Kultur lässt sich nicht wegbomben
Tom Jonas Müller & Pavlína Juračková
© Max Gödecke, Barbora Maršíček
Nur wenige Tage nach einem schweren Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kyjiw fand das International Book Arsenal Festival (28.-31. Mai 2026) statt – umgeben von zerstörten Kultureinrichtungen. Tom Jonas Müller, früherer Leiter des Tropen Verlags, und Pavlína Juračková, Lektorin und Managerin für internationale Rechte beim tschechischen Verlag PASEKA, nahmen im Rahmen des Book Arsenal Fellowship-Programms an dem ukrainischen Literatur- und Kunstfestival teil. Wir sprachen mit ihnen über ihre Erfahrungen in Kyjiw.
Wie haben Sie sich bei der Anreise zum Book Arsenal Festival gefühlt?
Pavlína: Ich muss zugeben, je näher die Fahrt nach Kyjiw rückte, desto größer wurden meine Bedenken. Wahrscheinlich ist das ganz normal. Jedoch schickte mir dann Yuliia Kozlovets, die Direktorin des Festivals, eine wunderbare Nachricht; ihre Worte bedeuteten mir viel. Schon während der Zugfahrt kam Vorfreude auf. Als ich in Kyjiw ankam, verflogen meine Bedenken schnell. Am Bahnhof empfing mich eine junge Geschichtsstudentin, die sich ehrenamtlich für das Festival engagierte. Wir unterhielten uns auf dem Weg zum Hotel und ich war zutiefst von ihrem Wissen, ihrer Energie und auch ihrer Bescheidenheit beeindruckt.
Tom: Ich muss zugeben, nach dem brutalen russischen Angriff direkt am Wochenende vor meiner Abreise kamen mir Zweifel. Ich dachte mir: „Handle ich hier leichtsinnig?". Aber ich bin im Nachhinein froh, dass ich meine Pläne nicht geändert habe. Bei meiner Ankunft gab es akute Bombenwarnungen, aber im Stadtzentrum fühlte ich mich recht sicher – auch dank des Book Arsenal Festivals, das Volunteers organisierte, die uns am Bahnhof abholten. Ihre Erfahrung mit der gesamten Situation hat mir anfangs sehr geholfen.
Pavlína: Eine Buchmesse unter Kriegsbedingungen zu organisieren, ist eine extrem komplexe Aufgabe. Die Organisator*innen müssen mit weit mehr Unsicherheiten und Herausforderungen umgehen als unter normalen Umständen. Ich habe sehr schnell gemerkt, wie dankbar ich war, an dem Festival teilnehmen zu können. Es ist Schauplatz einer wirklich außergewöhnlichen Buchbranche – einer, die in der Ukraine sichtbar blüht.
Wie haben Sie die Festivaltage erlebt? Ist es überhaupt möglich, sich in Zeiten von Krieg und Krisen auf Literatur zu fokussieren?
Pavlína: Es mag im Kontext dieses Interviews paradox klingen, aber wenn ich meine Erfahrung in einem Satz zusammenfassen müsste, würde er lauten: Es ist unmöglich, das in Worte zu fassen. Man muss es selbst erlebt haben: vor Ort sein, alles sehen, die Atmosphäre spüren und die Wirkung verstehen. Für mich war das Festival eine Kombination aus Mut, außergewöhnlicher Professionalität, herausragendem Design und wunderbaren und inspirierende Büchern und Geschichten. Zugleich gab es hin und wieder immer Anlässe, bei denen wir den Schutzraum aufsuchen mussten, in dem Meetings und Gespräche über Bücher und die Buchbranche fortgesetzt wurden. Das Book Arsenal Festival entspricht einem außergewöhnlich hohen Standard. Ich würde es jedem empfehlen, der sich bereit fühlt, die Reise anzutreten und es selbst zu erleben.
„in Zeiten von Krisen und Krieg zeigt sich, was Bücher uns Menschen geben können”
Tom: Die Festivaltage verliefen vergleichsweise ruhig. Wir suchten oft die Schutzräume auf; ich empfand hier jedoch keine echte Bedrohung – auch dank Menschen wie dem Dichter Igor Mitrov, der unten im Schutzraum Gedichte vortrug. Ich muss sagen, es war tatsächlich möglich, sich auf Literatur und Poesie zu konzentrieren. Gerade in Zeiten von Krisen und Krieg zeigt sich, was Bücher uns Menschen geben können und wie sehr wir sie alle brauchen. In Friedenszeiten vergessen wir das manchmal. Ich erinnere mich aber noch sehr gut an die wichtige Rolle, die Bücher in Deutschland während der Pandemie einnahmen.
Was bedeutet das diesjährige Motto des Book Arsenal Festivals „Bear your freedom" für Sie? Und was bedeutet es Ihrer Meinung nach für Ihre ukrainischen Kolleg*innen?
Tom: Was das Motto für Ukrainer*innen bedeutet, braucht meiner Meinung nach keine weitere Erklärung. Viel wichtiger ist, dass ihre Erfahrung uns in Deutschland zeigt, was auf dem Spiel steht. „Bearing your freedom" heißt, Verantwortung und Chancen zugleich zu spüren: Es geht darum, das zu genießen, was uns gegeben ist, ohne es als selbstverständlich zu betrachten.
