. Das würde manchmal auch ein bisschen nervig für die Mitmenschen werden, gibt Weiler zu, z.B. für seine Frau, wenn die mit ihm schimpfe und immer Angst haben müsse, dass das dann in der nächsten Kolumne verarbeitet werde. Seine elfjährige Tochter habe ihn neulich schon beiseite genommen, und ihm eindringlich erklärt, dass sie gewisse Themen über sich auf keinen Fall in der nächsten Kolumne lesen wolle. Dass sie schlecht in Latein sei, könne er ruhig sagen, aber dass sie in Vincent verliebt sei, dürfe er auf gar keinen Fall schreiben, berichtet Jan Weiler freimütig dem Publikum!

So nah kämen seine fiktiven Figuren den realen Vorbildern aber sowieso nie, sagt Weiler abschließend. Ein bisschen Privatsphäre wolle man ja schließlich auch noch haben, und so würde er zum Beispiel auch nie über seinen Hund schreiben - das wäre ihm viel zu intim!

17. Oktober 2009 um 14:22 Uhr von Susanne

Håkan Nesser: Ein charmanter Plauderer entzückt seine Leserschaft

Hakan Nesser auf dem Blauen Sofa

Håkan Nesser auf dem Blauen Sofa

Die Frage, wieviele Männer in Schweden ein paralleles Leben führen wie Herr Roos, ließ Håkan Nesser diskret unbeantwortet. Mehr noch: Er gab sie an sein Publikum weiter: “How many of you have a secret cottage in a wood?”.

Es gingen nicht wirklich viele Hände hoch. Dafür gab es einige Lacher. Was immer sie zu bedeuten hatten. Herr Roos jedenfalls, die ältliche Hauptfigur in Nessers neuem Roman “Das zweite Leben des Herrn Roos”, hat plötzlich die Chance bekommen, ein anderer zu werden - ohne dass es seine Gattin merkt, für die er eh nur noch “eher ein Möbelstück als ein lebendiger Mensch” ist. 

Aber man ahnt es schon. Ein solches Parallel-Leben, in dem zudem noch eine 40 Jahre jüngere Drogenabhängige eine entscheidende Rolle spielt - “no, no it’s not a Lolita-Story, they are just friends” - , kann nicht gut ausgehen. Auch nicht im Roman, weshalb aus dem ”Mainstream-Roman” irgendwann ein Krimi geworden sei.

Nesser ist ein guter Plauderer, der sich auf charmante Art darüber bewusst ist, dass das hier (auch) eine Werbeveranstaltung für seinen Roman ist. Und er weiß auch, dass er sich leisten kann, über den deutschen Schwedenkrimi-Hype zu spötteln. “Wenn Sie ein rotes Holzhaus auf dem Cover sehen, kaufen Sie das Buch, weil Sie denken: ‘Ah, das ist ein Schwedenkrimi’”.

Inspektor Barbarotti, der durch Herrn Roos seinen zweiten Fall zu klären hat, hat sich übrigens plötzlich in das Schriftstellerleben von Nesser geschlichen, als dieser gerade eine Schreibblockade hatte.

Der “begnadete Krimiautor”, wie ihn die deutsche Presse schon enthusiastisch betitelte, erzählt, dass er dann ins Gespräch gekommen sei mit Barbarotti. Sie scheinen sich gut verstanden zu haben. Denn B. wurde seine neue Hauptfigur. Die jedoch eine Bedingung stellte: Sie wollte nicht nur in einem Buch vorkommen.

Jetzt wird es es insgesamt fünf Barbarotti-Krimis geben. Der Inspektor dürfte damit zufrieden sein und Nessers Leserschaft vermutlich auch.

16. Oktober 2009 um 20:02 Uhr von Nina

Grass & Sommer: Geballte Energie trommelt und textet

Günter Grass und Baby Sommer

Günter Grass und Baby Sommer

Es war einmal ein Blechtrommler, der hieß Oskar, und sie nahmen ihm seinen Spielzeughändler… Es war einmal ein Spielzeughändler, der hieß Markus und nahm mit sich alles Spielzeug aus dieser Welt”…

 

Rund Fünf Meter vor mir auf der Bühne stößt der Free-Jazzer Baby “Günter” Sommer in ein Horn, wirbelt auf Trommeln, schlägt an Holzblöcken, rührt an ein großes goldenes hängendes Becken.

