Direktor der Frankfurter Buchmesse
Stellungnahme von Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, zu den aktuellen Diskussionen um den Ehrengast China
15. September 2009
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Die Frage, ob die Buchmesse selbst der Zensur unterliegen könnte oder gar zensierend tätig ist, ist abwegig. Die Buchmesse ist ein Marktplatz der Freiheit, der durch seine Struktur mit rund 7.000 Verlagen, 2.900 Veranstaltungen und 10.000 Journalisten sicherstellt, dass Zensur nicht stattfindet.
Die Frankfurter Buchmesse ist nicht nur eine Plattform für den Ehrengast China, sie ist ein Podium für Autoren, Bücher und Verleger, für kontroverse Positionen aus allen Ländern. Die These, die der Ehrengast setzt, ruft eine ebenso starke Antithese hervor: In rund 250 Veranstaltungen wird das unabhängige, das andere China erfahrbar. Wir haben den in Paris lebenden chinesischen Literaturnobelpreisträger Gao Xingjian, der in China Publikationsverbot hat, in unser Internationales Zentrum eingeladen. Der in London lebende Lyriker Yang Lian wird mit Gao Xingjian über das Leben und Schreiben in zwei Kulturen sprechen. Eine weitere wichtige Veranstaltung ist die Diskussion über Meinungsfreiheit und Veröffentlichungsfreiheit am Beispiel Chinas, u.a. mit dem uigurischen P.E.N.-Präsidenten Abdulrusul ÖzHun, der in Schweden im Exil lebt, sowie der kritischen Literaturjournalistin Xu Xiao. Die Präsidentin des uigurischen Weltkongresses wird ebenfalls auf der Messe erwartet. Der Künstler Ai Weiwei wird da sein, ebenso wie die in London lebende Journalistin Xue Xinran. Autoren aus Hongkong – wie etwa Leung Ping-kwan – und aus Taiwan – wie Chang Ta-Chun – werden erwartet, das Thema Tibet wird in zahlreichen Veranstaltungen behandelt, nicht zuletzt in der Lesung am Messe-Sonntag unter dem Motto "Die verbotene Lesung" oder in der Diskussion "Tibet abgebloggt – Chinas Angst vor der Meinungsfreiheit" der Tibet-Initiative Deutschland, bei der auch der Abgesandte des Dalai Lama, Kelsang Gyaltsen, dabei sein wird. Das P.E.N.-Zentrum Deutschland wird in Halle 3.1 jeweils zur Mittagsstunde eine "chinesische Stunde" mit Autoren veranstalten, die dem Independent Chinese Center angehören. Bei dieser Veranstaltungsreihe geht es auch um Solidarität mit dem seit mehr als neun Monaten zu Unrecht inhaftierten Autoren Liu Xiaobo.
Das Symposium war ein Testlauf und hat klar gezeigt: Der Diskussionsbedarf zum Thema China ist enorm. Es hat mir persönlich nochmals deutlich gemacht: Die Frankfurter Buchmesse hat mit dem Ehrengast China eine Gratwanderung vor sich, die Standhaftigkeit erfordert. Wir wollen eine Plattform schaffen für die verschiedensten, auch extremen Standpunkte und so den Dialog ermöglichen. Das erzeugt Druck von allen Seiten, dem wir nicht nachgeben dürfen. Dieser Druck kann und soll Motor einer fruchtbaren öffentlichen Diskussion sein. Unser Ziel ist der Dialog sowohl mit dem offiziellen China, als auch mit chinesischen Autoren, Wissenschaftlern, Intellektuellen, aus China und aus dem Ausland. Wir begegnen Chinas Literatur und Kultur unvoreingenommen.
Das offizielle China sagte uns in der Person des ehemaligen Botschafters Mei Zhaorong auf dem Symposium: "Wir sind nicht gekommen, um uns über Demokratie belehren zu lassen." Demokratie und Meinungsfreiheit haben immer mit Reibung zu tun und der Eklat am Wochenende war nur der Anfang einer demokratischen Auseinandersetzung, die auf den Ehrengast China zukommt. Die Frankfurter Buchmesse bietet zwar keine Belehrung in Demokratie, aber sie ist gelebte Demokratie. Das sind die Spielregeln der Frankfurter Buchmesse.
