Pressereise China: 20. – 26. Juni

Eine internationale Gruppe von Journalisten ist vier Monate vor dem Ehrengastauftritt Chinas auf der Frankfurter Buchmesse (14. – 18. Oktober) auf literarischer Entdeckungsreise in Peking unterwegs.

29. Juni 2009 um 13:23 Uhr von Nina

Chinas Verlagsszene hautnah

Dr. Jing Bartz, die Leiterin des BIZ Peking

Dr. Jing Bartz, die Leiterin des BIZ Peking

Lange hat es gedauert, bis die Reise realisiert werden konnte – hier erstmal Dank an unseren Partner, die Robert Bosch Stiftung, für die finanzielle Förderung, und an die litprom – Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e.V. (www.litprom.de) für die Unterstützung!

Jetzt kann’s losgehen mit den Fragen an die chinesische Literatur.

Wer sind die angesagtesten Autoren in China? Was versteht man unter Narbenliteratur? Wie funktioniert die Massenproduktion von Literatur im Netz? Wie lebt es sich als Ausländer in der Pekinger Kulturszene? Und: kann man in China in den Creative Industries das große Geld verdienen?

Unter der kundigen Reiseleitung von Dr. Jing Bartz, der Leiterin des Deutschen Buchinformationszentrums (BIZ) gehen wir auf Entdeckungsreise. Die chinesische Verlagsbranche zeigt sich im Blog aus ganz unterschiedlicher Perspektive: Zwei Landesunkundige (Beate Semmler und Nina Klein) und zwei China-Erfahrene (Ed Nawotka und Veronika Licher) geben ihre ganz persönlichen Eindrücke weiter.

Dank an die Robert Bosch Stiftung für die finanzielle Unterstützung!

Das Projekt wurde von der Robert Bosch Stiftung gefördert

26. Juni 2009 um 21:39 Uhr von Veronika

Hotelgeschichten

Schon wieder Zeit zum Abschiednehmen. Gäste im Nachbarzimmer haben ihre Hautlotion hinterlassen – und eine Après-Sun-Lotion. Letztere findet bei den Zimmermädchen keinen Anklang, nachdem sie mich gefragt haben, was das sei – sonnenbaden ist immer noch verpönt und nur hier gibt es die Spezialcreme für die „weiße Haut“ …

Chinesische Runde für das nächste Geschäftsessen

Chinesische Runde für das nächste Geschäftsessen

Ich treffe mich mit der Sales Managerin des Hotels wegen meines Artikels. Nachdem ich erwähne, dass ich vor zwei Jahren schon einmal hier war und über Hotels in Peking im Vorfeld von Olympia recherchiert und geschrieben hatte, werden nur noch drei Sätze ausgetauscht und sie entschwindet an die Rezeption. Heftige Diskussionen mit den im Hintergrund lauschenden Herren folgen … Ich lasse mir von einer anderen Mitarbeiterin wenigstens noch die edlen Suiten des Hotels und den traditionell gestalteten Meetingraum zeigen … mehrere Treppenstufen führen in ein lang gestrecktes Wartesaal-Szenario, dann eine Sesselrunde, in der vor dem Speisen noch intensiv gequalmt und natürlich Tee getrunken werden kann, und schließlich das wichtigste Element: ein riesiger rot gedeckter runder Tisch; alles mit dekorativer Holzvertäfelung und traditionell gemusterten Tapeten. Man kann sich die verschiedenen Etappen der Besprechungen gut vorstellen…

In andere Zeiten zurück führt uns Xu Xings Film über die Aufarbeitung seiner persönlichen Erfahrungen als Kind während der Kulturrevolution. Zurück von der spontan organisierten nächtlichen Filmführung bei einem Pekinger Kollegen (ganz herzlichen Dank auch an Jutta für die Übersetzung!) plündern wir noch die Minibar und nutzen die Terrasse vorm Speisesaal, um unsere letzten Eindrücke zu verarbeiten und in der lauen Sommernacht die Reise ausklingen zu lassen …War doch ein bisschen wie zu Studentenzeiten …
26. Juni 2009 um 17:45 Uhr von Veronika

