Der argentinische Buchmarkt - Vergangenheit und Zukunft
Alejandra Rodríguez Ballester ist Journalistin und Literaturkritikerin. Sie schreibt für Ñ, das Kulturmagazin der Zeitung Clarín.
Die argentinische Verlagswelt war mit einem Umsatz, den der örtliche Verlegerverband Cámara Argentina del Libro auf 600 Millionen Dollar bezifferte, voller Selbstbewusstsein - bis die weltweite Finanzkrise zu einer Konjunkturschwächung führte, deren Folgen noch schwer abzusehen sind. Im Dezember 2008 war die Verunsicherung bei den Verlagen so groß, dass einige von ihnen beschlossen, die Zahl der Neuerscheinungen im Jahr 2009 um rund 15 Prozent zu verringern. Das Weihnachtsgeschäft brachte nicht die von den Buchhändlern erwartete Umsatzsteigerung, sondern erreichte lediglich den Stand von 2007.
“Wir haben den elektronischen Buchmarkt zu wenig im Auge”
Dank einer großen Dichte an Buchhandlungen und einer Alphabetisierungsrate von 97,4 Prozent verfügt Argentinien über die am weitesten entwickelte und spezialisierte Verlagsindustrie im südlichen Lateinamerika. Der argentinische Buchmarkt ist sehr komplex, doch zugleich kann die Branche auf eine lange verlegerische Tradition und hoch qualifizierte Fachleute zurückgreifen.
Im Zuge des steigenden Anteils von Lesern an der Bevölkerung Lateinamerikas kann sich Argentinien künftig zu einer wichtigen Produktionsstätte für das Verlagswesen der gesamten Region entwickeln.
Obwohl die Branche derzeit die Auswirkungen der globalen Turbulenzen zu spüren bekommt, sehen die argentinischen Verleger keinen Grund zur Panik: Schließlich seien sie Krisen gewohnt.
Qualität statt Quantität
Nach der regionalen Wirtschaftskrise der Jahre 2001 und 2002 hat sich die argentinische Verlagsbranche erstaunlich schnell erholt. Innerhalb der letzten sechs Jahre konnte sie ein Wachstum von 42 Prozent verzeichnen.
Im Jahr 2008 wurden 19.414 Neuerscheinungen gelistet. Das sind 2,7 Prozent weniger als im Vorjahr (19.954), wobei jedoch die Gesamtproduktionszahlen deutlich anstiegen: Mit 81,8 Millionen Exemplaren im Jahr 2008 wuchs die Produktion um 15 Millionen gegenüber 2007 (mit 66 Millionen) und um 10 Millionen gegenüber 2006 (mit 71 Millionen Exemplaren). Verleger gehen allerdings davon aus, dass die argentinische Buchbranche ein Niveau erreicht hat, von dem aus künftige Entwicklungen eher die Qualität als die Quantität betreffen werden.
“Derzeit betragen die Verkaufserlöse im Ausland 57 Millionen Dollar, Tendenz steigend. Ein Beispiel für diese positive Entwicklung ist der unabhängige Verlag Ediciones de la Flor, ”
In den 1990er-Jahren, als der Peso per Gesetz an den US-Dollar gebunden war, wurde der Großteil der Bücher importiert oder im Ausland produziert. Seit dem Ende der regionalen Krise hat sich die wirtschaftliche Situation so deutlich verbessert, dass Argentinien sich zu einem Land entwickeln konnte, das selbst Bücher produziert und exportiert. Derzeit betragen die Verkaufserlöse im Ausland 57 Millionen Dollar, Tendenz steigend. Ein Beispiel für diese positive Entwicklung ist der unabhängige Verlag Ediciones de la Flor, 1967 gegründet, der insgesamt 1.000 Titel im Programm hat und 30 Prozent seiner Produktion nach Mexiko, Chile, Uruguay und Venezuela exportiert.
Argentinien - ein guter Standort für Verleger
Ein Indikator für die Dynamik des argentinischen Verlagswesens ist die stetig wachsende Zahl an Neugründungen. Auch mehrere Global Player sind bereits auf dem argentinischen Markt tätig, wie die Verlagsgruppe Random House-Mondadori, die in den 90er-Jahren den regionalen Verlag Sudamericana erwarb, die spanischen Verlagsgruppen Planeta und Santillana oder die kolumbianische Norma-Gruppe. Daneben gibt es zahlreiche kleinere renommierte Verlage, die sich auf Nischen spezialisiert haben, die von den großen Häusern nicht besetzt werden. "Seit 2002 wurden 60 neue Verlage gegründet", so Daniel Divinsky, Verleger von Ediciones de la Flor und Mentor der jungen Verlagsszene. Zu den kleinen dynamischen Verlagen wie Del Zorzal, Adriana Hidalgo oder Katz Editores, die sich in den vergangenen Jahren bereits etabliert haben, kamen 2008 weitere Neugründungen hinzu. Eterna Cadencia etwa, der gerade erst in den Markt eingeführt wurde und von der angesehenen Verlegerin Leonora Diament (zuvor bei Norma) geleitet wird. Oder Negro absoluto, der sich unter der Leitung des Schriftstellers und Fernsehjournalisten Juan Sasturain auf Kriminalliteratur spezialisiert.
