Books at Berlinale: Kiki Liu, Robert Löhr und Tomer Gardi im Interview
Seit 20 Jahren rückt die Veranstaltung Books at Berlinale jedes Jahr zehn internationale Bücher mit besonderem Leinwandpotenzial ins Rampenlicht der Berlinale. Doch was denken eigentlich die Schriftsteller*innen selbst über mögliche Verfilmungen ihrer Stoffe? In unserem Interview geben die drei Autor*innen Kiki Liu ("Girl in an Odd City"), Robert Löhr ("Oberammergau") und Tomer Gardi ("Liefern") Einblicke in ihre Ideen und Hoffnungen. Sie sprechen über ihre Romane, ihre Inspiration - und darüber, wie sich ihre Bücher auf der großen Leinwand anfühlen könnten.
In „Girl in an Odd City“ erzählt Kiki Liu von einem Mädchen im Taiwan der 1990er-Jahre, das durch das Erzählen von Geschichten die Geister der Vergangenheit lebendig hält. Robert Löhr beschreibt in seinem Roman „Oberammergau“ die Entstehung der Passionsspiele – vor der Kulisse der Alpen und im Schatten der Pest- Epidemie. Und Tomer Gardi richtet in „Liefern“ den Blick auf die Menschen, die in unserer heutigen Gesellschaft oft übersehen werden: Essenslieferant*innen.
Wie fühlt es sich an, sich vorzustellen, dass Ihr eigenes Buch verfilmt werden könnte?
Kiki Liu: Es ist sehr surreal und ich kann es noch nicht wirklich glauben, aber natürlich hoffe ich, dass es passiert. Wenn ich einen Roman schreibe, habe ich keine großen Hoffnungen oder Erwartungen für diesen Roman. Ich möchte nur eine fesselnde, berührende Geschichte erzählen. Wenn diese dann auch noch erfolgreich ist, freue ich mich natürlich umso mehr.
Robert Löhr: Großartig, natürlich. Der Inhalt des Buches eignet sich auch sehr gut für eine Verfilmung: Pest, Krieg, die Alpen und ein großes Ensemble. Ich würde mir sehr wünschen, dass es funktioniert.
Tomer Gardi: Das wäre sehr schön! Auch mein Bankkonto würde sich freuen.
Was dürfte auf keinen Fall verändert werden, wenn Ihr Buch verfilmt wird?
Kiki Liu: Die politische Situation in Taiwan ist sehr kompliziert, deshalb würde ich es verstehen, wenn die Regisseure etwas verändern wollen würden. Ich möchte nur nicht, dass Taiwan in einem ausschließlich schlechten Licht dargestellt wird.
Mystische Geister, Götter und Kreaturen spielen eine große Rolle in der Geschichte und Tradition Taiwans und sind auch heute noch Teil unseres Lebens. Deshalb ist die gesamte Geschichte sehr frei zu interpretieren, jeder kann seine Fantasie nutzen. Das bedeutet aber auch, dass nur schwer eine Grenze bezüglich des kreativen Freiraums gezogen werden kann. Es wäre sehr interessant, herauszufinden wie verschiedene Menschen meine Geschichte wahrnehmen.
Robert Löhr: Ich bin da flexibel, erst recht, wenn die Ideen die Geschichte noch besser machen würden. Dann ist es auch nicht ausgeschlossen, dass der Film besser wird als das Buch. Ich habe mein Herz aber an viele der Figuren gehängt und sollte ihr Charakter sich maßgeblich verändern, würde ich auf jeden Fall mein Veto einlegen.
Tomer Gardi: Das Buch handelt von Essenslieferanten in fünf unterschiedlichen Städten der Welt, von ihren Leben und ihren Schicksalen. Ich habe mir sehr viel Mühe gegeben, das Buch nicht jämmerlich zu machen. Natürlich gibt es Ungerechtigkeit und Leid im Leben der Protagonist*innen, aber es ist auch schön und voll mit Liebe. Ich möchte das reale Leben der Menschen darstellen, mit allen Seiten. Das soll unbedingt so bleiben.
Lesen Sie eher das Buch zuerst, oder schauen Sie lieber die Verfilmung dazu als erstes?
Kiki Liu: Ich mag es, das Buch zuerst zu lesen, wahrscheinlich wegen meines Berufes. Ich lese das Buch und stelle mir die Welt zuerst für mich vor, dann sehe ich mir den Film an. Danach vergleiche ich die verschiedenen Interpretationen.
Tomer Gardi: Ich lese viel mehr Bücher, als ich Filme schaue, vielleicht liegt das auch daran, dass ich wegen meines Berufes ständig vor einem Bildschirm sitze. Deshalb lese ich danach lieber Bücher oder gehe nach draußen.
Robert Löhr: Das ist eine schwierige Frage, denn ich habe gemerkt, dass ich Verfilmungen immer dann gut finde, wenn ich das Buch vorher nicht gelesen habe. Sonst werde ich zu kritisch. Zu seiner Zeit hat mich aber „Der Name der Rose“ wahnsinnig inspiriert und ein ebenfalls toller Referenzfilm ist „Das finstere Tal“, wo sowohl der Roman als auch die Verfilmung meisterhaft gelungen sind.
Robert, warum haben Sie die Geschichte der Oberammergauer Passionsspiele als Stoff für Ihr Buch ausgewählt?
Robert Löhr: Im ersten Corona- Lockdown habe ich in der Zeitung gelesen, dass die Passionsspiele abgesagt werden mussten. Das fand ich sehr spannend, weil die ersten Passionsspiele gegen die Epidemie hervorgerufen wurden und in der Neuzeit dann aufgrund der Pandemie nicht stattfinden konnten. Ich bin aufgrund dessen zu dem Schluss gekommen, dass ich gerne nochmal zum Ursprung zurückkehren würde. Es gibt zwar viele Romane, die dazu geschrieben wurden, doch sie alle sind sehr alt und nicht mehr zeitgemäß. Ich wollte das Thema moderner interpretieren.
Tomer, in Ihrem Buch stellen Sie Protagonist*innen vor, die in der Gesellschaft oft vergessen werden. Wie wichtig war es Ihnen, diesen Personen eine Stimme zu geben?
Tomer Gardi: Manche Teile der Gesellschaft übersehen die Protagonist*innen meines Buches komplett. Obwohl sie eigentlich eine Stimme haben, wird diese sehr oft überhört. Ich sehe mich nicht gerne als jemanden, der diesen Personen eine Stimme gibt. Wir müssen den Personen eher Sichtbarkeit geben, damit ihre Stimmen gehört werden. Wie hier auf der Berlinale oft besprochen, stellt sich immer die Frage, ob Kunst, Film oder Literatur politisch sind oder nicht. Sichtbarkeit in diesen Medien ist auf jeden Fall politisch. Was sehen wir, was sehen wir nicht, auf was passen wir auf, was wollen wir übersehen. In meinem Roman bekommen Personen wie meine Protagonist*innen hoffentlich die Sichtbarkeit, die sie verdient haben.
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