Neben ihm auf der Bühne spricht Günter Grass die berühmten Sätze aus der “Blechtrommel”. Vor 50 Jahren hatte Grass den Roman veröffentlicht und damit ein Stück Literaturgeschichte geschrieben. Nicht nur in Deutschland, weltweit: Helen und Kurt Wolff waren es, die mit ihrem Verlag Pantheon Books die “Blechtrommel” in die USA brachten - und von dort aus begann die Weltreise des Romans in über 52 Sprachen.

Baby Sommer

Baby Sommer

Zum Geburtstag der “Blechtrommel” - und zum 82. Geburtstag von Günter Grass - haben sich die beiden Rhythmus-Künstler zusammengefunden auf der Bühne, hier im großen Kino der Buchmesse. Die beiden strahlen geballte Energie aus. “Die schwarze Köchin ist da, sie ist da, sie ist da”. Bei diesen Worten - und Trommelschlägen - läuft es mir kalt den Rücken herunter. Die Performance der Beiden ist unwirklich, traumhaft, bewegend. Ein Blitzlichtgewitter umgibt die Künstler - fast die ganze Zeit drängen sich Fotografen und Kameras um sie.

Bereits Mitte der Achtziger Jahre hatten Grass und “Baby Sommer” unter dem Titel “Es war einmal ein Land” eine musikalische Lesung des Romans aufgenommen. Sie scheinen in einem ganz eigenen Rhythmus zu schwingen, und es ist ein Glücksfall, dass sie sich - der sächsische Trommler und der Danziger Autor - getroffen haben und seitdem immer wieder zusammen arbeiten. Und für mich war es ein Glücksfall, dass ich an diesem Buchmesse-Freitag mit dabei sein konnte.

16. Oktober 2009 um 20:01 Uhr von Susanne

Von der Freiheit des Denkens und der Notwendigkeit zu schreiben

Gao Xingjian

Gao Xingjian: Ein gutes Werk setzt klares Denken voraus

Eigentlich sollte es über das Leben und Schreiben in zwei Kulturen gehen. Aber es ging im Wesentlichen um Sprache und Literatur, das, was Gao Xingjian und Yang Lian ausmacht.

Obgleich beide seit vielen Jahren “Daheim im Dazwischen” sind.  Xingjian lebt seit 21 Jahren in Paris, Lian ist heute in London zuhause. Die Grenzen seiner eigenen Sprache und zu überwinden, sei eine große Herausforderung, so die Autoren. Zu emigrieren, sei ein lebenslanger Prozess.

“Um äußere Zwänge zu überwinden, muss ein Autor innere Zwänge überwinden”, sagt Lian, Poet und Essayist. Ziel sei es zu einer inneren Freiheit zu kommen. “Wenn ein Schriftsteller eine innere Freiheit besitzt, zeigt sich das im Schreiben”, so Xingjian.

Innere Freiheit und Freiheit des Denkens hängen vermutlich zusammen. “Ein Schriftsteller muss auch ein Denker sein”, sagt Xingjian. Denken allein reicht aber nicht aus. Klarheit ist ein Begriff, der jetzt häufiger fällt. Denn: ”Wenn ich nicht klar denke, kann ich auch nicht klar schreiben”.

Egal ob es um Prosa oder um Lyrik handelt. “Ich habe meine Gedichte immer als Verbindung von Denken und Kunst bezeichnet”, so Lian.

Beide Autoren, die im Internationalen Zentrum der Literaturkritikerin Verena Auffermann Rede und Antwort stehen, sind solch klare Denker. Ihnen zuzuhören, wie sie über die Notwendigkeit des Schreibens, Sprache, die Wirkung von Literatur, die Freiheit des Denkens und Wahrheit sprechen, ist eindrucksvoll und inspirierend.

Spannend fand ich aber auch, dass ihre Antworten (zumindest in meinen rein westlichen Ohren) mit der  Frage nicht viel zu tun hatten. Oder sie in Tiefen ausloteten, denen zu folgen mir nicht immer leicht fiel. Deswegen habe ich mir vorgenommen, nach der Buchmesse Xingjians autobiografischen Roman “Der Berg der Seele” lesen. Denn ich möchte mehr erfahren, über die Gefühle des Autors, die “Sprache zum Ausdruck bringen kann”.

15. Oktober 2009 um 17:08 Uhr von Susanne

“Alle anderen sind aufgeregter als ich”

Herta Müller: Zu Gast bei allen Sendern
Herta Müller: Zu Gast bei allen Sendern

Wenn es die Securitate, den ehemaligen rumänischen Geheimdienst, noch geben würde, wäre sie sicherlich nicht erfreut über den Rummel um Herta Müller. Als die frisch gekürte Literaturnobelpreisträgerin heute bei 3sat in Halle 4.1. zu Gast war, war der Andrang riesengroß und der Beifall ebenso.

