Christoph Links
Christoph Links, 1954 in Caputh/Potsdam geboren, studierte Philosophie und Lateinamerikanistik. Von 1980 bis 1986 arbeitete er als Lateinamerika-Redakteur bei der "Berliner Zeitung", von 1986 bis 1989 war er Assistent der Geschäftsleitung im Aufbau-Verlag Berlin und Weimar. Christoph Links gründete kurz nach dem Fall der Mauer einen der ersten DDR-Privatverlage.
In der DDR hat man die Entwicklung der Frankfurter Buchmesse sehr intensiv verfolgt, gerade der erste Länderschwerpunkt 1976, Lateinamerika, erregte Aufsehen - die Zahl der publizierten Titel aus der Region verdoppelte sich in Folge, auch wegen der politischen Entwicklung in der Region.
“Allerdings war die Messe für den normalen Buchmenschen eher eine Sehnsuchtsstation, hinfahren durften nur wenige vom Staat genehmigte Reisekader.”
Ich studierte damals Lateinamerikanistik in Leipzig und kann mich gut daran erinnern.
Allerdings war die Messe für den normalen Buchmenschen eher eine Sehnsuchtsstation, hinfahren durften nur wenige vom Staat genehmigte Reisekader. Selbst als ich Mitte der Achtzigerjahre beim Aufbau-Verlag, der die wichtigsten DDR-Autoren von Christoph Hein bis Christa Wolf verlegte, für die Exportgeschäfte zuständig war, ließ man mich nicht dorthin.
Überrascht von der Wiedervereinigung
Als am 1.12.1989 die Zensur in der DDR aufgehoben wurde, habe ich sofort einen Verlag mit zeitgeschichtlichem und politischem Programm gegründet. Ich wollte jahrelang tabuisierte Themen wie den Stalinismus, aber auch die Korruption der politischen Eliten, aufarbeiten, und wusste, dass viele Historiker, Journalisten und Zeitzeugen ihre Manuskripte in der Schublade liegen hatten. Insofern war es ein großes Glück, als ich 1990 zum ersten Mal die Messe besuchte, mein erster Messetag fiel auf den Tag der deutschen Einheit, den 3. Oktober. Wir hatten als einer der ersten neugegründeten Privatverlage der DDR als Starthilfe von der Frankfurter Buchmesse einen Kleinststand geschenkt bekommen. In der Halle 4.0 fühlten wir uns zwischen den westdeutschen Verlagen sehr wohl, während alle anderen ostdeutschen Verlage noch in der Auslandshalle in einem Kollektivstand der DDR untergebracht waren, obwohl es diesen Staat schon gar nicht mehr gab.
“Wir hatten noch im März […] Lizenzverträge mit bundesdeutschen Verlagen abgeschlossen, und […] im Oktober waren wir selbst [ein] bundesdeutscher Kleinverlag.”
Die Wiedervereinigung war einfach zu überraschend gekommen, für Aussteller, Politiker wie auch die Messeleitung: Noch im Frühjahr, als die Anmeldung zur Messe lief, gab es die DDR, und noch am 18. April 1990 ging die damalige frisch gewählte Regierung davon aus, dass die Vereinigung mit der Bundesrepublik noch mindestens zwei Jahre dauern wird. Wir hatten noch im März 1990 als erster privater DDR-Verlag in Leipzig Lizenzverträge mit bundesdeutschen Verlagen abgeschlossen, und schon im Oktober waren wir selbst einer von 5.000 bundesdeutschen Kleinverlagen.
Kaum Interesse des Westens an der ostdeutschen Verlagsszene
Das Tempo der Veränderungen war enorm, und viele ostdeutsche Verlage, gerade die Großen, kamen da nicht mit. Es veränderte sich das Urheberrecht - in der DDR waren es 50 Jahre, in der Bundesrepublik 70. Dazu kam noch, dass nur noch die westdeutschen Rechte galten. Lizenzrechte waren ja oft für beide Vertriebsgebiete, Ost- und Westdeutschland - vergeben worden, 1990 waren dann mit dem Verschwinden der DDR auch die Lizenzrechte der ostdeutschen Verlage verschwunden: Selbst wenn sie den Titel ursprünglich publiziert hatten, durften sie ihn nun nicht mehr vertreiben, sondern ihr westdeutscher Konkurrent. Bei den großen staatlichen Verlagen kam noch dazu, dass alle personell überbesetzt waren, und jetzt, unter Wahrung der bundesdeutschen Gesetze zum Arbeitnehmerschutz, einen Abspeckprozess beginnen mussten.