Von singenden Stiften und wissendem Papier

Ed führt uns beim Jiaozi-Essen seinen Spezialschreiber vor: Mit diesem lassen sich nicht nur Notizen aufs Papier bringen, sondern er hat auch gleich eine Aufnahmefunktion integriert … Wirklich praktisch! Mithilfe einer eingebauten Kamera findet sich im speziell präparierten Notizbuch dann auch gleich die passende Stelle des Interviews wieder! Dabei kommt das Gerät so unscheinbar daher … Leider ist keine Zeit mehr, in den chinesischen Einkaufszentren danach zu forschen …

Lesende Stifte, mit denen man über das Papier fahren und sich vorlesen lassen kann, gibt’s in China – gerade zum Sprachenlernen – schon seit einigen Jahren. Inzwischen ist die Anzahl der Bücher mit dieser Technik auf einige hundert angewachsen, und die Sprachwiedergabe hat einen angenehmeren Klang bekommen. Die Qualität der chinesischen Produkte hat sich ja ohnehin, wie ich auf den Buchmessen seit dem Jahr 2000 beobachten konnte, insgesamt erheblich verbessert. Und wenn ich an die Büchlein denke, die damals vor 20 Jahren produziert wurden …

Ancient Poetry - wir lassen uns vorlesen ...

Ancient Poetry - wir lassen uns vorlesen ...

Mittags führen mir chinesische Verleger noch einen – allerdings wesentlich größeren – Zeigestift vor, der singen und sprechen kann: Eine Auswahl von nach Themenbereichen ausgerichteten Postern zum Sprachenlernen wird im Restaurant an die Wand gepinnt – und los geht’s. Das Papier ist mit Markierungen versehen, und wenn ich mit dem Stift darauf zeige, bekomme ich entsprechend ein chinesisches Gedicht vorgetragen, eine Pekingoper vorgesungen oder eben auch ganz einfach Vokabeln vorgelesen. Sieht so aus, als müssten Lehrer bald gar nicht mehr selbst sprechen … Der Kellner jedenfalls singt gleich mit.

26. Juni 2009 um 17:23 Uhr von Veronika

Die Agenten kommen

Zu Gast  bei BTT, einem privaten Verlag

Zu Gast bei BBT, einem privaten Verlag, der u.a. Ai Weiwei unter Vertrag hat

Wie soll man in dieser Stadt Zeit finden zum Schreiben – bei einem Rund-um-die-Uhr-Programm und so vielen Ereignissen, Menschen, Orten. Die Stadt wird auch nach Jahren nicht langweilig. Bei dem Treffen mit den bekanntesten Literaturagenten erzählt zwar Lily Chen, die Präsidentin der wohl ältesten Agentur Big Apple Tuttle-Mori, die bereits in den 80er-Jahren den chinesischen Markt erobert hat, die beste Stadt zum Leben sei für sie Taipeh – nur dort könne man auch nachts um jede Uhrzeit so wundervolle Jiaozi essen, wie wir sie gerade serviert bekommen (Teigtaschen in buntesten Farben und vielfältigen Geschmacksrichtungen) – aber ehrlich gesagt, ich finde ein bisschen Ruhe zwischendurch ganz angenehm. Des Business wegen lebt übrigens auch sie in Shanghai.

Beeindruckend, wie Luc Kwanten, ihr Mann, von den ersten Erfahrungen und den Lizenzerfolgen erzählt, vom Da Vinci Code zum Beispiel oder von „Who moved my cheese?“. Der Autor Spencer Johnson hatte darauf bestanden, das Buch als Hardcover herauszugeben – was in China als Erstauflage eher unüblich ist. Dies führte schließlich dazu, dass die legal produzierte Version zwei Monate später mit der raubkopierten Softcover-Variante konkurrieren musste, die übrigens ebenfalls mit demselben Preisaufdruck versehen war und so zumindest einen legalen Eindruck vermittelte.
Apropos legal: Zu Zeiten, als Verträge eigentlich nur mit staatlichen Verlagen abgeschlossen werden durften, bot ihm eine private Kulturfirma 300 000 US-$ für John Gray’s Bestseller „Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“ – gleich mit dem Zusatz, ob er nun darauf eingehe oder nicht, sie würden es sowieso drucken … Später gelang es ihm dann aber doch, einen reellen Lizenzvertrag abzuschließen – und das Buch steht immer noch auf der Bestsellerliste.