Der Kompromiss unseres Projektleiters, mit den Autoren Dai Qing und Bei Ling zu sprechen und ihnen eine Alternative zum öffentlichen Auftritt auf dem Symposium nahe zu legen, war falsch. Dafür habe ich mich bei den Autoren und der Öffentlichkeit entschuldigt. Kompromisse zu Lasten der Meinungsfreiheit gibt es mit der Frankfurter Buchmesse nicht.
Den Dialog zu ermöglichen ist nicht einfach. Das war uns immer bewusst. Das Symposium hat dies bestätigt. Der Dialog ist jedoch der richtige und einzige Weg.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Juergen Boos
Direktor der Frankfurter Buchmesse
Juergen.boos@book-fair.com
12. September 2009 - 17:00 Uhr
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Nach einem emotionalen Auftakt des Symposiums heute Morgen sind wir nun dort, wo wir hinwollten. Der Diskurs hat begonnen.
Dai Qing und Bei Ling wurde in den vergangenen Tagen und Wochen durch Fehler in der Organisation und Kommunikation des Symposiums viel zugemutet und es war mir und dem P.E.N. wichtig, den beiden zu Beginn der Veranstaltung die Möglichkeit zu einer Stellungnahme zu geben. Dies führte zu einer Programmänderung, die nicht mehr rechtzeitig mit allen Veranstaltungspartnern kommuniziert werden konnte.
Aus diesem Grund hatte ein Teil der chinesischen Delegation vor den Stellungnahmen von Dai Qing und Bei Ling den Konferenzsaal verlassen. Für die nicht erfolgte Kommunikation der Programmänderung habe ich mich bei dem chinesischen Organisationskomitee entschuldigt, woraufhin die chinesische Delegation wieder in den Konferenzsaal zurückkehrte.
Mir legt sehr daran, mit allen Beteiligten - den angereisten Intellektuellen, den Autoren und Wissenschaftlern, den Teilnehmern der offiziellen Delegation und den Medien, einen offenen Dialog zu führen. Ich bin sehr froh, dass dies nach anfänglichen Schwierigkeiten gelungen ist.
Mit den ersten beiden Panels hat ein sehr differenzierter Gedankenaustausch begonnen, an dem sich neben Vertretern des offiziellen China und dem P.E.N. auch Dai Qing und Bei Ling beteiligen. Ich wünsche mir, dass die Zeit bis zur Buchmesse und natürlich die Messe selbst unter dem Zeichen des kritischen Diskurses stehen.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Juergen Boos
Direktor der Frankfurter Buchmesse
Juergen.boos@book-fair.com
11. September 2009
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Die Berichterstattung zu dem Internationalen Symposium "China und die Welt - Wahrnehmung und Wirklichkeit" hat mich getroffen.
Ich bedauere sehr und ärgere mich persönlich darüber, dass es im Vorfeld auf unserer Seite zu Fehlern und unnötigen Kompromissen bei der Organisation und Kommunikation des Symposiums gekommen ist. Diese haben auch zu Missverständnissen und Irritationen in der öffentlichen Diskussion geführt.
Heute Nachmittag wird Peter Ripken, der Projektverantwortliche des Symposiums, Dai Qing am Frankfurter Flughafen abholen. Ich erwarte, dass auch Bei Ling nach Frankfurt kommen und an dem Symposium teilnehmen wird. Darüber freue ich mich und ich erwarte, auch durch die Diskussion über die Teilnahme der beiden Intellektuellen, einen intensiven Diskurs.
Wir setzten weiterhin auf einen Dialog mit allen Partnern, den Autoren und Intellektuellen aus China und aus anderen Ländern, dem P.E.N., dem offiziellen China und natürlich mit den Medien.
