
Impression der non/fiction
Nur wenige Buchmessen können sich diesen Titel leisten: “Internationale Buchmesse für anspruchsvolle Literatur und Sachbuch”, kurz non/fiction. Das klingt elitär, und fast ein wenig abschreckend - ist es aber offensichtlich für russische Leser nicht. Die non/fiction findet jetzt schon zum 11. Mal statt, im Haus des Künstlers gegenüber einem Vergnügungspark, einige Hundert Meter entfernt von der Metro-Station Oktyabriskaya. Rund 280 Aussteller aus 18 Ländern zieht die Messe von 2. bis 6. Dezember an. Noch vor ein paar Jahren war die Messe ein Geheimtip der Moskauer, jetzt sind die Gänge voller Besucher. Franzosen, Polen, Norweger und viele andere Länder sind hier vertreten mit Nationalständen, auch die Deutschen haben einen Gemeinschaftsstand, an dem rund 128 Verlage und Institutionen mit rund 350 Titeln zu sehen sind. Aus Deutschland angereist sind u.a. auch Mirza Hayit, Gesamtvertriebsleiter der Haufe Mediengruppe und Wolfgang Bertrams, Geschäftsführer der Mayerschen Buchhandlung.

Tanja Simon und Olga Ditsch vom BIZ Moskau
Tatjana Simon und Olga Ditsch vom Deutschen Buchinformationszentrum (BIZ) Moskau betreuen den Stand. “Es gibt hier sehr viel Interesse an deutschsprachiger Literatur, aber nur schwer kommen die Leser an sie ran”, sagt Tatjana Simon. Hier liegt auch der Grund, warum die Messe allgemein beim Moskauer Publikum so beliebt ist: Für viele Liebhaber guter Literatur ist sie eine wichtige Quelle, wenn nicht die wichtigste, für neuen Lesestoff. Denn die Achillesferse des russischen Buchmarkts ist die Distribution. Unabhängige Buchhandlungen sind rar, die meisten Buchhandels-Ketten gehören Verlagen, darunter den zwei Giganten des russischen Markts, Eksmo und AST, die beide jeweils rund 13 (Eksmo) bzw. 9 Prozent (AST) Marktanteil haben. In den Buchhandlungen dieser Verlage ist das Angebot der Konkurrenz natürlich nur in Ansätzen vorhanden, wenn überhaupt. In Moskau gibt es außerdem neben unzähligen kleinen Independents noch die großen Buchhandlungen Moskva, Biblio Globus und den Großhändler Top Kniga, der mehrere Buchhandlungen besitzt. Aber sie alle können den Hunger der Leser kaum stillen – aufwändige Displays und andere Marketinginstrumente sind kaum nötig, um die Leser in die bis an die Decke voll mit Büchern gestopften Verkaufsräume zu locken. “Die meisten Verlage meinen, dasss das Internet und Google Book Search dieses Distributionsproblem lösen könnten”, meint Svetlana Zorina, Chefredakteurin der Branchenzeitschrift “Knizhnaja Industrija”. Nur – bislang interessierten sich weder Google noch Amazon allzu stark für den russischen Markt – selbst wenn Amazon Chef Jeff Bezos selbst sagt, sein langfristiges Ziel sei, die weltgrößte Auswahl von Büchern im Angebot zu haben. Google Book Search startete laut der PR-Frau Alla Zabrovskaya in Russland am 27. November dieses Jahres, bereits seit zwei Jahren sei man im Markt .
Eine Veranstaltung des BIZ Moskau und des Goethe Instituts versuchte, die Achillesferse Distribution in den Blick zu nehmen und stellte die Frage “Kann das Internet den russischen Buchmarkt retten?” Mehr dazu in einem der nächsten Blog-Posts….
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Das Verhältnis könnte als eines zwischen Zwerg und Riese beschrieben werden. Und dies gilt nicht nur für die Größe des Länder. In den letzten zehn Jahren wurden nur einige Titel aus dem Tschechischen ins Russische übersetzt! Diese Lage versucht die tschechische Präsentation als Schritt voraus zu verbessern. Zur Messe wurden sieben neue Übersetzungen vorgestellt, unter anderem von Petr Sís “Die Mauer”.