Die Agenten sind da: Luc Kwanten und Lu Jinbo

Die Agenten sind da: Luc Kwanten und Lu Jinbo

Und dann war da auch noch Lu Jinbo aus Shanghai. Nach mehreren Stationen, zuerst als Mitarbeiter einer Softwarefirma, dann Internetautor – zwischendurch verkaufte er seine Firma an Bertelsmann – arbeitet er hauptsächlich als Agent junger Erfolgsautoren, die buchstäblich von ihm „gemacht“ werden. Intensive Marktforschungen gehören dazu. Extrem erfolgreich ist er damit. Man nehme z. B. ein hübsches Girl (in Chatrooms und Ähnlichem zu finden), gebe ihr klare Vorgaben, wie die Story aussehen soll – und sein Team hilft ihr dabei, die Geschichte zu konstruieren. Wichtige Fähigkeiten: Wie eine Prinzessin auftreten, lächeln, wenig reden …

26. Juni 2009 um 14:59 Uhr von Edward

Ein chinesisches Festmahl

mmmmhhh! Chinesisches Essen ist so vielfältig (und verwirrend) wie die chinesische Verlagsszene

Da sich während meines Chinabesuchs von morgens um acht bis Mitternacht ein Meeting ans andere reihte, blieb leider kaum Zeit zum Bloggen. Daher zunächst ein kurzer, stichwortartiger Überblick, Details werden nachgeliefert.

Mein Eindruck von der chinesischen Verlagsszene ist ein bisschen so, als würde man an einem chinesischen Bankett teilnehmen: Es ist ein bisschen fremd, ein bisschen vertraut und alles sieht so appetitlich aus, dass man nicht weiß, wo man anfangen soll. Pro Jahr werden in China rund 225.000 Bücher veröffentlicht – etwa genauso viele wie in den USA, wenn man die Titel mitzählt, die im Eigenverlag erscheinen – und es gibt rund 6.000 Verlage. Hier ein paar Informationen:

Verlage: Es gibt unabhängige und staatliche, jeder mit einem eigenen Programm. Die staatseigenen Unternehmen geben den Rahmen vor, die unabhängigen versuchen, an den Rändern eine Nische zu finden, in der sie arbeiten können. Die staatlichen Verlage beherrschen den Bildungsmarkt, der in einem Land wie China riesige Ausmaße hat. Den unabhängigen bringen vor allem Popkultur-Titel Erfolg, mit denen sie die jüngeren Leser beliefern. Einer der Verlage, mit dem wir sprachen, Zito Publishing, bringt sehr erfolgreiche illustrierte Reiseführer zu verschiedenen Regionen Chinas heraus – nicht etwa für Ausländer, sondern für Chinesen. (Chinesische Touristen stellen die am schnellsten wachsende Gruppe von Reisenden auf dem gesamten Planeten dar.)

Buchhandlungen: Staatseigene Buchläden tendieren zu einer gewissen Gleichförmigkeit (was keine Überraschung ist) und verfügen über ein ganz ordentliches Angebot. Die drei unabhängigen Buchhandlungen, die wir besuchten, O2Sun, The Bookworm (eine englischsprachige Minikette) und eine in der Nähe der Universität von Peking, betrachten sich selbst durchweg als Individualisten, die als gesellschaftliche Treffpunkte für Leser und Buchliebhaber fungieren. Sie stellen wahre Independent-Läden dar, nicht anders als die in den USA oder Europa. Die staatlichen Läden haben eine Atmosphäre, wie man sie auch in einer schäbigen Universitätsbuchhandlung in den USA finden könnte.

