Internationales Verlagsranking: Wer ist der größte?

Wer ist der Größte in der internationalen Buchbranche? Welche Entwicklungen gab es? Dieser Frage ist auch 2009 das "Global Ranking of the Publishing Industry" nachgegangen. Wir verraten die Ergebnisse.

Das Ranking ist eine Initiative der französischen Branchenzeitschrift Livres Hebdo und wird erstellt von Rüdiger Wischenbart. Die Branchenmagazine buchreport, The Bookseller und Publishers Weekly geben das Ranking mit heraus.

Wer vom Verlagswesen spricht, denkt zumeist in erster Linie an die kommerziellen Titel der Publikumsverlage oder an gute "alte" Bücher. Aus diesem Blickwinkel betrachtet trägt das Verlagsranking ziemlich europäische Züge. Fünf der zehn größten Verlagsgruppen der Welt legen einen deutlichen Schwerpunkt auf kommerzielle Titel oder Klassiker - und alle fünf haben ihren Hauptsitz innerhalb der europäischen Union: der britische Penguin-Verlag als Teil der Pearson-Gruppe; Random House (immer noch der größte Publikumsverlag in den USA) bei Bertelsmann in Gütersloh; der französische Verlag Hachette Livre; die spanische Grupo Planeta (als einziger Neuzugang in diesem exklusiven Klub auf Platz 8), gefolgt vom italienischen Haus De Agostini Editore.

Grundsätzlicher struktureller Wandel

Bei genauerer Untersuchung fällt jedoch ein Schatten auf die Buchbranche als stolze Vertreterin europäischer Kultur auf der Weltbühne. Bei den Publikumsverlagen hat sich in den vergangenen Jahren ein stetiger Niedergang abgezeichnet, der wohl mehr in einem grundsätzlichen strukturellen Wandel begründet liegt als mit der momentan schlechten Wirtschaftslage. Seitdem das Ranking 2006 zum ersten Mal durchgeführt wurde, ist die Summe der Erträge aller Publikumsverlage innerhalb der Spitzengruppe um mehr als sechs Prozent gesunken - und das trifft sowohl auf die Top Ten als auch auf die Top 20 zu.

Sieht man noch genauer hin, stößt man auf große Unterschiede bei den Umsatzniveaus dieser Buchmarkt-Schwergewichte. Während Penguin und Hachette Livre trotz der schwierigen Wirtschaftslage gut dastehen, hat Bertelsmann mit seinem Buchgeschäft weniger Glück. Gütersloh macht in jüngster Zeit nur noch durch den Verkauf seiner Buchklubs von sich reden statt mit neuen Geschäftsmodellen. Random House schrumpft mit gleichbleibender Geschwindigkeit schon seit mehreren Jahren in Folge. Durch den Erwerb der zweitgrößten französischen Verlagsgruppe Editis tritt die Grupo Planeta nicht länger nur als spanischsprachiger Branchenführer auf, sondern als neuer Global Player mit großen Ambitionen, der auf der Buchmarkt-Weltkarte ein Ausrufezeichen hinter Barcelona setzt.

Starke Wurzeln in den Heimatmärkten

Lässt man den Blick auf der Liste nach unten wandern, wird deutlich, wie sehr die meisten der großen Publikumsverlage in ihren nationalen Heimatmärkten verwurzelt waren, bevor sie international oder sogar global agierten. Darüber hinaus ist ein Großteil - vier der Top 5 - mehrheitlich in Familienhand: Bertelsmann, Lagardère (als Mutterfirma von Hachette), Grupo Planeta, De Agostini. Die einzige Ausnahme bildet hier die Aktiengesellschaft Pearson als Muttergesellschaft von Penguin.

Diese Faustregel trifft ebenfalls zu auf Holtzbrinck (Platz 12), die dänisch-norwegische Verlagsgruppe Egmont, die mit Hilfe grundlegender Umstrukturierungen eine Spitzenposition auf dem europäischen Markt erlangen will, sowie die schwedische Bonnier-Gruppe, die gerade festen Fuß in Deutschland fasst, oder die aufstrebende Grupo editorial Mauri Spagnol, die ihr Geschäft von ihrer italienischen Heimat nach Spanien ausdehnt.

All diese "Horizontalbewegungen" innerhalb Europas leuchten noch mehr ein, zieht man die jüngsten Bestsellerlisten hinzu, die von nicht-englischen Autoren aus allen Teilen Europas erobert werden, die ein riesiges europäisches Publikum ansprechen. Abgesehen von Harry Potter, Stephenie Meyers Vampiren und den Mysterien des Dan Brown, ist der europäische Lesekontinent fest in der Hand seiner eigenen literarischen Marken, die grenzüberschreitend erfolgreich sind: der skandinavische Krimi (beispielsweise Stieg Larsson, Henning Mankell, oder Camilla Läckberg), der historische Barcelona-Roman (Ildefonso Falcones und Carlos Ruiz Zafón), philosophische Pariser Concierges, die über Hegel und Kant sinnieren (Muriel Barbery), "True Crime" aus Italien (Roberto Saviano) und, als größte Überraschung, Sex aus Deutschland (Charlotte Roche).

Diese kulturelle Vielfalt befeuert zwar die Kreativität und sorgt für gut gefüllte Kassen bei den europäischen Branchenführern. Innovation findet jedoch woanders statt. Dies wird noch deutlicher erkennbar, wenn man Vergleiche zu den anderen beiden Hauptgeschäftsfeldern der heutigen Verlagsindustrie anstellt: Fachinformation (zu der auch wissenschaftliche Publikationen gehören) und Bildung.

Starke Veränderungen bei Fachinformation und Bildung

Beide Bereiche haben in den vergangenen Jahren starke Veränderungen durchlaufen. Zusätzlich zu Inhaberwechseln, Fusionen und Übernahmen wurde massiv Kapital abgezogen. Vor allem aber haben sich die Sparten im Zuge der Umstellung von Papier auf digitale Formate von Grund auf neu positioniert und - anstatt einzelne Produkte Exemplar für Exemplar zu verkaufen - Modelle auf Abonnementbasis entwickelt, die den Vorteil haben, regelmäßige Einnahmen zu generieren.

Den Publikumsverlagen steht diese Umwälzung noch bevor, und nicht alle Beteiligten sehen ihr mit Begeisterung entgegen. Dennoch liegt die Vermutung nahe, dass innerhalb der nächsten Jahre auch hier eine ebenso grundlegende Umgestaltung nötig sein wird wie in den Bereichen Fachinformation und Bildung. Dass diese Situation Ängste hervorruft, ist verständlich. Die erfolgreichen Beispiele der Vorreiter geben jedoch Grund zum Optimismus: Denn aller Voraussicht nach führt der Weg nicht in eine Sackgasse, sondern zu einem Neuanfang.

Termin auf der Frankfurter Buchmesse

Der Autor des Rankings, Rüdiger Wischenbart, und die Chefredakteure der Branchenmagazine Livres Hebdo, buchreport, The Bookseller und Publishers Weekly stehen Ihnen auf der Frankfurter Buchmesse auch persönlich für Fragen zur Verfügung. Termin: Mittwoch, 14. Oktober, 11.00 Uhr, Clients Lounge, Halle 8.0 L 993.


 
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