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Osnovy team at the award ceremony

© Nastia Telikova

Foto, von links nach rechts: Lisa Heike, Leiterin der Kulturabteilung der Deutschen Botschaft; Andriy Vyshnevsky, Mitinhaber und Geschäftsführer des Osnovy-Verlags; Maria Zalipa, Kateryna Bohomaz und Roman Protsenko – Mitglieder des Osnovy-Teams.

 

Seit seiner Gründung 1992 begleitet Osnovy Publishing die kulturelle und gesellschaftliche Entwicklung der Ukraine – zunächst mit Klassikern der Geistes- und Sozialwissenschaften, heute mit visuell markanten Kunst-, Foto- und Literaturbüchern. Für seine herausragende verlegerische Arbeit wurde der Verlag 2025 mit dem Chytomo Special Award der Frankfurter Buchmesse(Öffnet neues Fenster) ausgezeichnet. Im Interview spricht Mitinhaber und CEO Andriy Vyshnevsky über kulturelle Selbstbehauptung in Zeiten des Krieges, die internationale Wahrnehmung ukrainischer Literatur und die Bedeutung literarischer Vielfalt für eine kulturelle Integration in Europa.

Osnovy wurde kurz nach der ukrainischen Unabhängigkeit 1991 gegründet, um Klassiker der Geistes- und Sozialwissenschaften zugänglich zu machen. Ihr Programm hat sich von diesen Klassikern hin zu visuell starken Foto- und Kunstbüchern entwickelt. Wie kam es zu diesem Wandel?

Tatsächlich war die Hauptaufgabe von Osnovy historisch gesehen eng mit den Prozessen der Entwicklung demokratischer Institutionen, der Nationenbildung und des Staatsaufbaus verbunden. In den 90er Jahren bestand das Hauptziel darin, die durch die Jahre hinter dem Eisernen Vorhang entstandene Lücke zu schließen und eine Grundlage für die Heranbildung einer neuen intellektuellen, politischen und administrativen Elite einer Gesellschaft im Umbruch zu schaffen.

Der Eiserne Vorhang hatte jedoch offensichtlich zwei Seiten: In der Ukraine wurden den Menschen die Klassiker der Philosophie und Sozialwissenschaften sowie das aktuelle akademische Denken vorenthalten, während der Westen ebenfalls nichts über die wahre Geschichte und Kultur der Ukraine wusste, die jahrhundertelang auf eine Mischung aus Moskauer imperialer und sowjetischer Propaganda reduziert worden war.

Erst seit kurzem, aufgrund der groß angelegten Invasion Russlands, steht es im Fokus des Interesses des Westens. So boten die Bücher ukrainischer Künstler*innen über ukrainische Kulturphänomene in den 2010er Jahren einen Einblick in die ukrainische Kultur, der visuell so ansprechend war, dass er die Aufmerksamkeit von Menschen auf sich zog, die sonst kein Interesse daran hatten, ein eher unbekanntes Land zu entdecken.

Welche Rolle spielt Ihr Verlag heute für die kulturelle Infrastruktur einer angegriffenen Ukraine?

Seit 2022 gibt es sowohl innerhalb der Ukraine als auch im Ausland ein erneutes Interesse an der ukrainischen Kultur. Klassische Literatur wird durch eine postkoloniale Brille neu interpretiert, von jüngeren Generationen neu gelesen und von Menschen entdeckt, die zuvor aufgrund der aggressiven Politik des Kremls hauptsächlich von der russischen Kultur beeinflusst waren.  

Wir veröffentlichen Neuauflagen bekannter ukrainischer Autor*innen mit neuen Einführungen von ukrainischen Wissenschaftler*innen, arbeiten mit ukrainischen Illustrator*innen und Künstler*innen zusammen und geben ihnen Raum, ihre künstlerische Vision und Interpretation zu teilen. Dadurch werden klassische Texte einer neuen Generation von Lesenden nähergebracht.  

Wir präsentieren auch ein breites Spektrum der ukrainischen Kultur, darunter klassische und zeitgenössische Literatur, Fotografie, Architektur und andere bildende Künste, und bieten jungen Schriftsteller*innen und Künstler*innen die Möglichkeit, ein lokales und internationales Publikum zu erreichen. Obwohl diese Projekte nicht immer rentabel sind, sind sie aus Sicht unserer Mission für uns von entscheidender Bedeutung.

Ihre Bücher sind mit ukrainischen Themen auch international sehr erfolgreich. Warum?  

Das mag daran liegen, dass der Mensch, das Individuum, persönliche Geschichten und soziale Interaktion oft im Mittelpunkt unserer Verlagsarbeit stehen. Das bedeutet, dass wir bei der Vermittlung unserer Botschaften versuchen, eine Art „universelle menschliche Sprache” zu verwenden, die überall verständlich ist. Das ist ein Grund, warum unsere Bücher für viele Leser*innen im In- und Ausland so attraktiv sind.

