Es ist zwei Uhr nachts, ich sitze in meinem Pekinger Hotelzimmer und mich bewegt die Frage: was ist die Geschichte dieser Headline – “Liu Xiaobo formally arrested”? Und warum klicke ich dauernd auf Links, die nicht funktionieren?

Liu Xiaobo, Präsident des chinesischen P.E.N.
Liu Xiaobo (53) schaut aus wie ein Intellektueller und ist auch einer – die deutschen Philosophen des 19. Jahrhunderts, ihre Bejahung des Individualismus, beeindrucken ihn. Der Autor und Philosoph – und Präsident des inoffiziellen unabhängigen chinesischen P.E.N. - wurde am Dienstag abend, 23. Juni, offiziell verhaftet. Vorher wurde er schon seit einem halben Jahr festgehalten in einem fensterlosen Raum., angeblich in einem Hotel am Nordrand Pekings. Getrennt von Familie und Freunden. Jetzt ist die Verhaftung offiziell: Umsturz des Staates und des sozialistischen Systems wird ihm vorgeworfen. Was damit gemeint ist, ist mir nicht klar. Der Schriftsteller hatte im Dezember die Charta o8 mit verfasst, und damit zusammen mit einer Reihe weiterer chinesischer Intellektueller Meinungsfreiheit und Demokratie eingefordert. Das alles weiß ich aus deutschen und englischsprachigen Medien.
Warum ich wegen dieser Meldung hier noch nachts um – mittlerweile halb drei – sitze? Weil ich versuche, im Internet zu recherchieren. Einfach, um mich zu informieren. Und dauernd auf Links komme, die nicht funktionieren. Die Google-Suche war gestern total gesperrt, heute geht sie wieder, aber nur schleppend.
Der Künstler und Aktivist Ai Weiwei verbringt 80 Prozent seiner Zeit im Netz. Er sagte uns am Mittwoch: ”Das Internet ist die Hoffnung, die einzige Möglichkeit, sich frei auszudrücken. Die Fantasie der Menschen kann nicht mehr begrenzt werden.” Dazu kann ich nur sagen: mir fällt es gerade schwer, mir die Umstände von Liu Xiabos Verhaftung vorzustellen, weil ich keine Informationen dazu im Netz finde. Und weil ich kein Chinesisch lesen kann (so wie die Mehrheit der hier lebenden Ausländer und auch Korrespondenten, die in ihrer Recherche angewiesen sind auf chinesische Mitarbeiter).
Was ich zur Geschichte der Meldung finde: Die Nachricht wurde am Mittwoch, den 24. Juni verbreitet. Weil die Meldung zuerst auf der Website der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua (englischsprachig) erschien, wurde sie relativ schnell von ausländischen Medien verbreitet. In den chinesischen dagegen eher selten - wie mir gesagt wurde. Eine Ausnahme habe ich schon gefunden: China Daily (englischsprachig) hatte sie auf der Website. In der Honkonger South China Morning Post steht, Dutzende führender liberaler Intellektueller hätten sich für die Freilassung Liu Xiaobos ausgesprochen. Die Meldung wurde am morgen des 26. Juni von der Nachrichtenagentur Reuters verbreitet.
Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht jedenfalls nicht unter unseren Gesprächspartnern aus der chinesischen Kulturszene. Am 24. Juni sprachen wir mit einem Literaturkritiker, einem Filmemacher, Künstlern und Autoren. Die meisten wussten schlicht und ergreifend nicht, wovon die Rede war, wenn sie angesprochen wurden auf die Verhaftung.
Ein Autor sagte mir, es gebe keine Solidarität unter den Schriftstellern. Einer lese die Werke des anderen nicht (das mag ja in Deutschland nicht anders sein). Im Falle Liu Xiaobos sei das auch gar nicht möglich, da seine Werke in China verboten seien.
Es ist mittlerweile vier Uhr nachts. Ich wünschte, ich könnte Chinesisch.