Andrea Pollmeier

Andrea Pollmeier arbeitete von 1988 bis 1990 im deutsch-chinesischen Kulturaustausch und lebt heute als freie Kulturjournalistin in Frankfurt. Die Tagung "China im Kopf - China in der Literatur", die Mitte Mai in der Akademie Villigst/ Schwerte stattfand, hinterließ bei ihr einen bleibenden Eindruck. Organisiert wurde die Tagung von der litprom - der Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e.V. -, sowie von der Büchereifachstelle der Evangelischen Kirche von Westfalen und der Evangelischen Akademie Villigst.

Luo Lingyuan

Lebhafte Eindrücke: Die Autorin Luo Lingyuan liest aus ihrem auf Deutsch geschriebenen Buch "Die Sterne von Shenzhen". Im Hintergrund: Marc Hermann, Übersetzer und Sinologe. Copyright: Andrea Pollmeier

Leung Ping Kwan

Kantonesisch trifft Mandarin: Der Hongkonger Autor Leung Ping-kwan im Gespräch mit dem Pekinger Autoren Li Er. Anna Stecher übersetzt für das Publikum. Copyright: Andrea Pollmeier

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Chinesische Gegenwartsliteratur: Der Fluch des Realismus

Überraschend temperamentvoll geht es her, wenn sich Sinologen, Übersetzer, Verleger und Autoren zu einem Thema treffen: Wie steht es um die chinesische Gegenwartsliteratur? Ein Tagungsbericht von Andrea Pollmeier.

"Große Teile der chinesischen Gegenwartsliteratur haben sich bis heute nicht von dem ererbten 'Fluch des Realismus' befreit." Diese provokante These stellte der Bonner Sinologe Thomas Zimmer gleich zu Beginn auf. Die rund 50 Teilnehmer der Tagung "China im Kopf - China in der Literatur" - Autoren, Übersetzer, Wissenschaftler, Lektoren sowie China-Interessierte - suchten den Austausch ohne Skandal und Beschönigung. Und eine Antwort auf die Frage: Wie steht es um die chinesische Gegenwartsliteratur?

Schritt für Schritt entwickelte sich ein differenziertes Bild vom Literaturland China: Thomas Zimmer, bis März Vizedirektor des Chinesisch-Deutschen Hochschulkollegs der Tongji-Universität Shanghai, sprach über die Langzeit-Wirkung des 1949 in der Volksrepublik China eingeführten marxistisch-leninistischen Literaturmodells. Die drei Jahrzehnte, in denen sich Literatur fest im Griff der Propaganda befunden habe, wirkten, so Zimmer, bis heute nach. Es gebe noch immer "eine nicht öffentlich genannte, aber doch spürbare Auseinandersetzung der heutigen Literatur mit dem Phänomen der staatlichen Lenkung des Literaturbetriebs". Einfacher gesagt: Die Schere im Kopf von Autoren arbeite weiter. Dies zeige sich beispielsweise in der Sujetwahl. Vielen Werken fehle es an Innerlichkeit und Spiritualität. Junge Autoren zeigten einen starken Hang zur Kommerzialisierung, dies gelte besonders für die schnell wachsende 'Web-Literatur'.

Die kämpferischen Thesen der Experten weckten beim Publikum Neugier: Was ist denn nun lesenswert an der zeitgenössischen chinesischen Literatur? Und hier zeigt sich: Der 'Fluch des Realismus' hat auch eine segensreiche Seite, er macht die Sicht frei auf die chinesische Gegenwart, auf die Lebenswirklichkeit der Menschen, auf das andere Gesicht Chinas. So zum Beispiel in den Werken der Autorin Luo Lingyuan. Die 1963 in Südchina geborene Autorin lebt seit 1990 in Deutschland. In ihrem Erzählband "Du fliegst jetzt für meinen Sohn aus dem fünften Stock" (dtv, 2005) greift sie das Thema Menschenhandel auf. Sie beschreibt ein junges Mädchen, das vom Land in die Stadt kommt und dort von einer alten Verkäuferin betäubt, in einen Sack gesteckt und verkauft wird. Aus geographischer Distanz und in deutscher Sprache schildert Luo Lingyuan Momente seelischer Kälte und Grausamkeit. "Ich musste mich von diesen Bildern frei schreiben", erzählt die Autorin in Villigst.