Autoren: Tja, das ist schon etwas schwieriger, denn ohne Chinesisch lesen zu können, kann ich die Qualität der Werke nicht angemessen beurteilen. Allgemein betrachtet, gibt es eine große Kluft zwischen den Generationen: Auf der einen Seite stehen diejenigen, die in den 80er- und 90er-Jahren geboren wurden und nur die Zeiten der Wirtschaftsreform erlebt haben – die sogenannte „Bailing Ho“-Generation. Auf der anderen Seite stehen die früher Geborenen, die sich an die Geschehnisse von 1989 erinnern und zum Teil sogar daran beteiligt waren. Die ältere Generation wirft den Jüngeren vor, sie würden sich nicht um politische Belange kümmern oder sich sogar davon distanzieren. Die jüngere Generation sagt dazu so gut wie gar nichts und produziert stattdessen Millionen über Millionen von Schriftzeichen in Form neuer Romane – die oftmals ins Internet gestellt werden. (Eine Online-Firma sagte uns, dass auf ihrer Website zur Selbstveröffentlichung von E-Books täglich 8.000 „Romane“ eingingen.)

26. Juni 2009 um 10:41 Uhr von Beate

Abendvorstellung

Im Lebensmittelgeschäft neben Ypsilons Wohnung gibt es keinen Ausländerrabatt. Im Gegenteil.  Xu Xing kann kaum glauben, dass wir 40 statt 30 Yuan für die Mangos blechen sollen. Wir kaufen sie trotzdem, packen noch ein paar Bier dazu und fahren in den 3. Stock.

Dort ist die Wohnung von Christian – Ypsilon – Schmidt, Autor und Mitglied der Zentralen Intelligenz Agentur.  Der hat die Meute beim Hot Pot-Essen in Houhai kurzerhand zu sich nach Hause eingeladen.  Wegen Xu Xing, ebenfalls Gast beim chinesischen Fondue, Dokumentarfilmer und Autor (”Und alles, was bleibt, ist für dich”, Fischer TB, HC bei Schirmer Graf, 2004), ein ernster und manchmal auch zorniger Mann. Der Filmer will den ausländischen Journalisten seinen Dokumentarstreifen zur Kulturrevolution (”Meine Kulturrevolution – Unterwegs  zu den Orten der Erinnerung”)  vorführen, den er 2007 gedreht und schon in Europa gezeigt hat.  Und Ypsilon hat einen Flachbildschirm. Was klar für seine Wohnung als Veranstaltungsort spricht.

Xu Xing erzählt in seinem Film einen Teil seiner eigenen Geschichte: Sein Liebesbrief an eine Mitschülerin, den sie an ihren Lehrer weitergibt, hat fatale Folgen. Der zehnjährige Xu Xing wird von der Schule verwiesen, verliert seine Heimat, seine Wurzeln. Im Film spricht er, 40 Jahre später, mit dem Mädchen und  denjenigen, die ihm damals geholfen haben. Kein großer Film, aber ein sehr persönlicher. Nach der Vorführung beantwortet Xu Xing geduldig unsere Fragen, ist auch nicht genervt von tausendmal diskutierten Fragen zur Rolle Maos,  steigt dann in ein Taxi und verabschiedet sich in die Pekinger Nacht.

26. Juni 2009 um 01:37 Uhr von Nina

Liu Xiaobo formally arrested

Es ist zwei Uhr nachts, ich sitze in meinem Pekinger Hotelzimmer und mich bewegt die Frage: was ist die Geschichte dieser Headline – “Liu Xiaobo formally arrested”? Und warum klicke ich dauernd auf Links, die nicht funktionieren?

Liu Xiaobo

Liu Xiaobo, Präsident des chinesischen P.E.N.

