“Es gibt mittlerweile kein Thema mehr, das vom Comic ausgelassen wird”: Dr. Alex Jakubowski über die deutsche Comicszene
Alex Jakubowski
© Bernd Kissel
Mit der Comic-Sammlung „Imagine That!“(Öffnet neues Fenster), die auf Buchmessen in der ganzen Welt präsentiert wird, rückt die Vielfalt und Innovationskraft der deutschen Comicszene international in den Fokus. Kuratiert von Dr. Alex Jakubowski, versammelt „Imagine That“ 30 Werke. Sie zeigen das breite Spektrum grafischen Erzählens in Deutschland – von experimentellen Formaten bis hin zu neuen Impulsen im Kindercomic. Im Interview spricht Dr. Jakubowski über die Idee hinter der Kollektion, die aktuelle Entwicklung der Szene und ihre Stärken im internationalen Vergleich.
Herr Jakubowski, wie geht’s der deutschen Comic-Szene: BANG, OOPS oder ZZZZ?
Nun ja, auch wenn ich bei der Verwendung von Soundwords in Interviews zu Comics gerne Bauchschmerzen kriege - aber zum Glück haben Sie nicht Zack, Bumm, Peng geschrieben - so würde ich in diesem Fall sagen: ZZZZ. Was so viel heißt wie: Es geht der Szene eigentlich nicht schlecht. Im Vergleich zu anderen Ländern, wie Frankreich oder Belgien ist natürlich noch viel Luft nach oben. Aber im Vergleich zu vor 50 Jahren hat sie sich doch mittlerweile prächtig entwickelt.
Die Kollektion bringt 30 sehr unterschiedliche Werke zusammen. Was sind die drei Hauptkriterien, nach denen Sie Ihre Auswahl getroffen haben?
Die wesentlichen Kriterien sind Aktualität, Diversität im inhaltlichen Sinne und auch ein kleines bisschen eigener Geschmack natürlich. Da mache ich mich nicht frei von.
„Imagine That!“ ist dieses Jahr auf internationalen Buchmessen und anderen Events zu sehen. Welchen Eindruck werden die Comics aus Deutschland dort idealerweise hinterlassen?
Ich hoffe, dass man im Ausland wahrnimmt, wie vielfältig deutsche Künstler:innen mittlerweile unterwegs sind. Dass es nicht nur autobiografisch angehauchte Coming-of-age-Geschichten sind, sondern dass es mittlerweile kein Thema mehr gibt, das vom Comic ausgelassen wird. Dass experimentiert wird im Strich und dass man sich erzählerisch auf keinen Fall verstecken muss.
Was unterscheidet deutsche Comics am stärksten von Werken aus Ländern mit einer populäreren Comic-Tradition wie Frankreich oder den USA?
Wir haben in Deutschland keine ausgeprägte Serien-Kultur. Ingo Römling etwa hat mit "Malcolm Max" ein paar Bände seiner Reihe vorgelegt, aber ansonsten ist da wenig (das Mosaik lasse ich mal außer Acht). Das hat natürlich mit den Produktionsbedingungen und Verdienstmöglichkeiten zu tun, die bei Serien wie Lucky Luke oder Spider-Man ganz anders sind. Es gibt auch nicht die große traditionelle Schule, auf die sich vieles bezieht, keine „Ligne Claire“ auf Deutsch etwa. Insofern sind deutsche Comics möglicherweise individueller als manch andere Veröffentlichungen aus dem Ausland.
Welche Entwicklungen haben die deutsche Comic-Landschaft in den letzten Jahren am deutlichsten verändert?
Das ist eine gute Frage, die so einfach gar nicht zu beantworten ist. Ich glaube, die Szene ist einfach immer in Bewegung. Es gab ein paar kleinere Verlage, die von der Bildfläche verschwunden sind. Gleichzeitig aber sind neue entstanden - einige davon machen sich vor allem um den Kinder-Comic verdient. Möglicherweise ist es auch genau diese Entwicklung: Es werden wieder mehr Comics für Kinder gemacht. Auch wenn ich an dieser Stelle gerne betonen möchte, dass Comics eben nicht "nur" für Kinder sind und daher auch nicht immer lustig sind. Aber: Es gibt mehr selbst produzierte Comics für Kinder von deutschsprachigen Zeichner:innen. Generell kann man sagen: Das Medium wird ernster genommen, von der Gesellschaft insgesamt. So ist es vermutlich auch kein Zufall, dass im vergangenen Jahr zum ersten Mal ein Comic für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert war - und ihn dann auch gleich gewonnen hat (Die Frau als Mensch - von Ulli Lust).
Über welche Wege erreichen Comics heute ihr Publikum – eher über klassische Verlage, Independent-Strukturen oder neue digitale Plattformen?
Da ist sicherlich von allem etwas dabei. Der Comicfachhandel spielt eine große Rolle, das direkte Marketing der Verlage selbst auch und bestimmt auch eine Reihe von individuellen Blogs, so etwa auch meiner (comic-denkblase.de), die dafür sorgen, dass der Comic Aufmerksamkeit bekommt. Was den Handel angeht, so haben die großen Ketten mittlerweile ja häufig auch eigene Comic-Bereiche und auch der gut sortierte Buchladen an der Ecke führt Comics.
Die Frankfurter Buchmesse bringt jedes Jahr Comic-Künstler*innen, Verlage und den internationalen Rechtehandel zusammen. Was entsteht aus diesen Begegnungen – jenseits von Lizenzdeals und Verträgen?
Aus meiner Perspektive sind es in der Tat die Begegnungen mit den Künstler:innen. So konnte ich im vergangenen Jahr auf der FBM etwa einen indischen Comic-Künstler kennenlernen. Und darauffolgend hatte ich die Gelegenheit für das Goethe-Institut in Indien ein Übersetzungsprogramm mit zu initiieren, das Ende Januar auf dem Kerala Literature Festival vorgestellt wurde. Wer Comics oder Bücher von den Autor:innen selbst vorgestellt bekommt, hat gleich einen ganz anderen Eindruck davon - das Herzblut wird sozusagen spürbar, das da drin steckt. Das macht für mich der Reiz dieser Begegnungen aus.
Die Fragen stellte Johann- Christian Fürstenberg.
Dr. Alex Jakubowski ist freier Journalist und Comic-Experte. Er hat mehrere Bücher zu Comic-Themen veröffentlicht ("Die Kunst des Comic-Sammelns", "I still get chills - Das erstaunliche Leben und Werk von Don Rosa" sowie "Pflaumensturz und Sahneschnitten" - 65 Jahre Ralf König). Er schreibt für die Comic-Fachmagazine 'Alfonz - Der Comicreporter', 'Reddition' und 'Comixene', ist Mitglied der Jury des Deutschen Cartoon-Preises und einer 30-köpfigen Kritikergruppe, die vierteljährlich die besten Comics kürt. Er moderiert Veranstaltungen beim Comic-Salon Erlangen, sowie Buchvorstellungen. Ist als Kurator von Comic-Ausstellungen tätig - zuletzt "ALLES - SUPER - GLÜCK: Flix" (in der Caricatura Frankfurt) und er betreibt den preisgekrönten Blog https://comic-denkblase.de(Öffnet neues Fenster). (Foto: ©Ben Knabe)