Die zwei Powerfrauen von Svět knihy, dem Organisator der vom tschechischen Kulturministerium finanzierten Präsentation, Dana Kalinová, Geschäftsführerin, und Jana Chalupová, Werbung und PR, haben viel Energie investiert. Es sind zwanzig Autoren mitgereist. Viele von ihnen, wie Jáchym Topol oder Michal Viewegh, sind schon seit Langem ins Deutsche übersetzt, aber nicht ins Russische…

Dana Kalinová und Jana Chalupová
Um so erfreulicher, dass das Interesse des Publikums groß war und der Stand lebendig. Auf diese Weise wurde für die Organisatoren sichtbar, welche Titel als attraktiv gelten können und welche weniger. Es waren siebzehn tschechische Verlage mit Mitarbeitern anwesend. Laut Dana Kalinová gab es vielversprechende Gespräche mit ihren russischen Partnern. Es ist aber eine Arbeit auf lange Sicht.

16 Illustratoren
Es wäre keine tschechische Präsentation ohne Kinderbuch. Gleich im Foyer der Haupthalle wurden 16 tschechische Illustratoren und ihre Werke präsentiert. Im Kinderareal ein Stockwerk höher gab es allerlei zu erfahren. Eine Werkstatt des Projektes “Orbis pictus aneb…” – eine Ausstellung als kontinuierlicher kreativer Prozess. Die Autoren Petr Nikl und Ondřej Smeykal führten Workshops für Kinder und Erwachsene durch, um ihre Kreativität und Fantasie anzuregen. Lucie Seifertová stellte das längste Faltbilderbuch der Welt vor: Die Geschichte des tapferen tschechischen Volkes und einige unbedeutende Weltereignisse. Ob es auch der längste Titel eines Bilderbuchs ist?

Orbis pictus aneb...
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Knizhnoe Obozrenie
“Noch in den 90er Jahren waren die Russen an Politik und Geschichte ihres Landes enorm interessiert. Heute steht auf Platz Eins der Sachbuch-Bestseller der Titel: Ein leichter Weg zur schlanken Figur – Abnehmen für immer”". Die Worte von Alexander Nabokov, Redakteur des Branchenmagazins Knizhnoe Obozrenie, klingen ernüchternd. Wie man viel Geld verdient, wie man das Rauchen aufhört, wie man Kinder erzieht – so geht es weiter auf den Sachbuch-Bestsellerlisten. Damit hat sich Russland dem westlichen Geschmacksdurchschnitt angepasst – was Nabokov als Fortschritt wertet: “Diese Schwelle der großen Umbrüche (also die der “dunklen Neunziger Jahre”) haben wir überschritten”. Immerhin auf Platz fünf der Bestsellerliste findet sich Michail Kassjanows Buch “Ohne Putin”. Der ex- Premier wirft darin Wladimir Putin, dem amtierenden Präsidenten, vor, ein Putschist zu sein. Vor gut zwei Monaten hat Kassjanow am Gedenktag der vor drei Jahren ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja teilgenommen – und mit ihm rund 700 Menschen. So ganz kann die These von der Politikverdrossenheit also nicht stimmen. Die Rolle des Internets in puncto Meinungsfreiheit und Förderung der Zivilgesellschaft ist umstritten – wobei die Zahl der Blogs stetig wächst.
Bei der Belletristik steht an erster Stelle das Genre der sentimentalen Prosa: Weltflucht mit Anna Gavalda oder Stephenie Meyer. Aber auch Krimis sind sehr beliebt – etwa aus der Feder von Daria Donzowa oder Aleksandra Marinina. Aber auch herausfordernde Literatur von Vladimir Sorokin, Viktor Pelewin oder Ljudmila Ulitzkaja ist gefragt.
Mit einer Auflage von 8.000 Stück ist Knizhnoe Obozrenie neben Knizhnaja Industrija eine der beiden führenden Branchenzeitschriften. Siebzig Prozent des Umsatzes werden durch Abos erzielt, der Rest durch Annoncen. Als einziges Medium veröffentlicht Knizhnoe Obozrenie regelmäßig Bestsellerlisten – auf Basis der freiwillig gemeldeten Absätze von 4 großen Buchhandelsketten und rund 15 unabhängigen Buchhandlungen.