„Freiheit ist nichts, das wir als selbstverständlich erachten dürfen”
Pavlína: Ich würde es nicht wagen, im Namen meiner ukrainischen Kolleg*innen zu sprechen. Für mich ist das Motto aber eine kraftvolle Erinnerung an die Verantwortung eines jeden. Freiheit ist nichts, das wir als selbstverständlich erachten dürfen. Wir müssen für sie kämpfen und Verantwortung für sie tragen. Freiheit ist nie ein dauerhafter Zustand. Wir müssen stets um sie ringen – zu jeder Zeit und in jeder Epoche. Sie ist nicht garantiert; sie ist zerbrechlich und muss konstant beschützt und gepflegt werden. Und das geht Hand in Hand mit der Freiheit, die eigene Identität auszudrücken. Bei Book Arsenal und in Kyjiw sieht man das überall: in schönen Buchhandlungen, bei Designerkleidung, die auf ukrainische Folklore zurückgreift, und in Restaurants, die Tradition mit einem frischen, zeitgenössischen Ansatz verbinden. In dieser Hinsicht hat mich die Ukraine beeindruckt.
Gibt es etwas, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist? Welche Begegnungen, Gespräche und Ereignisse haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen?
Tom: Der bewegendste Moment war für mich zweifellos die Performance „Echoes" der jungen Dichterin und Soldatin Olena Herasymjuk, die sie gemeinsam mit dem Autor Pavlo Matiusha aufführt. Die beiden lesen die Gedichte und Texte von Schriftsteller*innen, die im Krieg von russischen Soldaten getötet wurden. Sie auf der Bühne zu sehen, war atemberaubend.
Pavlína: Jede Begegnung war für mich bedeutsam, aber ganz besonders war es, die ukrainischischen Verleger*innen wiederzutreffen, die ich im Vorjahr in Frankfurt während des „Special Programme for Publishers from Ukraine and Neighbouring Countries" der Frankfurter Buchmesse kennengelernt hatte. Es war sehr bewegend und ich bin allen, die sich die Zeit für ein Treffen mit mir genommen haben, wirklich dankbar. Außerdem habe ich mich zutiefst gefreut, unser Buch „Memory Burn" von Marek Torčík in einer so besonderen Ausgabe am Stand des Verlags Who Is It zu sehen. Darüber habe ich mich unheimlich gefreut.
„Auf dem Festival gingen Literatur und Leben ineinander über”
Was mir vielleicht am stärksten in Erinnerung geblieben ist, ist, wie persönlich sich die Messe anfühlte. Die Geschichten aus den Büchern vermischten sich oft mit Gesprächen über den Alltag. Auf dem Festival gingen Literatur und Leben ineinander über. Das geschieht nicht oft. Genau deshalb ist mir alles, worüber wir sprachen, so tief im Gedächtnis geblieben.
Wie geht es weiter? Was können wir aus Deutschland, Tschechien oder anderen Ländern tun, um unsere ukrainischen Kolleg*innen aus dem Verlagswesen zu unterstützen?
Pavlína: Es gibt viel zu tun! Natürlich kann jede*r einen eigenen Weg finden, die Ukraine zu unterstützen. Bei Paseka verlegen wir ukrainische Autor*innen und ich würde auch sehr gerne wieder zum Book Arsenal Festival fahren. Wir sind außerdem dankbar, dass ukrainische Verlage unsere Bücher veröffentlichen. Neben dem bereits erwähnten Titel „Memory Burn" sind drei weitere Projekte in der Mache. Wir stehen an der Seite der Ukraine als Partner. Und unser Verlag lehnt es ab, Rechte aus Russland zu kaufen oder dorthin zu verkaufen.
Tom: Ich hatte den Eindruck, dass wir auf geistiger Ebene die Unterstützung und die Beharrlichkeit bräuchten, die die Ukrainer*innen haben. Wir müssen verstehen – und unseren Kolleg*innen aus dem Verlagswesen verständlich machen –, dass wir den Ukrainer*innen mit unseren öffentlichen Plattformen keinen Gefallen tun, sondern uns selbst. Geistig stecken Deutschland und der deutsche Buchmarkt meiner Meinung nach mehr in der Krise als die ukrainische Verlagsszene.
Pavlína: Eine ukrainische Verlegerin sagte mir einmal, sie befürchtet, die Ukraine könnte im Dunkeln bleiben. Aber für mich strahlt die Ukraine. Es ist eine mutige und starke Kultur, und wir zählen auf sie.
Vielen Dank für das Gespräch!
Über Pavlína Juračková: Pavlína ist Lektorin und Managerin für internationale Rechte beim tschechischen Verlag Paseka in Prag. Sie arbeitet mit internationalen Autor*innen und an europäischen Kulturprojekten. Sie ist tief in der Gegenwartsliteratur verwurzelt und engagiert sich aktiv bei Literaturfestivals in Mittel- und Osteuropa.
Über Tom Jonas Müller: Tom ist ein deutscher Autor, Kurator und Verleger mit Sitz in Berlin. Er studierte Romanistik und Germanistik, arbeitete beim Aufbau Verlag und leitete später den deutschen Verlag Tropen. Er kuratiert Kulturveranstaltungen wie die Read Parade in Turin und schreibt Beiträge für Publikationen wie die FAZ, die taz und Deutschlandfunk Kultur. Sein Roman Die jüngsten Tage erschien 2019.
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Das Interview führten Frena Araya, Katrin Hage und Ines Bachor von der Frankfurter Buchmesse. Es wurde am 23. Juni 2026 veröffentlicht.