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"Nur virtuell geht das Geschäft nicht"

Juergen Boos

© Jonas Ratermann

Spätestens seit der Absage der Leipziger Buchmesse stellen sich viele Fragen, wie die Buchbranche mit der neuen, inhärent unsicheren Lage umgehen wird – wirtschaftlich und kulturell. Fragen an Juergen Boos, den Direktor der Frankfurter Buchmesse. Von Mara Delius, Leitung „Literarische Welt“

Dieses Interview erschien in der Beilage Die Literarische Welt am 14.3.2020.

Nach der Absage der Leipziger, Londoner und Pariser Buchmessen, der LitCologne und unzähliger Literaturveranstaltungen: Könnte es sein, dass wir uns an den Gedanken einer „virtuellen“ Buchmesse gewöhnen müssen, ohne Präsenz?

JB: Die Situation, die wir gerade erleben, hat keinen Präzedenzfall. Für Messeveranstalter, Aussteller*innen und Autor*innen, die monatelang auf die Frühjahrsmessen hingearbeitet haben, ist es ein herber Schlag. Das betrifft uns im Übrigen auch – wir richten jedes Jahr rund 20 deutsche Gemeinschaftsstände auf internationalen Buchmessen aus. Für Mai war ein deutscher Ehrengastauftritt in Thessaloniki geplant, den wir federführend vorbereitet haben. Er wird voraussichtlich auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.

Umso beeindruckender ist es zu sehen, wie kreativ Verlage, Buchhändler*innen, Medien und nicht zuletzt die Leser*innen mit der Situation umgehen: von #bücherhamstern über #sbm20 und #virtuellebuchmesse bis #whatamesse. All diese Aktivitäten sind gut, laut und wichtig – für mich zeigt sich hier deutlich das Zusammengehörigkeitsgefühl einer Branche, die virtuell sehr gut vernetzt ist.

Was fehlt, ist die geballte Energie, die sich entfaltet, wenn sehr viele Menschen für kurze Zeit zusammentreffen: der unmittelbare, persönliche, emotionale Austausch. Die große mediale Präsenz von Autor*innen, die lautstarke Inszenierung von Themen und Inhalten, die Nähe zwischen Autor*innen und dem Publikum. Öffentlich und meinungsstark geführte Diskurse. Preisverleihungen. Die Zufallsbegegnungen, die Feste.

Buchmessen feiern die Branche und zugleich sind sie wirtschaftlich sehr relevant: Von der Neukundenakquise, über Geschäftsanbahnung und Kooperationsvereinbarungen, von Produktpräsentation über Trendbeobachtungen bis hin zum Recruiting und zur Fortbildung - gerade auch im digitalen Bereich. Diese vielfältigen Business- & Networking-Optionen leben vom persönlichen Austausch. Sie digital abbilden zu wollen, halte ich in der nächsten Zeit für eher unrealistisch. Dennoch treiben auch wir die Digitalisierung von Arbeitsabläufen voran, zum Beispiel durch unsere digitale Rechtehandelsplattform IPR.

Wie wichtig ist Ihrer Einschätzung nach die „verdichtete Öffentlichkeit“ am Geschäft? Lässt sich das beziffern?

JB: Durch die Absage der Frühjahrsmessen kommt Büchern, den Autor*innen und ihren Themen ein hohes Maß an Aufmerksamkeit abhanden. Normalerweise beherrschen Messen den öffentlichen Diskurs: Welche Diskussionen sind relevant, wie kommentieren Autor*innen das Weltgeschehen? Welche Trends und Innovationen werden in den nächsten Monaten wichtig werden? Diese intensiven Debatten führen Leser*innen zu Autor*innen und ihren Werken. Meines Erachtens hat sich dieser Effekt in diesem Frühjahr sehr abgeschwächt.

Hinzu kommt, dass Gespräche und Lesungen auch außerhalb der Messen überall abgesagt werden, was existenzbedrohende Honorarausfälle für die Autor*innen und die Buchhandlungen bedeutet.

Darüber hinaus ist die persönliche Begegnung beim Handel mit Rechten und Lizenzen, der auf den Messen in London, Bologna und in Frankfurt stattfindet, von großem Wert. Die Agent*innen im Literary Agents & Scouts Centre auf der Frankfurter Buchmesse treffen an fünf Tagen Geschäftspartner aus fünf Kontinenten. Diese Art der Kontaktpflege lässt sich nicht in Euro beziffern.

Wer im Betrieb (von Agenten bis Verlagen) könnte am ehesten ohne örtliche Präsenz arbeiten, wer nicht? Oder spüren wir gerade, dass wir die totale Digitalisierung ohne Begegnung und Vergemeinschaftung im realen Raum dann doch nicht leben können?

JB: Der „Betrieb“ läuft ja das ganze Jahr über hochtourig, die Geschäftsroutinen sind sehr digital – mit allen Vorteilen, die das bringt. Die großen Messen und Festivals schaffen aber eine Form von Öffentlichkeit und Geschäft, die sich virtuell nicht eins zu eins abbilden lässt.

Die Frankfurter Buchmesse ist (viel mehr als Leipzig) eine Handelsmesse. Für die Absatzzahlen des Buchhandels dürfte der Ausfall in Leipzig eher unwesentlich gewesen sein.  Inwiefern wäre das in Frankfurt anders?

JB: Wie schon erwähnt, die Absage von Leipzig wird schmerzliche Auswirkungen für die ganze Branche haben. Dennoch ist richtig: Die Frankfurter Buchmesse bringt nicht nur das internationale Publishing, sondern darüber hinaus zahlreiche Disziplinen der Medien- und Entertainmentbranche zusammen. Wir bilden, in viel größerem Maßstab, die gesamte Verwertungskette des Handelns mit kreativen  Inhalten ab. Damit ist sehr viel wirtschaftliches Potenzial verbunden.

Diverse internationale Buchmessen wurden in den letzten Tagen abgesagt oder verschoben. Inwiefern stehen Sie im Austausch mit anderen Buchmessen? Gibt es eine Verständigung darüber untereinander oder ist das Vorgehen von Land zu Land verschieden?

JB: Es gibt seit dreißig Jahren ein Netzwerk der Buchmessedirektor*innen und im Moment stehen wir mit allen in Verbindung – von Buenos Aires bis Taipeh. Von dieser Situation sind wir alle betroffen, und der kollegiale Austausch steht im Vordergrund.