Svetlana Zorina vom Branchenmagazin "Book Industry"/ Knizhnaja Industrija
Leider gibt es bislang keine englischsprachige Quelle für Informationen zum russischen Buchmarkt. Svetlana Zorina von der Konkurrenz, dem jungen Branchenblatt Knizhnaja Industrija, glaubt, dass russische Literatur generell mehr Werbung im Ausland vertragen könnte. Ein Instrument auswärtiger Kulturpolitik, wie es andere Länder in Form des British Council (GB) oder des Goethe-Instituts haben, fehlt in Russland bislang. 2007 startete die staatliche Initiative “Russkiy Mir”, noch unter Putin. Mittlerweile scheint das Projekt aber etwas an Fahrt verloren zu haben und sich vor allem auf die Vermittlung der russischen Sprache zu konzentrieren. “Russische Literatur ist im Ausland wenig präsent”, so Svetlana Zorina. Die Gründe seien verschieden: Einmal mangele es an konzentrierter Aktion – mehr als drei verschiedenen Institutionen, darunter neben Russkiy Mir die Federal Agency for Press and Mass Communication, aber auch die private Londoner Stiftung Academia Rossica, seien in diesem Feld tätig. Weiter sei das Interesse russischer Verlage am Lizenzverkauf bislang gering – einer der größten Verlage, AST, habe vor kurzem verlautbaren lassen, dass nur rund 4 Prozent des Gesamtumsatzes mit Lizenzen erwirtschaftet würden. Svetlana Zorina hofft auf andere Zeiten – in denen russische Verlage auf internationalen Buchmessen mehr in die Promotion ihrer Titel investieren und z.B. englischsprachige Inhaltsangaben anbieten.
Darauf hoffe ich auch – weitere Entdeckungen à la “Reise nach Petuschki” von Wenedikt Jerofejew etwa wären einfach wunderbar…
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Wolfgang Bertrams von der Mayerschen Buchhandlung und Mirza Hayit von der Haufe Mediengruppe
“Kann das Internet den russischen Buchhandel retten?” — angesichts der Diskussionen um das Google-Settlement klingt diese Frage fast ketzerisch. Für russische Ohren offensichtlich nicht. Eine Podiumsdiskussion, organisiert vom Deutschen Buchinformationszentrum (BIZ) Moskau und vom Goethe Institut, sollte hier eine internationale Perspektive verschaffen. Mit dabei: Wolfgang Bertrams von der Mayerschen Buchhandlung, Aleksander Iwanow vom russischen Verlag “Ad Marginem”, Vertreter von russischen Buchhandlungen und Internetportalen.

Großes Publikumsinteresse an der Frage: "Kann das Internet den russischen Buchmarkt retten?"
Mirza Hayit von der Haufe Mediengruppe war als Referent für die deutsche Verlagsperspektive eingeladen und bestätigte, was für russische Leser Alltag ist: “Die Distributionsprozesse und die Verfügbarkeit von Büchern ist erschreckend schlecht und komplett auf Moskau und St. Petersburg zentriert.” Internet-Buchhändler wie die russische Amazon-Kopie Ozon.ru sind hier die Gewinner: Im 1. Quartal 2009 konnte Ozon der allgegenwärtigen Rezession trotzen und steigerte seine Umsätze um ein Drittel. Mirza Hayit bleibt jedoch skeptisch: “Der E-Bereich kann eine Chance sein, aber wenn ich mir die Ausstattung der Internet-Zugänge außerhalb der Ballungszentren anschaue, wird dies wohl noch eine Weile dauern. Das gesamte Vertrauen in den Internetbuchhandel scheint seitens der Verlage nicht sehr ausgeprägt zu sein und scheitert nach Aussagen von Ozon ja auch an der mangelnden Bereitschaft der Verlage, verlängerte Zahlungsziele zu gewähren”. Insgesamt konzentriert sich die Internetnutzung in Russland auf die städtischen Ballungszentren: Es gibt es über 40 Millionen Internetznutzer, rund 12 Millionen davon wohnen in und um Moskau. Im Juni 2009 hatten 9,35 Millionen Privathaushalte Breitbandzugang.