Liu Xiaobo (53) schaut aus wie ein Intellektueller und ist auch einer – die deutschen Philosophen des 19. Jahrhunderts, ihre Bejahung des Individualismus, beeindrucken ihn. Der Autor und Philosoph – und Präsident des inoffiziellen unabhängigen chinesischen P.E.N. - wurde am Dienstag abend, 23. Juni, offiziell verhaftet. Vorher wurde er schon seit einem halben Jahr festgehalten in einem fensterlosen Raum., angeblich in einem Hotel am Nordrand Pekings. Getrennt von Familie und Freunden. Jetzt ist die Verhaftung offiziell: Umsturz des Staates und des sozialistischen Systems wird ihm vorgeworfen. Was damit gemeint ist, ist mir nicht klar. Der Schriftsteller hatte im Dezember die Charta o8 mit verfasst, und damit zusammen mit einer Reihe weiterer chinesischer Intellektueller Meinungsfreiheit und Demokratie eingefordert. Das alles weiß ich aus deutschen und englischsprachigen Medien.

Warum ich wegen dieser Meldung hier noch nachts um – mittlerweile halb drei – sitze? Weil ich versuche, im Internet zu recherchieren. Einfach, um mich zu informieren. Und dauernd auf Links komme, die nicht funktionieren. Die Google-Suche war gestern total gesperrt, heute geht sie wieder, aber nur schleppend.

Der Künstler und Aktivist Ai Weiwei verbringt 80 Prozent seiner Zeit im Netz. Er sagte uns am Mittwoch: ”Das Internet ist die Hoffnung, die einzige Möglichkeit, sich frei auszudrücken. Die Fantasie der Menschen kann nicht mehr begrenzt werden.” Dazu kann ich nur sagen: mir fällt es gerade schwer, mir die Umstände von Liu Xiabos Verhaftung vorzustellen, weil ich keine Informationen dazu im Netz finde. Und weil ich kein Chinesisch lesen kann (so wie die Mehrheit der hier lebenden Ausländer und auch Korrespondenten, die in ihrer Recherche angewiesen sind auf chinesische Mitarbeiter).

Was ich zur Geschichte der Meldung finde: Die Nachricht wurde am Mittwoch, den 24. Juni verbreitet. Weil die Meldung zuerst auf der Website der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua (englischsprachig) erschien, wurde sie relativ schnell von ausländischen Medien verbreitet. In den chinesischen dagegen eher selten - wie mir gesagt wurde.  Eine Ausnahme habe ich schon gefunden: China Daily (englischsprachig) hatte sie auf der Website. In der Honkonger South China Morning Post steht, Dutzende führender liberaler Intellektueller hätten sich für die Freilassung Liu Xiaobos ausgesprochen. Die Meldung wurde am morgen des 26. Juni von der Nachrichtenagentur Reuters verbreitet.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht jedenfalls nicht unter unseren Gesprächspartnern aus der chinesischen Kulturszene. Am 24. Juni sprachen wir mit einem Literaturkritiker, einem Filmemacher, Künstlern und Autoren. Die meisten wussten schlicht und ergreifend nicht, wovon die Rede war, wenn sie angesprochen wurden auf die Verhaftung.

Ein Autor sagte mir, es gebe keine Solidarität unter den Schriftstellern. Einer lese die Werke des anderen nicht (das mag ja in Deutschland nicht anders sein). Im Falle Liu Xiaobos sei das auch gar nicht möglich, da seine Werke in China verboten seien.

Es ist mittlerweile vier Uhr nachts. Ich wünschte, ich könnte Chinesisch.

24. Juni 2009 um 06:28 Uhr von Beate

Big Business und Brotjobs

Sina.com ist Chinas größtes Online-Portal, und macht plüschiges Marketing

Sina.com macht plüschiges Marketing

Sina.com, Konferenzraum, kurz nach 16 Uhr. Der Mahagonitisch ist auf Hochglanz poliert, in der Mitte ein riesiges Blumengesteck und chinesisches Designerwasser. CEO Charles Chao macht klar, dass er Geld verdienen will und das längst tut. An seiner Online-Media-Company kommt in China keiner vorbei, der im Netz unterwegs ist. Auf seinem Portal bloggen Chinas Promis, er hat etliche Millionen User auf seinen Portalen und für fast jedes Online-Bedürfnis einen Dienst. Auch Bücher kann man auf Sina online lesen, gegen Bezahlung. Zum Abschied gibt es zwei Stofftiere in Sina-Gelb (der Hausfarbe, haben die Chinesen angeblich in ihren Wortschatz übernommen) und Telekom-Magenta (haben die Deutschen in ihren Wortschatz übernommen) und das Gefühl, eben eines der einflussreichen Unternehmen Chinas besucht zu haben.

