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„Damit uns unsere Empathie nicht verloren geht.“

Ralf Schweikart

© Sebastian Kissel

Wo steht heute die Kinder- und Jugendliteratur? Welche Rolle spielt das Zeitgeschehen dabei? Ein Interview mit Ralf Schweikart, der als Vorstandsvorsitzender des Arbeitskreises für Jugendliteratur auch für die Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises 2020 verantwortlich ist.

Lieber Herr Schweikart, warum haben Sie sich entschieden, im Bereich Kinder- und Jugendliteratur zu forschen und zu arbeiten?

Schon im Studium am Institut für Jugendbuchforschung in Frankfurt war ich fasziniert davon, wie vielfältig Kinder- und Jugendliteratur ist und wie schnell sie gesellschaftliche Themen aufnimmt und literarisch umsetzt. Das reicht von ganz realen Familiengeschichten mit den unterschiedlichsten Konstellationen bis zu Fantasyromanen und Dystopien, in denen die Zukunft des Zusammenlebens, von Macht und Ohnmacht in totalitären Systemen behandelt werden. Das macht die Kinder- und Jugendliteratur so unglaublich bunt und aktuell.

Welche inhaltlichen Trends beobachten Sie innerhalb der Kinder- und Jugendliteratur?

Im Moment erscheinen viele Bücher, gerade im Sachbuch, die sich um Umweltthemen und den Klimawandel und seine Folgen drehen. Das sind Bücher, die Hintergründe und Zusammenhänge verständlich erklären, aber auch dazu anregen, sein Verhalten zu hinterfragen und den eigenen Alltag bewusster zu gestalten. Das kann man auch in der Kita oder der Schule schon umsetzen. Damit positioniert sich die Kinderliteratur klar auf Kinderseite und nimmt den Satz, „Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt“ sehr ernst, indem sie Kinder zu aktiver Teilhabe und zur Gestaltung der Zukunft ermuntert.

Inwiefern hat die momentane politische Atmosphäre einen Einfluss auf das Genre?

Naja, Literatur kann abstrakten Diskussionen eine sehr persönliche Ebene entgegenstellen. Ein Beispiel sind die Geschichten, die von Flucht erzählen, sei es über Land aus Afghanistan oder in Booten über das Mittelmeer. Literatur zeigt Menschen und ihre Schicksale, das ist ein anderes Erfahren und Begreifen als über Bilder in Nachrichtensendungen oder Plakate von Parteien. Bücher schärfen unsere Wahrnehmung, damit uns unsere Empathie nicht verloren geht. Darum sind sie so wichtig.

Was sind für Sie die wichtigsten Kriterien bei der Auswahl der Gewinner-Bücher?

Die Gewinner des Deutschen Jugendliteraturpreises in den Kategorien Bilderbuch, Kinderbuch, Jugendbuch und Sachbuch werden von einer unabhängigen Expert*innen-Jury bestimmt. Ganz allgemein kann man sagen, des es um herausragende Veröffentlichungen geht, um Titel, die einem hohen literarischen und ästhetischen Anspruch genügen und die ihren Leser*innen neue Blickwinkel eröffnen. Und das Preisbuch der Jugendjury ist darüber hinaus eines, dass die Zielgruppe selbst am meisten überzeugt. Da spielt auch der ganz direkte Draht zu den Leser*innen eine wichtige Rolle.

Welche Bücher haben Sie selbst als Kind gerne gelesen? Und was lesen Sie heute gerne?

Ich bin noch mit Karl May aufgewachsen und habe mich in diesen Welten verlieren können, genauso wie in Moby Dick oder den Lederstrumpf. Zugegebenermaßen fällt mir das heute schwer. Jetzt freue ich mich über alle Titel, die mich unterhalten und trotzdem intellektuell herausfordern wollen. Um nur drei Autor*innen zu nennen, denen das überragend gelingt: Tamara Bach, Nils Mohl und Andres Steinhöfel.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Schweikart!

Das Interview führte Frank Krings, PR Manager der Frankfurter Buchmesse.