Brücke zwischen den Welten - Literatur aus Hongkong

Wer im Ausland lebt und in einer fremden Sprache schreibt, hat es - so der Sinologe Wolfgang Kubin - doppelt schwer, sich in der Literaturgeschichte einen Platz zu erobern. Weder in der eigenen Heimat noch im Gastland zählen die Texte zum literarischen Kanon. Das gelte in China auch für Literatur, die in Taiwan oder Hongkong entstanden ist. Ein herausragender Repräsentant dieser Literaturszene, der Autor Leung Ping-kwan, war eigens aus Hongkong angereist. In weich tönender kantonesischer Sprache, die nicht nur vier, sondern acht verschiedene Tonhöhen anwendet, trug Leung Ping-kwan seine Gedichte vor. Das Werk des 1949 in Hongkong geborenen Autors spiegelt die Besonderheit der dort entstandenen Dichtung wider. Autoren, die nach der Gründung der VR China hierher zogen, hatten die Möglichkeit, weiterhin an die große Literaturtradition des Reichs der Mitte anzuknüpfen. Doch nicht nur die eigene Tradition ist diesen Autoren präsent, auch der Kontakt zum Rest der Welt blieb bestehen. Leungs Werk ist geprägt von Auseinandersetzungen mit südamerikanischen Autoren und postmoderner westlicher Literatur. Gedichte wie "Liebe in Zeiten von Sars", das in der Zeitschrift zur Kultur Asiens, "Orientierungen 2/2003" in der Übersetzung von Wolfgang Kubin veröffentlicht wurde, und die Textsammlung "Von Politik und den Früchten des Feldes" (Übersetzung Wolfgang Kubin, DAAD Berliner Künstlerprogramm) zeigen die subtile sprachliche Kraft, mit der Leung Ping-kwan alltäglicheThemen in sein Werk einbindet.

Engagierte Literatur aus dem Reich der Mitte

Auch ein Repräsentant der Autoren, die in der VR China aufgewachsen sind und innerhalb des Landes ihren literarischen Weg entwickelt haben, war Gast der Tagung. Li Er ist 1966 in der Provinz Henan geboren und 2004 mit dem 'Großen Medienpreis für chinesischsprachige Literatur' ausgezeichnet worden. In seinem Roman "Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt" (dtv, 2007) beschreibt der Autor das Leben einer Dorfbürgermeisterin seiner Heimatprovinz. In anschaulichen Episoden behandelt der Autor vielschichtige Themen des Dorfalltags. Konflikte, die sich beispielsweise aus Ein-Kind-Politik, Umweltverschmutzung, Kadermentalität und Öffnungspolitik ergeben, werden aus nächster Nähe sichtbar.

Rechtzeitig zum Ehrengastauftritt Chinas auf der Frankfurter Buchmesse erscheint bei Klett-Cotta von Li Er der Roman "Koloratur". Diesen Titel, erzählt Li Er, habe ein Literaturkritiker in China als im "kapitalistischen Stil" geschrieben bezeichnet. Gemeint sei, dass er wie ein Krimi wirke, ein Genre, das es - so die Feststellung der Sinologen - in der chinesischen Literatur bis heute nicht gibt.

Von unten gesehen - Literatur aus den Randzonen der Gesellschaft

Als "Literatur von unten", d.h. aus der Perspektive von Außenseitern wie Leichenwäschern, Prostituierten und Wanderarbeitern, bezeichnet die Lektorin und Literaturvermittlerin Alice Grünfelder ihren Blick auf die chinesische Gegenwartsliteratur. In ihrer Charakterstudie der chinesischen Literatur folgte sie dem Buch "Red Dust" des Autors Ma Jian (SchirmerGraf Verlag 2009), der China aus der Perspektive geographischer und gesellschaftlicher Randzonen beschreibt. So geraten nicht nur der Bestseller über die Innere Mongolei von Jiang Rong "Zorn der Wölfe" (Goldmann Verlag 2008) in den Blick, sondern auch die fiktionalisierten Geschichten des Autors Yang Xianhui. Der heute in Tianjin lebende Autor hat Gespräche mit Überlebenden aus Umerziehungslagern in Gansu geführt, in denen Rechtabweichler verhungert sind. Bis zum Herbst sollen die Texte, die auch kritische Sinologen wie Thomas Zimmer zu den eindrucksvollsten Beispielen der chinesischen Gegenwartsliteratur zählen, im Suhrkamp-Verlag auf Deutsch erscheinen.

Nur wenigen Autoren, so das Resümee der Tagung, gelingt die Quadratur des Kreises, indem sie literarische Qualität, kritische Inhalte und anerkannte innerchinesische Präsenz zugleich erreichen. Einem Autor, dessen Name in Villigst immer wieder Referenzpunkt war, ist dies beispielhaft gelungen: Mo Yan, der mit seinem 1987 erschienenen Roman "Das rote Kornfeld" (Unionsverlag 1987) weltberühmt wurde und für sein jüngstes Werk "Der Überdruss" (Horlemann Verlag 2009) den höchst dotierten chinesischen Literaturpreis erhalten hat.

Der Beitrag von Andrea Pollmeier ist auch in der Sommer-Ausgabe der LiteraturNachrichten zu lesen, die Anfang Juni erscheint.

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