Sie selbst nimmt den Kult und die Aufregung um ihre Person und den Preis recht gelassen. “Alle anderen sind mehr aufgeregt als ich”, sagte Müller, eine zierliche Person, deren Präsenz umso eindrucksvoller ist.

Ebenso beeindruckend sind ihre Ernsthaftigkeit und ihre Konzentration. Ihre Antworten auf die Fragen von Kulturzeit-Moderator Ernst A. Grandits sind überlegt, sehr genau, und wenn es ihr drauf ankommt, auch schlagfertig.

Es geht ums Schreiben: “Mir gibt das Schreiben einen Halt”.

Es geht um Sprache: “Das Rumänische schreibt mit”.

Es geht um ihren neuen Roman “Atemschaukel” (Hanser) über die Deportation von Rumäniendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg in sowjetische Arbeitslager: “Der Text verlangt sein Aussehen, dem muss ich gerecht werden”.

Es geht um ihre Einschätzung des Ehrengast-Auftritts: “Ein Staatsausflug mit Schriftstellerzierde”.

Dann ist die halbe Stunde leider schon vorbei, dem Literaturstar muss der Weg durch die Menge gebahnt werden, in der auch ich feststeckte.

Deshalb hatte ich auch keine Gelegenheit, ihr (als Tochter einer Überlebenden) persönlich für ihr neues Buch zu danken - was ich hiermit nachhole. In Deutschlandradio Kultur hat Herta Müller vor kurzem ausführlich über “Atemschaukel” gesprochen.

Zum Reinlesen: “Atemschaukel” gibt es heute und am Freitag kostenfrei als E-Book auf Libreka.

14. Oktober 2009 um 14:55 Uhr von Ulrike

Buchpreisträgerin Kathrin Schmidt auf dem Blauen Sofa

 

Kathrin Schmidt mit Wolfgang Herles auf dem blauen sofa

Kathrin Schmidt mit Wolfgang Herles auf dem Blauen Sofa

Nach der offiziellen Preisverleihung von gestern, beginnt für Kathrin Schmidt, Preisträgerin des Deutschen Buchpreises 2009, heute der Interview-Marathon auf den großen Gesprächsbühnen der Messe. Ich bin frühzeitig zur Bühne des Blauen Sofas zwischen Halle 5.1 und 6.1 gekommen, finde aber doch nur noch einen halben Sitzplatz, denn schon morgens um elf sind viele Besucher da, die die frischgebackene Buchpreisträgerin live sehen möchten.

Kathrin Schmidt hat den Deutschen Buchpreis für ihren Roman “Du stirbst nicht” erhalten. Darin geht es um die Geschichte einer Frau, die sich und ihre Sprache nach einer Hirnblutung und dem daraus folgenden Koma völlig neu finden und kennenlernen muss. Der Roman ist in weiten Zügen autobigrafisch, denn die Krankheitsgeschichte der Protagonistin ist auch die der Autorin. Sie selbst aber habe den Schicksalsschlag, der Anlass für das Buch war, gar nicht so stark als solchen empfunden, sagt die Autorin. Darum habe das Buch auch viele komische, satirische und ironische Seiten.

Man merkt, dass Kathrin Schmidt nicht jeden Tag vor großem Publikum auftritt und dass der Rummel, der plötzlich um ihre Person gemacht wird, neu für sie ist. Gleichzeitig strahlt sie aber auch eine große Ruhe und Gelassenheit aus. Sie freut sich über den Preis, ist aber noch mitten drin im Realisierungsprozess über das was nun kommt.

Hat sie die Krankheit verändert ?- Als Mensch mit Zielen und Wünschen und auch als Schriftstellerin, möchte ZDF Moderator Wolfgang Herles wissen. Sie sei schon immer ein eher gelassener, positiv denkender Mensch gewesen. Das habe ihr beim Weg zurück ins Leben sehr geholfen, antwortet die Autorin. Jetzt sei sie vielleicht noch ein bisschen entspannter, was z.B. Konflikte in der Familie betrifft, aber wirklich depressiv sei sie auch in der schwersten Phase der Krankheit nicht gewesen. Für die Schriftstellerin in ihr sei vor allem das Wiederfinden der Wörter von größter Bedeutung gewesen. Früher hingen diese aufgereiht an einer Leine, sagt sie, und sie habe sie nur zusammensetzen müssen. Heute versteckten sich alle Wörter in tiefen Spalten, aus denen sie sie, auch jetzt noch, immer erst herausholen müsse. Ihr Mann kommentiere dies allerdings nur mit der Aussage: “Du bist doch nur normal geworden!” verrät Schmidt lachend. Und nachdem sie zuvor vor allem Lyrisches und weniger Populäres geschrieben hatte, fand eine ihrer Töchter, dass das doch nun endlich mal ein Buch sei, das jeder lesen könne!