Großstadt-Literatur: Xu Zechens' "Im Laufschritt durch Peking"

Großstadt-Literatur: Xu Zechens' "Im Laufschritt durch Peking"

Thinking Café im Allsage Book Store, kurz nach zehn. An langen Tischen haben sich bekannte Autoren Chinas versammelt, um die Journalisten kennen zu lernen. Fast alle werden die Frankfurter Buchmesse besuchen (dürfen). Zigarettenrauch liegt in der Luft, die Sitzordnung ist unübersichtlich. Xu Zechen, Autorenhoffnung, macht klar, dass er nicht um jeden Preis Geld verdienen will. Auf Ruhm im Ausland verzichte er gern, falls das hieße, anders schreiben zu müssen als bisher. Sein Autorendasein sorge jedenfalls nicht für einen vollen Geldbeutel. Sein Brotjob ist Redakteur. Zhai Yongmings Brotjob ist Cafébetreiberin. Um frei zu sein, sagt sie. „Ein Café zu führen ist ein freier Job, das entspricht dem Job eines Schriftstellers.“ Zum Abschied gibt es gute Wünsche und das Gefühl, eben nur einen Bruchteil des chinesischen Schriftstellerlebens begriffen zu haben.

24. Juni 2009 um 01:21 Uhr von Nina

Profitabel: Belletristik im Netz

Peggy Yuyu, CEO von Dandang, der chinesischen Version von Amazon

Peggy Yuyu, CEO von Dandang, der chinesischen Version von Amazon

 

Mit rund 340 Millionen Internetnutzern steht China weltweit an erster Stelle, 680 Mobiltelefonbesitzer sind auch nicht schlecht, und 32 Millionen Blogger kann man sich nur so vorstellen, dass die halbe Bundesrepublik im schreibfähigen Alter  bloggt und die andere Hälfte (hoffentlich) liest.  Das E-Meeting am dritten Tage der Reise war ein Augenöffner. Im Gehua Creative Center, einem massiven Neubau von unterkühlter Eleganz, stellten sich chinesische  Internetfirmen vor.  Dandang, und Youku kennen auch wir im Westen – ersteres wäre in etwa eine kleinere, rein nationale Variante von Amazon, zweiteres ein chinesisches Youtube mit weniger user-generated content, dafür mehr Profi-Videos (und dem großen Unterschied, wie Youku CEO Viktor Koo betont: Youku ist steht mit 250 Werbekunden kurz vor dem break-even, außerdem setzt die Video-Sharing Site  nur auf  ”sauberen Mainstream” – neben der Zensur spiele hier auch die Sorge um das Wohl des Werbekunden eine Rolle, so Koo)

 Shanda Literature Limited dagegen hingegen dürfte bei so manchen Verlegern und Verbandsleuten in Deutschland (und dem Rest der Welt) für Aufatmen sorgen: von wegen paid content ist tot – es lebe der paid content! Ausgerechnet mit Belletristik macht der junge CEO Xiaoqiang Hou Geld im Netz. Täglich stellen Autoren 8.000 Romane auf die Website ein, insgesamt stehen dort schon 400.000. Die Besten werden von einem Redaktionsteam und aufgrund von Leserempfehlungen ermittelt und von Shanda unter Vertrag genommen. Shanda sichert sich alle Nebenrechte inklusive digitaler Rechte (online, Games, Audio, mobile content, Film etc.), der Autor bekommt meist 50 Prozent am Gewinn.