“Die haben die ostdeutschen Verlage ausgeschlachtet und danach relativ schnell geschlossen.”
Klar ist auch, dass es in Deutschland bei der Wiedervereinigung eine Fehlentwicklung gab. Alle staatlichen und parteinahen Unternehmen wurden in der Treuhand zusammengefasst, und diese verkaufte die Verlage dann sehr schnell, ohne Recherche, egal an wen, einen Großteil an die direkten Konkurrenten im Westen. Die haben die ostdeutschen Verlage ausgeschlachtet und danach relativ schnell geschlossen. Dagegen haben sich jene Ost-Verlage lange gut behauptet die von branchenfremden Investoren wie Silvius Dornier oder wie der Berliner Aufbau Verlag von dem Frankfurter Immobilienhändler Bernd F. Lunkewitz gekauft wurden. Beim Aufbau Verlag stellte sich ja nun in einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts heraus, dass die Treuhand gar nicht das Recht hatte, ihn zu verkaufen, da er dem Kulturbund Verein gehörte, und nicht der Partei oder dem Staat. Das führte jetzt zur vorläufigen Insolvenz des Aufbau Verlags. Das ist nur ein Beispiel für diese Fehlentwicklung, und auch nur die Spitze des Eisbergs. Die ostdeutsche Verlagslandschaft ist sicher durch diesen Prozess schwer beschädigt worden. Heute kommen nur noch etwa knapp zwei Prozent der deutschen Buchproduktion aus Ostdeutschland, nur zwölf Prozent der alten ostdeutschen Verlage haben überlebt, von ehemals 6.000 Arbeitsplätzen sind 5.500 kaputt gegangen. Das hätte so nicht sein müssen, und das war in den anderen Ostblockländern auch nirgends so radikal und erklärt sich daraus, dass es von westdeutscher Seite kaum Interesse an der ostdeutscher Verlagsszene gab.
Praktische Hilfe für unabhängige Verlage im Osten
Für uns unabhängige neue Verlage gab es schon vor der Wiedervereinigung eine wohltuende praktische Unterstützung durch die Frankfurter Buchmesse: Bei einem Workshop im Frühjahr 1990 lernte eine Handvoll junger Verlage die Grundlagen von Marketing und Kalkulation. Dazu brachte ein Augsburger Verleger, Benno Käsmayr vom MaroVerlag, noch eine kleine Druck- und Bindemaschine mit, die er aus Geldern des Auswärtigen Amtes gekauft hatte und vor Ort installierte. Damit konnten wir jungen Verleger unsere Titel auch in geringer Auflage kostengünstig drucken.
“Besonders beglückend ist für mich, dass ich nicht mehr weggeschlossen hinter dem Eisernen Vorhang sitze…”
Diese praktische Hilfe, die ich damals erfahren hatte, wollte ich auch weitergeben, und so arbeitete ich in den Neunzigern als Referent bei Workshops der Frankfurter Buchmesse und vermittelte in ehemaligen Ostblockländern meine eigenen Erfahrungen beim Übergang von der Planwirtschaft in die Marktwirtschaft. Daraus ist ein Netzwerk entstanden, das bis heute hält, und natürlich haben sich daraus auch wichtige geschäftliche Kontakte ergeben. Heute setzt sich diese Hilfe für strukturschwache Verlagsszenen fort im Fellowship-Programm für Nachwuchskräfte aus der ganzen Welt, das 1998 zum 50. Jahrestag der Buchmesse installiert wurde, was man dem damaligen Direktoren Peter Weidhaas hoch anrechnen muss.
Besonders beglückend ist für mich, dass ich durch die Wende die Gelegenheit hatte, internationale Verlegerlegenden wie Inge Feltrinelli oder George Lord Weidenfeld kennenzulernen, dass ich nicht mehr weggeschlossen hinter dem Eisernen Vorhang sitze, als Mensch zweiter Klasse nur auf Ostblockmessen reisen darf, sondern in der internationalen Buchfamilie und Verlagsgemeinschaft gleichberechtigt aufgenommen bin. Das auf der Buchmesse im Oktober zu spüren, ist jedes Mal wieder ein Grund zur Freude.


