Südafrika: Globale Entwicklungen und lokale Turbulenzen
Als Herausgeberin von Bookmark, dem Nachrichtenmagazin der South African Booksellers' Association, ist Jessica Hadley Grave stets über alle Entwicklungen in der Buchbranche auf dem Laufenden. Sie arbeitet außerdem für die Agentur Magna Carta PR, die drei Jahre in Folge zur besten in Südafrika gewählt wurde. Dazu hält sie Schritt mit den neuesten Entwicklungen und Nachrichten aus anderen Branchen.
Von Jessica Hadley Grave, Bookmark
(Um den vollständigen Artikel in der englischsprachigen Originalfassung zu lesen, bitte pdf-Datei herunterladen.)
Konjunkturschwankungen, schwindendes Vertrauen der Verbraucher und die aufgrund immer höherer Benzinpreise steigenden allgemeinen Kosten… Die südafrikanische Buchbranche wird wie überall auf der Welt auf verschiedenen Ebenen und von vielgestaltigen Faktoren beeinflusst. Im vergangenen Jahr (2007) stiegen allein die Papierpreise um 40 bis 45 Prozent, die Versandkosten legten um 25 Prozent zu.
Weitere globale Phänomene, nämlich der technologische Wandel und der Übergang zu Online-Veröffentlichungen, führen zu Turbulenzen in einer Branche, die bislang davon lebte, gedruckte Bücher zu verkaufen.
“ In Südafrika leben Millionen erwachsener Analphabeten, ...”
Außerdem gibt es in Südafrika eine einzigartige Dynamik mit weitreichenden Auswirkungen auf die Branche: In Südafrika leben Millionen erwachsener Analphabeten, und die Regierung hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, dieses Problem im Rahmen einer umfassenden Alphabetisierungskampagne bis zum Jahr 2012 aus der Welt zu schaffen.
Des Weiteren werden die Lese- und Schreibkundigen in Südafrika heftig umworben, und die Lesegewohnheiten der erwachsenen Südafrikaner sind wissenschaftlich untersucht worden. Die Ergebnisse unter anderem: Zugang zu Büchern ist ein Schlüsselfaktor für das Leseverhalten, und in Südafrika sind Bücher teurer als in vielen anderen Ländern.
Auch der sprachliche Aspekt muss berücksichtigt werden: Südafrika verfügt offiziell über elf Landessprachen, und bis vor kurzem herrschte in neun dieser Sprachen ein nahezu vollständiger Mangel an Literatur. Verschiedene Initiativen wurden ins Leben gerufen, um dieser Tatsache entgegen zu wirken.
Lange Zeit richtete Südafrika auf der Suche nach Literatur seinen Blick über die Landesgrenzen hinaus. Obwohl dies im Großen und Ganzen immer noch zutrifft, wächst auch das Ansehen der südafrikanischen Schriftsteller. Dabei haben Verleger und Buchhändler viel dazu beigetragen, das Interesse an heimischen Autoren zu wecken. Zu deren Förderung organisieren sie außerdem Wettbewerbe, verleihen Preise und halten Veranstaltungen ab, unter denen die enorm erfolgreiche Cape Town Book Fair die größte ist.
Künstliche Flaute trifft die Buchbranche
Ende 2007 unternahm die Regierung Schritte, um die Wirtschaft abzukühlen, deren Konsum lange Jahre hindurch ungebremst gewachsen war. Verleger und Buchhändler bekamen die Konsequenzen direkt zu spüren, denn Bücher gehören nicht zu den lebensnotwendigen Ausgaben und sind daher besonders anfällig für Konjunkturschwankungen. Solange der Negativtrend anhält, wird auch die Buchbranche weiter davon betroffen sein.
Zudem ist der Buchhandel sehr produktabhängig: Verleger und Buchhändler sind sich im Klaren darüber, dass ihr Erfolg vor allem von ihrer Frontlist abhängt und der Trend kurzfristig nur durch Spitzentitel umgekehrt werden kann. Hinzu kommt, dass die Verbraucher jetzt besonders bei Kinderbüchern eher zu preiswerten Produkten wie Taschen- oder gebrauchten Büchern greifen.
“In ihrem ganzen Ausmaß werden sich die Folgen der neuen Wirtschaftspolitik für die Buchbranche wohl erst in der Zukunft zeigen.”
In ihrem ganzen Ausmaß werden sich die Folgen der neuen Wirtschaftspolitik für die Buchbranche wohl erst in der Zukunft zeigen. Zurzeit setzt sich der allgemeine Abschwung noch fort. Wir werden die entsprechenden Zahlen im Lauf der nächsten Monate im Auge behalten müssen, denn sie können uns einen genaueren Einblick in die Reaktion der Käufer, Händler und Verleger von Büchern auf die widrigen Marktbedingungen vermitteln.