“Normal” ist nicht nur ein Wort, das mehr als einmal während des Interviews auftaucht, sondern auch die Empfindung, die man selbst gegenüber Kathrin Schmidt hat. Die Wiedervereinigung, die in ihrem Buch auch thematisiert wird, habe vor allem Normalität für die Menschen in der ehemaligen DDR gebracht, normal findet ihr Mann ihr Suchen nach Worten, ihr jetziges Buch ist laut ihrer Tochter endlich mal für normale Leute geschrieben und normal ist auch Kathrin Schmidt. Und zwar im allerbesten Sinne des Wortes: unaufgeregt, gelassen, offen und verbindlich. Geht ja auch gar nicht anders, sagt sie, “Ich bin Mutter von fünf Kindern, stehe morgens früh auf und habe schlicht keine Zeit größenwahnsinnig zu werden. Vielleicht wenn mal das letzte Kind aus dem Haus ist …!?” Niemals, denke ich und gehe mit einem sehr sympathischen Bild von der Buchpreisträgerin 2009 zum nächsten Termin.

14. Oktober 2009 um 14:16 Uhr von Katrin

Die Autoren und die tanzenden Chefsekretärinnen

wOrtwechsel

Teilnehmer am wOrtwechsel-Experiment: Marcel Beyer, Jörg Magenau (Moderation), Rolf Lappert

Ich möchte die Veranstaltung, die mich heute mit dem Titel “Nachlese wOrtwechsel - Deutsch-Chinesische Literaturbegegnung” ins Forum Dialog gelockt hat, gerne umbenennen. Und zwar etwas sperriger in: “Begegnung deutschsprachiger Menschen, die Schriftsteller sind, mit China.”

Aufgebrochen waren Marcel Bayer und Rolf Lappert und einige weitere Autoren im Mai 2009 auf Einladung unter anderem des Literarischen Colloquiums Berlin, um als „sie selbst” - als deutschsprachige Gegenwartsautoren also - auf Tournee durch Chinas Universitäten zu gehen und dort Kulturtransfer zu leisten. Wovon sie heute aber auf der Buchmesse anschaulich berichteten, war vor allem der Impressionentransfer, den sie selbst in diesen zwei rasanten Wochen geleistet haben:

Wie viel verdienst du denn als Autor? +++ Sie erfuhren von der Faszination, die der Schriftstellerberuf auf die Chinesen ausübt. Unvorstellbar für die meisten, von dieser Tätigkeit leben zu können.

Konfliktpotenzial gesucht +++ Marcel Beyer: „Der eine ist dem anderen erstmal so fremd, dass einem gar nicht einfällt, worin der Konflikt überhaupt liegen könnte.”

Keine Lernroboter +++ Rolf Lappert beobachtete: Obwohl Chinas Bildungssystem von Pauken und Prüfungen dominiert wird, sind die chinesischen Germanistikstudenten, von denen die meisten Germanistikstudentinnen sind, sehr wohl in der Lage, lustig und unbeschwert einen deutschen Abend zu Ehren des Gastdozenten zu gestalten und dabei ausführlich zu kichern - unter dem wohlwollenden Blick ihrer Professoren.

Menuett der Chefsekretärinnen +++ Universitätsausbildung in China ist nicht gleich Universitätsausbildung anderswo: Hier werden Chefsekretärinnen nämlich mancherorts in westlichen Standardtänzen ausgebildet. Auch an Universitäten, die zu erreichen man erst einmal eineinhalb Stunden durch Reisfelder fahren muss (so geschehen um Nanjing).

Die Vorteile des Fremdseins +++ Sich bewegen in einem Umfeld, in dem keine Kommunikation und Orientierung durch Sprache möglich ist - Marcel Bayer kultivierte und genoss sein Fremdsein so richtig. Erst recht, weil er die allgegenwärtigen „Wellness für alle”-Slogans der Regierung hübsch finden konnte.

Mehr zum Experiment und dazu, inwiefern es gelungen ist: http://www.wortwechsel-china.info/

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