In Deutschland ist die digitale Zukunft schon Gegenwart: Während eine Fachverlags-Mediengruppe wie Haufe etwa 1990 noch 90 Prozent ihres Umsatzes über Print machte, sind es 2009 nur noch 50 Prozent. Der Rest wird über online-Aktivitäten, Software, aber auch Seminar-Angebote eingespielt. 2020, so schätzt Mirza Hayit, wird jeder zweite Euro Gewinn aus dem Online-Bereich kommen. “Print wird bleiben, aber Wachstum wird es hier nicht geben.”
Sein deutscher Kollege Wolfgang Bertrams beziffert den Marktanteil der Mayerschen Buchhandlung im Internet mit zehn bis fünfzehn Prozent. Auch für den Business-to-Business Bereich hat sich die Mayersche profiliert, u.a. mit einem eigenen Distributionsangebot für E-Books. Die Mayersche ist die drittgrößte Buchhandelskette Deutschlands (nach DBH und Thalia) mit 1.000 Mitarbeitern und einer eigenen Logistik. Dennoch ist Bertrams skeptisch, was die Zukunft betrifft: “Für den stationären Buchhandel in Deutschland ist das Internet ein Problem” – und nicht die Rettung…
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Alexander Royfe von Litres
Alexander Royfe, CEO von Litres, ist überzeugt: Russland hat das Zeug, die USA in Sachen E-Books zu schlagen. “Russland verfügt über sehr gute Technologien und schränkt die Nutzer nicht ein. Während die USA nur auf Formate wie PDF oder Epub setzen, bieten wir hier alles – und das komplett ohne Digital Rights Management.” Damit akzeptiert Royfe das Unvermeidliche: “Unsere Bestseller sind spätestens innerhalb von 3 Stunden als Raubkopien downloadbar – die Zahl der Piraten ist zu groß, um sich dagegen zu wehren”. Aber mit dem Konzept, den Nutzern alles so einfach wie möglich zu machen, fährt Royfe bislang gut. Mit www.litres.ru präsentierte er sich schon vor ein paar Wochen auf der Frankfurter Buchmesse als Gewinner des russischen Distributions-Debakels. “Die Distribution exisitiert in Russland praktisch nicht, das Internet ist die einzige Lösung für den Buchhandel”, so Royfe. Hinzu kommt noch, dass Print teuer sei: Den neuen Umberto Eco in Hardcover zu kaufen sei mit 500 Rubeln für den Durchschnittsleser einfach zu teuer.
250 000 registrierte Nutzer hat die Website, auf der E-Books in allen Formaten erhältlich sind, gegen alle erdenklichen Zahlungsweisen, sei es per SMS oder per Kreditkarte. Selbst an speziellen Automaten im Stadtgebiet Moskaus können Leser bezahlen. Die verkauften Inhalte sind multimedial, eine eigene Redaktion bearbeitet die Texte, Audio- und Videofiles. Vor gut einer Woche kam noch das Geschäft mit Games hinzu. Das Erfolgsrezept sieht Royfe in der Mischung des Teams von 40 Mitarbeitern: Hier treffen Buchmenschen auf Techies – und verstehen sich dabei sogar. Royfe selbst ist studierter Radiotechniker, arbeitete jahrelang für das Moskauer Magazin “Book Review” als Journalist, bevor er bei publicant.ru, dem Pionier im E-Book-Handel, anfing und dann 2008 als CEO zu Litres wechselte. Heute ist Litres der führende E-Content-Händler Russlands.
Die Buchmesse non/fiction nutzt er vor allem, um mit seinen Kunden zu sprechen – den Großen des russischen Buchmarkts wie AST, Eksmo oder Prosveshenie. Für sie liefert Litres Technologie-Services wie die Umwandlung von Print in E-Book, aber auch das komplette Marketing. Außerdem trifft Royfe hier seine Autoren: Rund drei mal mehr Verträge mit Autoren als mit Verlagen weise das Portfolio von Litres auf. Das Geschäftsmodell in diesem Bereich ist traditionell: Verträge werden nur mit den besten Autoren abgeschlossen, Autoren-Honorare mit eingeschlossen.
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