Digitale Technologie - nervöser Optimismus
Der Übergang in eine digitale Welt hat auch die Buchbranche stark beeinflusst. 2007 richtete Google ein Büro in Johannesburg ein, und die Zahl der heimischen Bücher, die bei Google Book Search zu finden sind, wächst stetig. Der Online-Buchhandel expandiert rasant, und viele kleinere unabhängige Buchhändler in Südafrika machen sich immer noch Sorgen über die Auswirkungen, die der wachsende Umsatz im Online- und Direktverkauf auf ihr Geschäft haben könnte. Die südafrikanischen Verleger und Buchhändler sind sich durchaus bewusst, dass sie sich dieser neuen Welt anpassen müssen, und die Debatten sind heftig.
“Wie die Inder auch, werden die Südafrikaner voraussichtlich den Computer in seiner heutigen Form überspringen und stattdessen direkt Informationen über ihr Handy abrufen.”
Die südafrikanischen Verleger sind gezwungen, die digitale Technologie möglichst schnell zu übernehmen und ihren Internetauftritt zu verbessern, obwohl viele das Ganze noch aus der Ferne beobachten, um zu abzuwarten, wohin sich der südafrikanische Markt bewegt. Wie die Inder auch, werden die Südafrikaner voraussichtlich den Computer in seiner heutigen Form überspringen und stattdessen direkt Informationen über ihr Handy abrufen. Die mehr als 10 Millionen Menschen, die in Südafrika ein Handy besitzen, bilden einen bedeutenden Markt. Mit Hilfe dieser Technologie könnten viele Vertriebsprobleme gelöst werden, mit denen sich die Branche momentan noch konfrontiert sieht.
Bildung und Bildungsverlage sind im Kommen
Wenn man den Prognosen Glauben schenken kann und die neue ambitionierte Bildungs- und Gesundheitskampagne des ANC beim Wort nimmt, dann ist der Bildungsbereich in Südafrika auf dem aufsteigenden Ast - und mit ihm auch die Schulbuchverleger.
Am schnellsten wächst das Geschäft mit den Volkshochschulen, an denen heute 400.000 Schüler eingeschrieben sind, deren Zahl bis 2014 auf eine Million wachsen soll. Da diese Hochschulen vom Staat finanziert werden, sind die Auswirkungen auf den Etat enorm. Außerdem gibt es in diesem Bereich noch sehr viel Spielraum, um das Geschäft mit Lehrbüchern auszuweiten.
Eine groß angelegte Alphabetisierungskampagne
Annähernd 9 Millionen Südafrikaner sind funktionale Analphabeten. Die Regierung ist sich dieses Problems bewusst, und das Bildungsministerium setzt Maßnahmen in Gang, ihre Zahl bis 2012 zu halbieren und sicherzustellen, dass alle Bürger bis zum Jahr 2020 lesen und schreiben können. Die Regierung plant, im Lauf der nächsten fünf Jahre 6,1 Milliarden Rand für eine groß angelegte Alphabetisierungskampagne unter dem Namen Kha Ri Gude (Lasst uns lernen) auszugeben, in deren Rahmen 4,7 Millionen Südafrikaner bis 2012 lesen und schreiben lernen sollen.
Neue Erkenntnisse aus der Leseforschung
Die bislang erste Studie, die sich näher mit den Lesegewohnheiten der erwachsenen Südafrikaner befasst, wurde 2007 veröffentlicht. Dabei stellte sich heraus, wie wichtig Bibliotheken und vor allem mobile Büchereien für die Leser sind, die sich hier mit Vorliebe mit Lesestoff versorgen. "Deswegen ist dieser Zugangsmöglichkeit größte Aufmerksamkeit zu widmen", so die Empfehlung des South African Book Development Council (SABDC).
Teure Bücher, arme Bevölkerung
Der Zugang zu Büchern ist ein Faktor mit großem Einfluss auf die Alphabetisierung und das Leseverhalten in Südafrika.
“Wie oft zu hören ist, behindern die unnötig hohen Buchpreise weitgehend das Entstehen einer Lesekultur in einem Entwicklungsland, in dem der überwiegende Teil der Bevölkerung in extremer Armut lebt.”
