Interview: 20 Jahre Books at Berlinale - „Literatur ist eine unerschöpfliche Quelle für spannende Geschichten“
Die Kooperation der Berlinale und der Frankfurter Buchmesse „Books at Berlinale“ feiert in diesem Jahr zwanzigjähriges Bestehen. Dazu haben wir Karla Kutzner (Verantwortliche von Books at Berlinale) und Niki Théron (Senior Managerin Internationale Projekte und Film bei der Frankfurter Buchmesse) befragt, die über die wichtige Rolle von Literaturverfilmungen im Film- und Serienmarkt sprachen.
Herzlichen Glückwunsch zu 20 Jahren Books at Berlinale. Die Kooperation zwischen Berlinale und der Frankfurter Buchmesse gilt als außergewöhnlich fruchtbar. Was sind aus Ihrer Sicht die entscheidenden Faktoren für diesen Erfolg?
Niki Théron: Was mir als Erstes einfällt: Women’s Power! Dazu kommt eine hohe Affinität beider Partner für gute Geschichten und für internationalen Austausch.
Karla Kutzner: Bei Books at Berlinale arbeiten die beiden größten Kulturinstitutionen ihrer jeweiligen Branche seit zwei Jahrzehnten zusammen. Wir haben nicht nur gemeinsam diesen ersten Rechtemarkt ins Leben gerufen, sondern pflegen seit 2006 eine langjährige, vertrauensvolle Zusammenarbeit. Das Programm profitiert von einer starken kuratorischen Kompetenz auf beiden Seiten und verbindet so Literatur- und Filmindustrie. Von Anfang an wollten wir zudem mehr als nur einen Rechtemarkt schaffen – nämlich einen Ort des echten Austauschs zwischen Literatur- und Filmschaffenden. Dieses Lebendige wird insbesondere von den heutigen Teams getragen.
Welche Rolle spielen die Autorinnen und Autoren heute aus Ihrer Sicht im Entwicklungsprozess von filmischen Buchadaptionen?
Karla Kutzner: Das ist auch heute noch sehr unterschiedlich. Bei einigen Adaptionen sind Autor:innen als kreative Partner:innen eng in den Entwicklungsprozess eingebunden. Gleichzeitig ist auch in Deutschland das Verständnis gewachsen, dass eine Literaturadaption eine eigene Kunstform ist. Das Métier der Drehbuchautor:innen erfährt mehr Anerkennung, sodass sich Autor:innen besser von ihren Stoffen lösen können. Es gibt aber auch Romane, die bereits sehr filmisch gedacht und geschrieben sind – hier wird eine mögliche Adaption oft schon früh mitgedacht.
Niki Théron: Buch- und Drehbuchautor:innen spielen in jedem Fall eine entscheidende Rolle. Die größte Herausforderung für die Autor*innen der Buchvorlage ist es dabei, die richtige Haltung zwischen Nähe und Distanz zu finden. Die Autorin Barbara Abel, deren Krimi Mutterinstinkt zunächst 2018 von Olivier Masset-Depasse als Duelles und 2024 als US-Remake Mother’s Instinct verfilmt wurde, hat das einmal sehr schön beschrieben: Man müsse das Buch gehen lassen wie ein Kind, das sich verliebt und das Haus verlässt, um sein eigenes Leben zu leben.
Die Europäische Audiovisuelle Informationsstelle hat zuletzt in einer Studie betont, welche zentrale Rolle Literaturverfilmungen im europäischen Produktionsmarkt spielen. Worin sehen Sie die Gründe für diese anhaltend hohe Nachfrage?
Karla Kutzner: Literarische Vorlagen bieten auf dem heutigen Markt ein gewisses Maß an Sicherheit: Es handelt sich um Stoffe, die sich in einem anderen Medium bereits bewährt haben – idealerweise auch schon mit einem bestehenden Publikum. Gleichzeitig erlaubt Literatur eine große thematische und ästhetische Bandbreite, von anspruchsvollen Arthouse-Stoffen bis hin zu international verwertbaren Serienformaten. In einem zunehmend kompetitiven Markt sind starke literarische IPs daher besonders wichtig für Finanzierung, Koproduktion und internationale Auswertung.
Niki Théron: Ein erfolgreiches Buch kann seiner Verfilmung oft bereits eine sichere Zuschauerbasis mitbringen. Im Marketing entstehen zudem spannende Synergien, etwa wenn Verlage den Kinostart mit einer neuen Auflage begleiten. Und nicht zuletzt ist Literatur eine unerschöpfliche Quelle für spannende Geschichten. Viele Autor:innen schreiben heute bereits sehr filmisch.
Gerade auf Streaming-Plattformen erleben Buchadaptionen derzeit einen Boom. Welche Rolle spielt dabei das jüngere Publikum – sowohl bei der Stoffauswahl als auch bei der Form der Adaptionen?
Niki Théron: Eine sehr ähnliche Rolle wie in der Buchbranche. Das jüngere Publikum ist unglaublich engagiert, leidenschaftlich und loyal gegenüber seinen Lieblingsautor:innen. Dieses starke Zugehörigkeitsgefühl erleben wir auch auf der Frankfurter Buchmesse, besonders bei Autor:innen mit hoher Social-Media-Präsenz.