Die Auswirkungen der globalen Finanzkrise
Zum jetzigen Zeitpunkt trotzen die kleinen Verlagshäuser der weltweiten Wirtschaftskrise standhaft. "Wir haben unsere geplanten Veröffentlichungen um 20 Prozent gekürzt. Das ist nicht zu viel für uns", sagt Fernando Fagnani vom spanisch-argentinischen Verlagshaus Edhasa. Nach Ansicht von Daniel Divinsky trifft die Krise die großen Gruppen härter als die flexiblen kleineren Verlage. Jorge Vanzulli, Geschäftsführer bei Planeta, der größten Verlagsgruppe in Argentinien, gibt an, dass die spanische Unternehmenszentrale "eine Reduzierung der Neuerscheinungen um 15 Prozent angeordnet" habe. Eine Entlassungswelle habe er jedoch verhindern können, denn "Personalkürzungen wurden bereits während der Krise im Jahr 2002 vorgenommen", wie er betont. Es gibt aber auch Verleger wie Ana Cabanellas (Heliasta, Claridad), die bei ihrer Planung bleiben und sogar neue Reihen starten, um Risiken zu verringern.
Neue Leser, neues Wachstum
Bei einer Bevölkerung von 39 Millionen, von denen 46 Prozent angeben, jährlich vier Bücher (eines pro Quartal) zu lesen, während 52 Prozent Nichtleser sind, ist der argentinische Markt darauf angewiesen, neue Leser zu gewinnen, um weiter wachsen zu können. Dabei ist es sicher von Vorteil, dass Bücher in der argentinischen Gesellschaft sehr hoch angesehen sind, was auch der Besucherandrang bei der Buchmesse in Buenos Aires 2008 deutlich machte. Mehr als eine Million Besucher konnte die Publikumsmesse mit ihren 1.582 Ausstellern verzeichnen. Laut einer Studie des Amtes für nationale Medienkommunikation lesen Frauen aus wirtschaftlich höhergestellten Kreisen und junge Menschen bis zum Alter von 34 Jahren am meisten. Unabhängig von ihrem tatsächlichen Leseverhalten beziffern Argentinier ihre Kaufgewohnheiten mit durchschnittlich einem Buch pro Monat, wobei mit zunehmendem Alter mehr Bücher gekauft werden. Die Verleger sind der Ansicht, dass ein weiteres Wachstum des Marktes von der Leseförderung abhängt. Diese betrachten sie als Aufgabe des Staates, der auch schon mehrere entsprechende Programme über das Bildungsministerium ins Leben gerufen hat.
“Die Verleger sind der Ansicht, dass ein weiteres Wachstum des Marktes von der Leseförderung abhängt. Diese betrachten sie als Aufgabe des Staates,”
Eine weitere Stärke des argentinischen Buchmarktes ist das dichte Netz von Buchhandlungen - nach Angaben des argentinischen Buchhändlerverbandes CAPLA gibt es 660 Buchläden im Land. Alle befragten Verleger sind sich darin einig, dass das Netzwerk des argentinischen Buchhandels aufgrund seiner Flächendeckung und Professionalität das beste in ganz Lateinamerika sei. Es gibt sechs Buchhandelsketten, von denen Yenny-El Ateneo mit 33 Filialen die größte ist. "Die traditionelle Buchhandlung ist der beliebteste Verkaufsort", sagt Planeta-Geschäftsführer Ignacio Iraola. Den Internethandel betrachtet er als untergeordnet, da dieser Trend sich in Argentinien nur sehr langsam durchsetzt. Der Verkauf von Büchern in Supermärkten ist ebenso unbedeutend.
Digitalisierung steckt noch in den Kinderschuhen
Etwa 28 Prozent der Leser geben an, das Internet zur Recherche für akademische Zwecke oder zur Information zu nutzen. Es zeichnet sich also eine gewisse Tendenz dazu ab, digitale Medien aus praktischen oder wissenschaftlichen Gründen zielorientiert einzusetzen.
Manche Verleger, unter ihnen Leandro de Sagastizábal vom Fondo de Cultura Económica (FCE), halten es für wichtig, sich auf die Digitalisierung von Büchern vorzubereiten und neue Vertragsformen und Businesspläne zu erarbeiten. Andere, wie etwa Ignacio Iraola von Planeta, gehen davon aus, dass es noch lange dauern wird, bis das eBook den argentinischen Markt erreicht.
"Wir haben den elektronischen Buchmarkt zu wenig im Auge, und das ist ein Fehler", warnt Ana Cabanellas von Heliasta. "Wir müssen uns der digitalen Welt öffnen. Wir sollten dem Leser ermöglichen, 20 Seiten eines Buches zum Download zu kaufen, wenn das seine bevorzugte Art zu lesen ist", glaubt Alejandro Katz, Gründer des Verlags Katz Editores, der seine Essays über die Google Buchsuche (Google Book Search) anbietet.
“Im Zuge des steigenden Anteils von Lesern an der Bevölkerung Lateinamerikas kann sich Argentinien künftig zu einer wichtigen Produktionsstätte für das Verlagswesen der gesamten Region entwickeln. ”
Doch die meisten Verleger glauben, dass die großen Umwälzungen wie neue Technologien und veränderte Lesegewohnheiten erst mit der jüngeren Generation Einmarsch halten werden. Im Augenblick haben Bücher und Buchhandlungen in Argentinien noch wenig Konkurrenz zu fürchten.