Darüber hinaus möchten wir Möglichkeiten für neue ästhetische und intellektuelle Erfahrungen und spannende Interaktionen mit den Produkten von Osnovy schaffen, anstatt gewöhnliche Bücher zu produzieren. Daher legen wir besonderen Wert auf die Auswahl der Autor*innen, Grafikdesigner*innen, Schriftarten und Materialien. Unsere Kund*innen können sich stets auf gründliche Recherchen und Reflexionen über das Leben der Menschen und ihr soziales Umfeld, eine kühne Visualisierung und Haptik sowie gewagte, kontroverse und manchmal provokative Themen verlassen.

Welche Stimmen oder Themen fehlen noch in der internationalen Wahrnehmung der ukrainischen Literatur?

Selbst innerhalb der Ukraine gibt es das Klischee, dass sich die gesamte ukrainische Literatur auf Leiden konzentriert. Das stimmt zum Teil, aber die ukrainische Kultur ist reich an vielfältigen Perspektiven und Ebenen, da die Ukraine seit langem ein multikultureller Knotenpunkt ist, ein Schmelztiegel verschiedener Ethnien, Religionen, Sprachen, Kulturen und Konflikte.

Heute hört man Stimmen aus der Ukraine im Ausland, meist von bekannten Autor*innen. Es tauchen jedoch viele talentierte neue Stimmen auf, mit einer neuen Generation von Schriftsteller*innen, die mit ihren Werken und Visionen debütieren. Die meisten von ihnen sind dem internationalen Publikum noch unbekannt, da die meisten ausländischen Verlage noch zögern, Autor*innen aus der Ukraine zu veröffentlichen. Aber ohne vielfältige Texte aus verschiedenen Genres kann man sich kein vollständiges Bild von einem Land machen. An diesem Punkt ist es notwendig, mehr für die Förderung verschiedener zeitgenössischer ukrainischer Schriftsteller*innen auf beiden Seiten des Atlantiks zu tun.  

Ein weiterer Teil der Literatur, der im Westen noch wenig bekannt ist und daher unterschätzt wird, ist der ukrainische literarische Modernismus, der in den 1920er- und 1930er-Jahren als Zweig des europäischen Modernismus entstand. Die meisten ihrer Vertreter*innen wurden 1937 hingerichtet, und ihre Werke waren während der Jahrzehnte des totalitären Regimes verboten und unzugänglich. Glücklicherweise wurden in den letzten Jahren einige der bemerkenswertesten Werke dieser Literatur ins Englische, Deutsche, Tschechische, Polnische, Lettische und andere Sprachen übersetzt und außerhalb der Ukraine veröffentlicht. Dies gilt beispielsweise für die Romane „Die Stadt“ von Valerian Pidmohylnyi oder „Dr. Leonardos Reise nach Sloboda in der Schweiz mit seiner zukünftigen Geliebten, der schönen Alcesta“ von Mike Yohansen. Das ist erstaunlich, aber unglaublich wenig, und es gibt noch viel zu tun.

Die Ukraine hat kürzlich Verhandlungen über den EU-Beitritt aufgenommen. Darüber hinaus steht im Rahmen der Friedensgespräche die Option eines beschleunigten Beitritts zur Debatte. Die institutionelle Integration in die EU ist von zentraler Bedeutung und unverzichtbar, würde jedoch durch eine kulturelle Integration auf gesellschaftlicher Ebene reibungsloser und schneller vonstattengehen. Ich bin davon überzeugt, dass eine vertiefte gegenseitige Auseinandersetzung mit den nationalen Literaturen der europäischen Nationen, einschließlich der Ukraine, wesentlich dazu beitragen könnte.

Sie sind 2026 mit einem Stand auf der Buchmesse dabei. Worauf dürfen die Besucher*innen sich freuen?

Unser Hauptziel für die kommende Frankfurter Buchmesse ist es, ausgewählte ukrainische Autor*innen ausländischen Verlagen vorzustellen und sie dazu anzuregen, über die Übersetzung und Veröffentlichung dieser Autor*innen in ihren Ländern nachzudenken. Darüber hinaus bieten wir den Besucher*innen eine beeindruckende Sammlung von Fotobüchern ukrainischer Künstler*innen mit englischen oder zweisprachigen Texten.  

Wie bereits erwähnt, mag unser Ansatz beim Verlegen von Büchern recht unkonventionell erscheinen, sodass die Besucher*innen verschiedene Techniken erwarten können, die wir in unseren Büchern verwenden – Typografie, Grafikdesign, Kunst, Materialien usw. Als Verlag mit einer langen Geschichte und einem Ruf, den es zu wahren gilt, wählen wir unsere Bücher sorgfältig aus, um das Beste zu präsentieren, was die Ukraine heute zu bieten hat. Es wird Bücher über die einzigartigen Aspekte der ukrainischen Kultur geben, Romane über übersehene Perioden unserer Geschichte und Fotos junger Künstler*innen, die die sich ständig verändernde und fragile Realität einfangen.  

 

Das Interview führte Johann-Christian Fürstenberg.