Karla Kutzner: Genau, eben weil das jüngere Publikum eine so große Rolle spielt, haben wir in den vergangenen Jahren immer wieder Kinder- und Jugendbücher bei Books at Berlinale präsentiert. Gleichzeitig ist die Berlinale ein Arthouse-Festival. Für die Pitch-Veranstaltung wird daher nicht zwingend der neueste Young-Adult-Bestseller ausgewählt, während sich diese Stoffe in den von uns organisierten B2B-Meetings während der Frankfurter Buchmesse und der Berlinale sehr gut verkaufen.
Gibt es aus Ihrer Sicht literarische Trends oder Genres, die in den kommenden Jahren besonders stark in den Fokus von Verfilmungen rücken werden?
Niki Théron: Für mich ist Eskapismus das Motto der Stunde. In diesen düsteren Zeiten brauchen wir Geschichten, die uns für die Dauer eines Films aus der Realität entführen und uns lebendig fühlen lassen – Dystopien, Fantasy, poetische Animationsfilme. Großes Kino!
Karla Kutzner: Parallel dazu beobachten wir ein starkes Interesse an gesellschaftlich relevanten Stoffen, die persönliche Geschichten mit größeren politischen oder historischen Kontexten verbinden. Gleichzeitig sind derzeit auch „reine“ Unterhaltungsstoffe sehr gefragt. Literarische Stimmen, die marginalisierte Perspektiven sichtbar machen, gewinnen weiter an Bedeutung. Außerdem sehen wir großes Potenzial in genreübergreifenden Stoffen sowie in Romanen mit seriellem Charakter.
Blicken wir auf die diesjährige Auswahl der Stoffe im Co-Production Market: Nach welchen Kriterien haben sie ihre Auswahl aus den fast 100 Einreichungen gefällt?
Niki Théron: Es gibt einige formale Voraussetzungen: Die Stoffe müssen aktuell und erfolgreich sein, gerne auch prämiert, und ein starkes Filmpotenzial besitzen. Die Jury besteht aus einer Produzentin, zwei Kolleginnen von der Berlinale und mir als Vertreterin der Frankfurter Buchmesse. Jede bringt ihren eigenen Blick ein – und angesichts der Vielzahl spannender Einreichungen ist es jedes Jahr fast ein kleines Wunder, dass wir uns am Ende auf zehn Titel einigen.
Karla Kutzner: Ergänzend schauen wir darauf, ob ein Stoff stimmig erzählt ist, eine klare Erzähllinie besitzt und wie originell die Geschichte ist. Auch die Frage der Umsetzbarkeit spielt eine Rolle. Am Ende ist uns eine gute Mischung wichtig – in Bezug auf Genres, Herkunftsländer und Stimmen. Zudem achten wir darauf, sowohl etablierte als auch neue Agenturen und Verlage einzubeziehen, um den Produzent:innen verlässliche Partnerschaften vorzuschlagen.
Mit „Oberammergau“ von Robert Löhr ist ein deutscher Stoff vertreten. Was hat Sie an diesem Buch überzeugt – und warum eignet es sich aus Ihrer Sicht besonders für filmische Umsetzung?
Niki Théron: Überzeugt hat uns ein packender historischer Roman, der beschreibt wie, in einer dramatischen Zeit (Pest, Dreißigjähriger Krieg), in der jede Hoffnung verloren zu sein scheint, Menschen zusammenkommen und gemeinsam einer verrückten Idee nachgehen: die Passion Christi als Bühnenstück auf die Beine zu stellen. Die Kraft des Kollektivs als Antidot zur Verzweiflung fanden wir sehr stark.
Karla Kutzner: Darüber hinaus überzeugt der Roman durch eine vielschichtige Figurenzeichnung und die Verbindung von historischem Setting mit zeitlosen Fragen nach Macht, Glauben und Gemeinschaft. Auch das Humorvolle hat uns gereizt. Der Stoff bietet starke Bilder, eine klare Dramaturgie und ist zwar fest im deutschen Kontext verankert, besitzt aber durch seine Themen und die international bekannten Passionsspiele eine universelle Reichweite.
Nach 20 Jahren kann man Books at Berlinale als Konstante verstehen. Welche inhaltlichen oder strukturellen Entwicklungen wünschen Sie sich für die kommenden Jahre?
Karla Kutzner: Wir möchten den persönlichen Dialog zwischen Literatur und Film weiter vertiefen, neue Stimmen und Arbeitsweisen stärker einbeziehen und den Blick auf weitere Länder und Märkte ausweiten. Gleichzeitig wollen wir Rechteinhaber:innen ermutigen, ihre Stoffe einzureichen, und Produzent:innen davon überzeugen, dass Literatur eine hervorragende Grundlage für audiovisuelle Erzählformen ist. Dabei bleibt es unser Ziel, Books at Berlinale als kuratierten, persönlichen Raum zu bewahren, in dem Qualität, Vertrauen und langfristige Beziehungen im Mittelpunkt stehen.
Niki Théron: Literatur und Film helfen uns, die Welt besser zu verstehen, Empathie zu entwickeln und Hoffnung zu schöpfen. Books at Berlinale hat dafür einen wichtigen Raum der Begegnung geschaffen. Ich wünsche mir, dass aus diesen Begegnungen auch in Zukunft viele großartige Filme entstehen.
Das Interview hat Damian Sprenger für BLICKPUNKT:FILM geführt und ist seit dem 23. Januar 2026 auf der Website www.the-spot-mediafilm.com(Öffnet neues Fenster) verfügbar.
Karla Kutzner, Books at Berlinale; Niki Théron, Frankfurter Buchmesse
© Joerg Kandziora / Marc Jacquemin