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Wang Tsung-Wei

© Aenbi Kuo

Wie sehen Autorenschaft, Akzeptanz und Lesegewohnheiten in einem Literaturbetrieb aus, der zunehmend von Künstlicher Intelligenz (mit-)gestaltet wird? Nach der Konferenz The Curated Future: AI, Creativity, and New Paths to Reading Engagement(Öffnet neues Fenster), organisiert von der Frankfurter Buchmesse in Kooperation mit der Taipei International Book Exhibition, sprachen wir mit dem taiwanesischen Autor Wang Tsung-Wei über die kreative Zusammenarbeit von Mensch und KI. Wang entwarf dabei das Bild einer Zukunft, in der KI nicht nur Werkzeug, sondern Partner ist und in der Leser*innen Geschichten selbst mitgestalten.

Wang Tsung-Wei, warum hast du dich für eine KI als kreativen Partner entschieden?

Da KI etwas ist, mit dem man kommunizieren kann – etwas, das antwortet – und da sie über eine operative Fähigkeit verfügt, differenzierte, unterscheidende Urteile zu fällen, ähnelt sie eher einem „Partner“ als einem Instrument: wie C-3PO und R2-D2, nicht einfach Maschinen, sondern Gesprächspartner mit einer ausgeprägten Handlungsfähigkeit. Für mich ist KI also nicht nur ein Werkzeug. Sie ist ein Mittel, mit dem die Arbeit mich übertreffen kann, indem sie einen Text erstellt, den ich nicht vorhergesehen habe, oder etwas  schreibt, was ich nicht schreiben konnte. 

Wird KI-generierte Literatur jemals genauso akzeptiert werden wie menschlich geschaffene? Gibt es Märkte, die offener dafür sind als andere?

Es geht hier nicht mehr um „die Zukunft“. Einige Texte, die als menschliche Literatur wahrgenommen werden, sind bereits akzeptiert worden. Wir  sind jedoch noch zaghaft und maskieren die Maschine hinter dem Namen eines Menschen. Ich denke, jeder Markt wird KI-Literatur akzeptieren, vorausgesetzt, die Werke sind gut. Ddas Kriterium ist nicht die Herkunft, sondern die Kraft. Menschliches Schreiben wird nicht verschwindensondern seltener und damit wertvoller werden. Denken Sie an Go oder Schach: Der Computer dominiert seit langem, und kein Mensch kann ihn übertreffen – dennoch bleiben die „menschliche Intelligenz“, die die Profispieler an den Tag legen, und die Dramatik des „menschlichen Wettbewerbs“ bewegend und von unschätzbarem Wert. In diesem Sinne wird „das Menschliche“ selbst einzigartiger – bis zu dem Tag, an dem es von Robotern ausgelöscht wird.

Du sprichst auch darüber, wie sich die Rolle der Leser*innen dadurch verändern wird. Wie sieht deiner Meinung nach der „Future Reader“ aus? 

Der Leser der Zukunft wird entscheiden, was er lesen möchte, und mithilfe eines konfigurierten KI-Systems die gewünschte Literatur generieren. Tatsächlich hat das Zeitalter der Online-Communities bereits „Leser-Autoren” hervorgebracht: Autoren, die in erster Linie Leser sind und deren Urheberschaft nicht mehr wie früher heilig ist. Die Aura des Autors, die einst als eine Art Heiligkeit behandelt wurde, ist bereits weitgehend verschwunden. Jeder Leser, der das Lesen liebt, kann in einem bestimmten Bereich zum „Schriftsteller“ werden. Das Zeitalter der KI wird dies erleichtern. Wenn das Ergebnis jedoch schlecht geschrieben ist, könnte es auch langweiliger werden. (Es gab schon immer viele schlecht geschriebene Texte von Menschen; dies ist kein spezifisches Problem der KI.) Genau aus diesem Grund werden, wie ich oben bereits sagte, die nicht hybridisierten „menschlichen Autoren“ – sowohl das Werk als auch der Titel – an Wert gewinnen.

Könnte die kreative Zusammenarbeit zwischen Menschen und KI möglicherweise völlig neue Zielgruppen von Leser*innen hervorbringen? Wie würden diese aussehen?

