FBM26: Wo Comics ihre Welt erweitern
© Marc Jacquemin / Frankfurter Buchmesse
Comics sind längst mehr als ein Genre. Sie werden zu Serien, Filmen oder Games – und verbinden weltweit eine wachsende Community. Warum Comics auf der Frankfurter Buchmesse 2026 eine größere Rolle spielen als je zuvor, erklärt Charlotte Boschen, Key Account Managerin der Frankfurter Buchmesse.
1. Comics wandern heute ganz selbstverständlich zwischen Buch, Webtoon, Serie und Film. Wie verändert das heute den Blick auf Comics?
Comics waren schon immer Teil einer größeren kreativen Welt. Figuren wanderten aus den Heften in Games oder in Sammelalben. Lange spielte sich das jedoch in einer eher kleinen Szene ab.
Heute hat sich das verändert. Nerdkultur ist längst Teil des popkulturellen Mainstreams geworden. Gleichzeitig entstehen rund um Comics starke Communities. Leser*innen verfolgen nicht nur einzelne Bände, sondern ganze Reihen oder tauchen in ein komplettes Storyverse ein.
Entscheidend ist dabei: Comics werden heute weniger als Format verstanden, sondern als Ursprung von Geschichten. Wenn ein Webtoon zur Netflix-Serie wird, ein Manga einen Anime bekommt oder eine Graphic Novel als Kinofilm adaptiert wird, zeigt uns das ganz klar: Die Geschichte als Urstoff steht im Mittelpunkt – nicht das Medium. So entwickeln sich aus Comics viele weitere Formate.
2. Auf der nächsten Frankfurter Buchmesse wird das Thema Comics sichtbarer sein als je zuvor. Was habt ihr dafür aufgebaut?
Ein zentraler Baustein ist das Comics Business Centre. Dort entsteht ein Treffpunkt für die internationale Branche – ein Ort, an dem sich Rights Manager*innen, Agenturen und Verlage gezielt austauschen können.
Parallel entsteht eine Webtoon Area, die wir gemeinsam mit unserem Webtoon Ambassador Sébastien Célimon entwickeln. Damit greifen wir eine der dynamischsten Entwicklungen im Comicmarkt auf.
Gemeinsam mit dem japanischen Festival Main Matsuri holen wir außerdem die Cosplay-Community zurück auf die Messe – mit einer eigenen Bühne und einem Programm rund um Manga, Anime, Musik und japanische Popkultur.
3. Du kennst viele Buchmessen und Comic-Festivals: Wenn so viele Zeichner*innen, Verlage, Agenturen und Scouts zusammenkommen – was passiert in solchen Momenten eigentlich?
In solchen Momenten merkst Du schnell, dass Comics mehr sind als ein Markt – sie sind auch eine Gemeinschaft.
Viele Geschichten greifen gesellschaftliche Themen visuell und emotional auf, die Menschen heute beschäftigen. Wenn Zeichner*innen, Verlage und Leser*innen zusammenkommen, entsteht deshalb ein starkes Gefühl von Zugehörigkeit. Dann diskutieren Graphic-Novel-Zeichner*innen mit Manga Artists über Farben und Techniken.
Diese Begegnungen sind wichtig, weil hier nicht nur Projekte entstehen, sondern auch ein gemeinsamer kultureller Raum erlebt wird.
Um genau diese Begegnungen weltweit und auch außerhalb der Messe zu stärken, bieten wir das Förderprogramm Frankfurt Global Network an. In diesem Jahr passend mit dem Schwerpunkt Comics, Manga und Visual Stories. Branchen-Profis die sich darüber fortbilden und vernetzen wollen, können sich gerne bei uns anmelden.
4. Mit dem Comics Business Centre schafft ihr einen neuen Treffpunkt für die Branche. Was passiert dort ganz praktisch – wer trifft dort auf wen?
Das Comics Business Centre ist ein Ort für internationales Geschäft rund um Comics.
Rights Manager*innen und Agent*innen treffen dort auf Verleger*innen, Editor*innen und Scouts, die nach neuen Stoffen, Figuren und Ideen suchen. Es geht um Übersetzungsrechte, neue Märkte – und um Geschichten mit Potenzial über das Buch hinaus.
Der Blick richtet sich zunehmend auf die crossmediale Verwertung. Neben klassischen Verlagen interessieren sich auch Branchen-Insider aus Games, Animation oder Webtoon-Plattformen für neue Inhalte.
Im Kern bleibt es ein Rechtegeschäft – nur dass Geschichten heute oft über mehrere Medien hinweg weiterentwickelt werden.
5. Comics leben stark von direkter Begegnung – Signings, Artists Alley, Workshops. Welche Formate magst du dabei besonders?
Ein persönliches Highlight ist für mich die Artist Alley, die meine Kollegin und Manga-Expertin Nathalie Quillmann jedes Jahr organisiert. Dort sitzt man den Zeichner*innen direkt gegenüber, sieht ihnen beim Skizzieren zu und kommt sofort ins Gespräch. Man merkt unmittelbar, wie viel Handwerk und Zeit dahinter steckt.
Sehr beeindruckend sind auch Live-Drawing-Sessions. Wenn Künstler*innen vor Publikum zeichnen, ist das fast wie ein Konzert. Man erlebt Schritt für Schritt, wie eine Figur entsteht.
Und natürlich gehören auch Cosplay-Begegnungen dazu. Wenn Fans als Figuren auftauchen und Künstler*innen ihre eigenen Charaktere plötzlich in 3D vor sich sehen, zeigt das, wie stark diese Geschichten Menschen erreichen.
Das Faszinierende ist: Comics liest man meist allein – aber die Community dahinter ist sehr präsent. Diese Begegnungen geben der ganzen Kultur eine emotionale Tiefe.
6. Wenn man Business, Szene und Publikum zusammennimmt: Woran spürst du am Ende der Messe, dass dieses Comic-Jahr in Frankfurt einen Unterschied gemacht hat?
Ein erstes Zeichen ist das Feedback der Aussteller. Wenn Verlage sagen, dass sie auf der Messe wichtige Kontakte geknüpft oder ihr nächstes Geschäftsjahr gut vorbereitet haben, ist das ein starkes Signal.
Man merkt es aber auch an den Gesprächen. Wenn internationale Partner gezielt nach neuen Graphic Novels oder Webtoons suchen – nicht als Experiment, sondern als strategische Entscheidung.
Auch in der Szene wird das sichtbar. Wenn Zeichner*innen neue Kooperationen starten oder internationale Anfragen bekommen.
Und schließlich sieht man es am Publikum: Wenn Manga-Fans neben Graphic-Novel-Leser*innen sitzen und Familien, Studierende und Branchenprofis dieselben Veranstaltungen besuchen.
Ganz persönlich merke ich es an der Energie in den Hallen. Wenn am Ende alle erschöpft sind von den vielen Gesprächen des Tages – und Verlage sagen: „Nächstes Jahr kommen wir mit noch mehr Comic-Programm.“
Dann weiß man: Dieses Buchmesse-Jahr war mehr als ein Termin im Kalender.
Das Interview führte Frank Krings, PR Manager der Frankfurter Buchmesse.
Charlotte Boschen, Key Account Manager der Frankfurter Buchmesse
Charlotte wuchs in Brüssel, Belgien, auf und studierte Literaturwissenschaften in Frankreich (Paris) und Deutschland (Bonn).
Seit 2022 ist sie für die Aussteller aus Deutschland, Österreich, Belgien und Frankreich zuständig und leitet das internationale Comics Business Center.