Xiaoqiang Hou, CEO von Shanda Literature Limited

Xiaoqiang Hou, der CEO von Shanda Literature Ltd.

Der Umsatz kommt mit dem gewinnbringenden Verkauf von Rechten – Hollywood habe angeblich schon mehrmals angerufen, und Interesse an den saftigen Geschichten der Shanda-Autoren angemeldet. Außerdem zahlen die Leser: die erste Hälfte des Buches ist online kostenlos zu haben  - ist die Lust des Lesers dann geweckt, werden 3 RMB pro 1.000 Zeichen fällig.  Bislang stehen 1.400 Autoren unter Vertrag, einige davon verdienen bis zu 1 Mio. RMB (rund 100 000 Euro) pro Werk. Die erfolgreichsten Titel der Internetliteratur finden wieder den Weg zurück ins gute alte Buch und werden von Shanda gedruckt. Der Boom an Internetliteratur in China dürfte einmalig sein und kam 2008 erstmals massiv auf.

Eine eigener E-Reader à la Kindle ist auch in Arbeit und soll pünktlich zur Frankfurter Buchmesse fertig sein. Erst vor kurzem ist sich Shanda mit Penguin einig geworden – hunderte von englischsprachigen Titeln werden über die Shanda-Website ab jetzt ihre chinesischen Leser finden. Übrigens: in Frankfurt will Shanda auch nach deutschen Kooperationspartnern suchen…

24. Juni 2009 um 00:51 Uhr von Beate

Internet: Heute Streik

Ai Weiwei in seinem Atelier

Ai Weiwei in seinem Atelier

Bleistift, Blatt (ein einziges) und Wasserflasche. Das ist die typische Ausrüstung, mit der wir Journalisten bei den offiziellen chinesischen Presseterminen versorgt werden. Üblicherweise steht auch noch ein Becher Tee bereit. Den gibt es heute nur für den Gastgeber im China Art Museum. Fan Di’an, Direktor des China Art Museum, darf aus dem weiß-blauen Porzellan trinken.  Immerhin wird für sein Museum demnächst ein riesiger Komplex gebaut, der vermutlich international für Furore sorgen wird – in welchem Sinne auch immer.  Der Kunstmarkt jedenfalls läuft gut – “nie zuvor haben wir für zeitgenössische Kunst in China so hohe Preise erzielt”, sagt der Direktor und lächelt.

Ai Waiwai hat kein Catering bestellt. Ein Gespräch im Stehen, am großen Tisch, mit Katzen und Cockerspaniel darunter. Dass wir einen der oder DEN derzeit wohl berühmtesten Künstler Chinas in seinem Cao Changdi Village am Stadtrand und in seinem Atelier besuchen dürfen, ist wohl Ehre genug (Ai Waiwai ist der mit den 1001 Chinesen auf der Documenta 2007).  In seinem Land spricht sich der Konzeptkünstler offen gegen die Zensur aus – das haben wir auf unserer Reise bislang nicht oft erlebt.  Neuste Aktion: sein Aufruf zu einem Internet-Streik. Am 1. Juli sollen die Chinesen aus Protest gegen die Zensur im Land (Stichwort: green dam) nicht online gehen – ein frommer Wunsch. Das weiß Ai Waiwai selbst. Die Diskussionen, die er durch seinen Aufruf anstößt, sind sein eigentliches Ziel.

Die leichte Unterhaltung überwiegt beim nächsten Termin. Dort ist auch die Versorgungslage gesichert. Im Künstlerdorf Black Bridge wird ordentlich aufgetischt. Sonderbarerweise fehlt hier der Tee. Aber dafür erfüllt die Gruppe Künstler, die wir besuchen, gleich zwei Klischees: 1. Chinesen können kalligraphieren. 2. Chinesen können Kampfkunst. Unsere Künstler können beides. Morgensüben sie, wie man Schriftzeichen malt, nachmittags, wie man das Qi weckt und was man dann damit machen kann. Beeindruckend. Ein bisschen Qi kann man gut gebrauchen – bei gefühlten 50 Grad im Künstlerhaus.

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