Ich versichere Ihnen, dass sich die Frankfurter Buchmesse nachdrücklich für die Freiheit von Rede, Meinung und Presse einsetzt.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Juergen Boos
Direktor der Frankfurter Buchmesse
Juergen.boos@book-fair.com
10. September 2009
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
am kommenden Wochenende wird in Frankfurt das internationale Symposium "China und die Welt - Wahrnehmung und Wirklichkeit“ stattfinden. Unter diesem Motto versammeln sich Intellektuelle, Wissenschaftler, Autoren und Journalisten aus China, Deutschland und Spanien, um in konzentrierter Form ungewöhnliche Einblicke in Chinas moderne Wirklichkeit zu geben. Veranstaltet wird das Symposium von der Frankfurter Buchmesse und dem Organisationskomitee Ehrengast China sowie in Kooperation mit dem P.E.N. Zentrum Deutschland, der Robert Bosch Stiftung, dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und dem Instituto Cervantes.
Ziel des Symposiums ist es, einen Dialog mit dem offiziellen China, aber auch mit Autoren und Intellektuellen wie Mo Yan oder Xu Xing zu ermöglichen.
Voraussetzung für das Zustandekommen des Symposiums war, dass sich die Partner auf eine gemeinsame Liste von Themen und Diskussionsteilnehmern einigen. Auf Wunsch des Organisationskomitees Ehrengast China wurden Dai Qing und Bei Ling von der Liste der Diskussionsteilnehmer gestrichen. Nur unter diesen Umständen war das offizielle China bereit, an dieser Veranstaltung teilzunehmen.
Telefonisch hatte sich Peter Ripken, der Organisator des Symposiums, mit Dai Qing und Bei Ling abgestimmt, das Zustandekommen des Symposiums nicht zu gefährden und daher die Nichtteilnahme von Dai Qing und Bei Ling in Kauf zu nehmen. Das Symposium ist eine der wenigen Veranstaltungen, die die Frankfurter Buchmesse zusammen mit dem Organisationskommittee Ehrengast China und weiteren Partnern durchführt. Ziel ist es, miteinander und nicht übereinander zu reden. Gegenstand der Diskussion ist auch das offizielle China.
Das offizielle Programm des Ehrengasts China mit hunderten Veranstaltungen liegt in der alleinigen Verantwortung des Ehrengasts China und wird vom Ehrengast finanziert, organisiert und durchgeführt. Die Buchmesse koordiniert und berät hier. Hinzu kommt eine in etwa gleich hohe Zahl an Veranstaltungen, die von Verlagen, Medien, NGOs, Stiftungen und Vereinen unabhängig durchgeführt werden. Wir rechnen mit insgesamt rund 500 Veranstaltungen zum Thema China.
In den vergangenen Tagen ist in der deutschen Presse darüber diskutiert worden, ob sich die Frankfurter Buchmesse von ihrem Ehrengast China hinsichtlich der Teilnehmerliste des Symposiums unter Druck setzen lässt. Die Frankfurter Buchmesse lässt sich von niemandem unter Druck setzen und steht als Teil der deutschen und internationalen Verlagsbranche weltweit für die Freiheit von Rede, Meinung und Presse. Die Buchmesse ist mit 7.000 Verlagen, 300.000 Besuchern und rund 10.000 Journalisten ein öffentliches Forum, das nicht manipuliert werden kann.
Im Fall des Symposiums hatten wir uns dafür entschieden, unter schwierigen Bedingungen und nach Beratung mit den Kooperationspartnern, das Gespräch zu ermöglichen und die Veranstaltung nicht abzusagen.
Nach unseren Informationen könnte es sein, dass Dai Qing nun am Wochenende als Besucherin nach Frankfurt kommt und am Symposium teilnimmt. Wir sind gespannt auf die Diskussionen am Wochenende und auf den Austausch mit Ihnen zum Thema China. Ich freue mich auf Ihre Fragen, Kommentare und Anregungen.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Juergen Boos
Direktor der Frankfurter Buchmesse
Juergen.boos@book-fair.com