Verschärft wird das Problem noch durch die Tatsache, dass nur in kleinen Auflagen, d.h. unter ungünstigen Bedingungen gedruckt wird. Die Einrichtung des South African Book Development Council im Jahr 2007 lässt jedoch hoffen, dass die zukünftige Entwicklung ähnlich positiv verlaufen könnte wie in Indien: Dort werden Strategien zur Förderung von Büchern seit 1957 umgesetzt, und heute steht Indien von der Zahl der auf Englisch veröffentlichten Bücher her weltweit an dritter Stelle. Gleichzeitig werden aber auch Bücher in 22 Regionalsprachen verlegt.
Mehr Lebensqualität durch Bibliotheken
Die Regierung hat erkannt, dass Bibliotheken einen zentralen Faktor für die Verbesserung der Lebensqualität der Südafrikaner darstellen. Der Zugang der Öffentlichkeit zu Bibliotheken und die Ausweitung der entsprechenden Dienstleistungen sind von entscheidender Bedeutung für den Erfolg und die Leistungsfähigkeit Südafrikas. Daher plant das Ministerium für Kunst und Kultur, mit Unterstützung des Finanzministeriums im Lauf der nächsten drei Haushaltsjahre mehr als eine Milliarde Rand in Gemeindebüchereien zu investieren.
“Ziel ist die Formulierung einer Vision für einen gewandelten Büchereisektor, der die Bildung und die Entwicklung einer Lesekultur unterstützt.”
Außerdem bereitet der Sektor zurzeit unter Federführung der National Library und des kürzlich eingerichteten National Council for Library and Information Services (NCLIS) den Entwurf einer Charta für den Wandel vor. Ziel ist die Formulierung einer Vision für einen gewandelten Büchereisektor, der die Bildung und die Entwicklung einer Lesekultur unterstützt.
Literatur in elf Sprachen
Die Veröffentlichung von Literatur in den verschiedenen Landessprachen birgt zweifelsohne ein großes Wachstumspotential für die südafrikanischen Verleger. Die Publishers' Association of South Africa (PASA) ergriff hier die Initiative: Sie erstellte einen Katalog mit 4.000 Werken in neun Sprachen, in dem Romane genauso verzeichnet waren wie traditionelle Literatur, Kurzgeschichten, Essays, Prosa und Gedichte. Anscheinend sind nach der Veröffentlichung des Katalogs die großen Verlagshäuser eher dazu bereit, sich auch an afrikanische Sprachen zu wagen.
“...außerdem verstärkt die Entstehung einer einheimischen Literatur den sozialen Zusammenhalt.”
In den einheimischen Sprachen verfasste Bücher sind entscheidend für die Weiterentwicklung und den Erhalt dieser Sprachen; außerdem verstärkt die Entstehung einer einheimischen Literatur den sozialen Zusammenhalt. Eines der Haupthindernisse auf diesem Weg ist jedoch immer noch der Mangel an Material.
Heimische Autoren im Rampenlicht
Die Förderung von Autoren ist für die südafrikanische Buchbranche lebenswichtig; verschiedene Initiativen und Veranstaltungen wurden zu diesem Zweck ins Leben gerufen. Literaturpreise sind für die Verlage deswegen bedeutsam, weil sie Büchern ein zweites Leben einhauchen können, was natürlich den Verkauf fördert. Für die Verleger sind Preise auch deshalb nützlich, weil sie Manuskripte einreichen und dadurch neue Bücher auf den Markt bringen können. Außerdem werden potenzielle Autoren dadurch zum Schreiben angeregt. All das ist unabdingbar für die Literaturlandschaft in Südafrika, die sich noch in der Entwicklung befindet, und die Zahl der Preise, die an einheimische Werke verliehen werden, ist höher als je zuvor.
Die Kapstädter Buchmesse beflügelt den Absatz
Die Cape Town Book Fair, gegründet von der Frankfurter Buchmesse und der PASA im Jahr 2006, war für die Geschäftsentwicklung und das Wachstum des Buchhandels äußerst segensreich. Während der einwöchigen Messe im Jahr 2008 wuchs der Handel um 25 Prozent. Es wurden 224.000 Einheiten verkauft im Vergleich zu 222.000 im Vorjahr.
Schlussbemerkung
Die Zukunft der Buchbranche in Südafrika ist nicht nur für ihre Akteure lebenswichtig, sondern auch für den Erfolg der südafrikanischen Nation als Ganzes. Ihre Entwicklung wird von Faktoren der verschiedensten Art beeinflusst, die auf eine Veränderung hinwirken. Was jedoch bleibt, ist das Engagement der gesamten Branche für ihren Fortbestand und für die weitere Förderung der Bildung und der Alphabetisierung in einem Land, das sich noch immer in einer interessanten Entwicklung befindet.
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