Diese Frage schließt für mich an die vorherige an. Ja: Nachdem die avantgardistische, experimentelle Phase abgeklungen ist, wird kommerzialisierte KI-Literatur einen großen Teil des Lesemarktes ausmachen. Die Frage bleibt, ob wir ihr weiterhin einen menschlichen Namen geben oder stattdessen das kollaborative System selbst benennen werden. In diesem Fall würde „der Autor” eher ein kollaboratives System bezeichnen als einen einzelnen Menschen. Literatur zu lesen – Gedichte, Romane, Belletristik aller Art – ist ein inneres menschliches Verlangen, ein Impuls, der nicht ausgelöscht werden kann. Der altmodische Leser wird weiterhin existieren.

Neue Leser werden sich jedoch an hybride Werke gewöhnen, die von Mensch und Maschine geschaffen wurden,  und vielleicht sogar selbst Teil dieser Hybridität werden. Vielleicht kauft der Leser dann kein Buch mehr, sondern ein System zur Erzeugung von Romanen: Er kann die Figuren auswählen, die Person, die er in der Geschichte hasst, umbringen und eine lebenslange Verbindung mit dem Geliebten eingehen, mit dem er in der Realität nicht zusammen sein kann, und so weiter. In den Ausstellungen, die ich zum Thema Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI  organisiert habe, spüre ich sehr direkt den dringenden Wunsch der Teilnehmer, Teil der Geschichte zu sein – nicht nur Konsumenten des Textes, sondern eine seiner Funktionen.

Welche neuen Erkenntnisse hat dir persönlich die Veranstaltung der Frankfurter Buchmesse „The Curated Future: AI, Creativity, and New Paths to Reading Engagement“ auf der Taipei International Book Exhibition gebracht?

Das Verlagswesen ist in Taiwan eine zunehmend schwierige Branche – insbesondere im literarischen Bereich, auf den ich mich persönlich konzentriere. Dennoch ist es in einer Hinsicht schwierig und in einer anderen unendlich reizvoll. Schreiben, Veröffentlichen, Vermarkten, Vertreiben: All dies ist aufgrund globaler Netzwerke, KI-Technologien und der sich rasant entwickelnden Möglichkeiten, Inhalte zu transformieren und zu verbreiten, schwieriger geworden.

Dies wurde auch im  Programm der Frankfurter Buchmesse auf der Taipei International Book Exhibition deutlich. Der Mensch hat nie aufgehört, innovativ zu sein. Tatsächlich stehen KI-Technologie und menschliches Schreiben nicht im Widerspruch zueinander: Beide gehören zum gleichen unermüdlichen menschlichen Drang, Dinge zu verfolgen, zu erfinden und zu schaffen, die uns und vielleicht auch die Welt zufriedenstellen. Die Vorstellungskraft war nie wirklich eingeschränkt, und deshalb überwinden wir Schwierigkeiten und leben weiter. Allein der Gedanke, anderen dabei helfen zu können, alle möglichen Probleme zu lösen, ist berauschend. Bevor die Welt von Robotern beherrscht wird, sollten wir diese Freude so lange wie möglich genießen.
 

Die Fragen stellte Johann-Christian Fürstenberg.

Über Wang Tsung-Wei

Deputy General Manager von  Linking Publishing und Chefredakteur UNITAS Magazine

Seit 2023 leitet und kuratiert Wang KI-bezogene Literatur- und Verlagsprojekte in Taiwan. Zu seinen Arbeiten gehören „Love Letters to Aillen: Ein interaktives Fiction-Projekt mit ChatGPT" – der erste interaktive Roman in Taiwan, der in Zusammenarbeit zwischen einer menschlichen Autor*in und ChatGPT entstanden ist – sowie mehrere KI-Kooperationsinitiativen für große Kulturinstitutionen, wie beispielsweise der Digital Theme Pavilion auf der Taipei International Book Exhibition (TIBE) 2025, die Eröffnungsausstellung der Taichung Green Museumbrary und ein KI-Kooperationsprojekt für eine Reiseliteraturausstellung im National Museum of Taiwan Literature.

„Love Letters to Aillen“ wurde für das Taiwan Creative Content Fest (TCCF) ausgewählt und erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter den Shopping Design Best 100 (Experimental Classics) und den Golden Tripod Award – Digital Content Award.