Patrick Janson-Smith
Patrick Janson-Smith war 24 Jahre lang als Verleger der Doubleday/ Transworld Verlagsgruppe in London tätig.
Er gründete 1983 das Imprint Black Swan und entdeckte Bestseller-Autoren wie Andy McNab, Armistead Maupin, John Irving und Terry Pratchett. 2005 wechselte er von Transworld zu der Literaturagentur Christopher Little. Seit April 2008 baut Patrick Janson-Smith für HarperCollins das neue Imprint Blue Door auf.
Wogende Menschenmassen, Bier und Frankfurter Würstchen
Im Vergleich zu 1974, als ich das erste Mal zur Frankfurter Buchmesse kam, ist die Messe heute kaum noch wieder zu erkennen. Erinnerungen verblassen, aber ich sehe die solide Halle 5 aus grauem Beton, in der die Verlage aus Großbritannien und den USA untergebracht waren, noch deutlich vor mir. In jedem zweiten Gang gab es quadratische Barbereiche, wo stämmige deutsche Frauen mit gesteiften weißen Schürzen und Hauben Bier und Frankfurter Würstchen verkauften und - für 'den Morgen danach' - auch diesen faulig schmeckenden Kräuterschnaps Underberg. Aus meiner damals jugendlichen Perspektive schien es mir, dass sich an diesen Bars die richtigen Leute trafen und - bei einigen Bieren - auch die guten Geschäfte abgeschlossen wurden.
Denke ich an die Deutsche Halle dieser frühen Jahre zurück, so sind mir wogende Menschenmassen, Schwaden von Zigarrenrauch und der Geruch von Bier und Bratwurst in Erinnerung geblieben.
“Falls jemand es jemals schaffen sollte, sich […] vor ein Uhr morgens zu entfernen, muss er […] mit einem […] eisernen Willen ausgestattet sein […]!”
Zu den großen Parties, an die ich bei dem Stichwort 'Frankfurter Buchmesse' immer sofort denken muss - zu einigen bin ich tatsächlich auch offiziell eingeladen - gehören natürlich jene der 'alten Hasen' der Branche: die der Hachette Book Group (ehemals Little, Brown), die von Bertelsmann (statt zwei gibt es jetzt nur noch eine) und die Berlin Verlag Parties. Aber natürlich gibt es noch hunderte anderer Feste der verschiedensten Größen und Stufen der Extravaganz.
Und dann die Einladungen zum Abendessen, Abend für Abend für Abend. Falls jemand es jemals schaffen sollte, sich von einem Dinner vor ein Uhr morgens zu entfernen, muss er entweder mit einem unglaublich eisernen Willen ausgestattet sein oder er ist nicht bereit, seinem Fahrer Überstunden zu bezahlen! Mein Lieblingsdinner ist das "Quasimodo Dinner". Das heißt so, weil Bob Sessions von Penguin Australia seit über zwanzig Jahren den gleichen Witz erzählt, in dem es darum geht, dass Quasimodo eine Urlaubsvertretung für sich zu engagieren versucht.
Parties bis zum Morgengrauen
Dann gibt es natürlich auch noch die unzähligen kleineren und intimeren Abendessen, bei denen sich langjährige Freundschaften und Geschäftsbeziehungen entwickeln.
“Wenn man als internationaler Geschäftsmann nicht bis vier Uhr morgens im Park Hotel feiert, ist man ein Niemand!”
Und jene Parties, die die ganze Nacht hindurch bis zum Morgengrauen dauern. Sicher ist, dass es in der Casablanca Bar im Park Hotel hoch hergehen wird (wenn man als internationaler Geschäftsmann nicht bis vier Uhr morgens im Park Hotel feiert, ist man ein Niemand!), genauso wie in der Autorenbar im Frankfurter Hof oder in Jimmy’s Bar im Hessischen Hof, im Maritim, im Marriott, im Intercontinental, im Hilton, im Sheraton, im Savoy, im Arabella Grand sowie in den meisten kleinen, zwielichtigen Hotels unweit der Kaiserstraße.
All diese Bars sind auf jeden Fall voller Verleger und Agenten (jungen, alten und solchen die ihr Verfallsdatum längst überschritten haben), die es sich alle richtig gut gehen lassen und sich auf ihre Weise auf den harten Arbeitstag vorbereiten, der vor ihnen liegt.
Und einmal vor langer, langer Zeit, da hätte man mich und einige Gleichgesinnte sehen können, wie wir uns Richtung Frankfurter Flughafen aufmachen, auf der Suche nach noch mehr Dekadenz und Ausschweifung. Über leere Rolltreppen gelangten wir in die Eingeweide von Terminal 10 (oder 11, wer erinnert sich noch?), in denen der dunkle, höhlenartige Nachtclub "Dorian Gray" lauerte. Dort hängt mein Porträt noch heute."


