„Ein gut zugänglicher Messestand wirkt für alle einladender“
Tanja Väth
© privat
Tausende Teilnehmer*innen, riesige Hallen und vielfältige Messestände – die Frankfurter Buchmesse ist ein Großevent. Eine kleine Stufe, ein etwas höher angebrachtes Bücherregal, eine Infotafel mit kleiner Schrift – was vielen Fach- und Privatbesucher*innen kaum auffällt, wird für andere schnell zum Hindernis.
Die Messe-Aussteller*innen haben hier einen entscheidenden Einfluss. Wie kann ich einen Stand planen, der für alle Besucher*innen zugänglich ist? Worauf kommt es an? Wo finde ich Hilfe und wie passt das in mein Budget? Darüber haben wir mit Tanja Väth aus dem Bereich Fair Operations der Frankfurter Buchmesse gesprochen.
Tanja, was machst du bei der Buchmesse? Wie kommt es, dass du dich mit dem Thema Barrierefreiheit beschäftigst?
Ich bin Architektin und arbeite seit vielen Jahren im Standbau-, Hallenplanungs- und Infrastruktur-Team der Frankfurter Buchmesse. Ich befasse mich also täglich mit dem Layout und Aufbau der Messestände. Außerdem bin ich Teil der Fokusgruppe Barrierefreiheit der Buchmesse. Das ist eine abteilungsübergreifende Gruppe, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Buchmesse zugänglicher für Menschen mit Behinderungen zu machen.
Meine Aufmerksamkeit für das Thema wurde erstmals durch ein gemeinsames Projekt mit der TU Darmstadt geweckt, das wir 2017 gestartet haben. Seitdem beschäftige ich mich damit. Wir wollen zeigen, dass unsere Maßnahmen nicht nur Menschen mit speziellen Bedürfnissen zugutekommen. Es geht darum, die Aufenthaltsqualität für alle Besucher*innen auf der Messe zu erhöhen. Von einer besseren Beschilderung, mehr Sitzmöglichkeiten und Rückzugsorten beispielsweise profitieren alle Messeteilnehmer*innen.
Welche Vorteile bietet ein barrierearmer Messestand?
Im Vordergrund steht natürlich, dass Personen mit Einschränkungen die Stände ohne fremde Hilfe begehen und nutzen können. Und das, ganz unabhängig von ihren körperlichen oder sensorischen Fähigkeiten.
„Von einem barrierearmen Stand profitieren auch Menschen ohne spezielle Bedürfnisse“
Von einem barrierearmen Stand profitieren aber auch Menschen ohne spezielle Bedürfnisse. Informationen sind besser verständlich und Produkte leichter erreichbar. Zudem verringert sich das Unfallrisiko im Messetrubel, denn oft stellt ein erhöhter Boden am Messestand eine Stolperfalle dar.
Ein offener, gut zugänglicher Messestand wirkt für alle einladender.
Besucher*innen des Frankfurt Kids Festivals
© Frankfurter Buchmesse / Marc Jacquemin
Viele Aussteller*innen wissen gar nicht, wo sie anfangen sollen, um ihren Stand barriereärmer zu gestalten. Was ist ein guter erster Schritt?
Am besten startet man mit einer Analyse des Standes: Wo sind potenzielle Barrieren wie Stufen oder enge Durchgänge? Welche Teile des Standes werden nur unzureichend beleuchtet? Ganz wichtig ist auch, unzugängliche Produkte oder Informationen zu identifizieren. Sind Tische auch für Menschen im Rollstuhl geeignet? Und: Ist ein erhöhter Boden wirklich erforderlich?
„wir haben einen Leitfaden erstellt, um konkrete Tipps an die Hand zu geben"
Um unseren Aussteller*innen zu helfen, haben wir vom Team der Frankfurter Buchmesse dafür einen kostenfreien Leitfaden(Öffnet neues Fenster) erstellt. Dieser gibt konkrete Tipps an die Hand. Außerdem sind meiner Erfahrung nach der Austausch mit und das Feedback von Menschen mit Behinderungen sehr wertvoll. Sie zeigen besondere Schwachstellen auf und helfen, ein stärkeres Bewusstsein für kritische Punkte zu bekommen.
Leitfaden für einen barrrierearmen Stand
Nicht jedes Unternehmen hat ein großes Budget oder viele Ressourcen. Ist ein barrierearmer Messestand mit höheren Kosten verbunden?
Nein, das muss nicht sein. Ganz im Gegenteil: Wenn ich auf einen erhöhten Boden mit einer entsprechenden Standplanung verzichte, kann das sogar Kosten reduzieren. Bücher auf einer Höhe zu platzieren, die für alle gut erreichbar ist, kostet auch nicht mehr Geld.
„das kann sogar Kosten reduzieren“
Wichtig ist nur, dies von Anfang an bei der Standplanung mitzudenken und vorauszuplanen.
Die Messestände sind ein wichtiger Teil des Events. Aber was macht die Buchmesse selbst, um Barrieren abzubauen?
Seit fast zehn Jahren gibt es die bereits erwähnte Fokusgruppe Barrierefreiheit. Wir arbeiten kontinuierlich daran, die Messe zugänglicher zu gestalten. Das betrifft alle Bereiche: von unserer Website bis zum Messegelände. Wir haben in den letzten Jahren bereits zahlreiche Verbesserungen vorgenommen. Zum Beispiel breitere Hallengänge und eine vereinfachte Orientierung in den Hallen. Im letzten Jahr haben wir Vorrangplätze für Menschen mit Hör- oder Mobilitätseinschränkungen an unseren Bühnen sowie reizarme Ruheräume eingeführt, um nur einige Beispiele zu nennen.
Für höreingeschränkte Besucher*innen sind am Messewochenende zwei Dolmetscher*innen für Gebärdensprache im Einsatz, die ausgewählte Events übersetzen. Für blinde und seheingeschränkte Menschen bieten wir einen Begleitservice an sowie spezielle Führungen durch unseren Ehrengast-Pavillon. Diese waren im letzten Jahr besonders gut besucht – das hat uns sehr gefreut!
„Uns ist es wichtig, die Bedürfnisse zu verstehen“
Uns ist es wichtig, die Bedürfnisse verschiedener Gruppen zu verstehen, daher tauschen wir uns regelmäßig mit Expert*innen, Verbänden und Netzwerken, aber auch mit einzelnen Menschen mit Behinderungen aus. Fester Bestandteil unseres Messeablaufs ist zum Beispiel eine Sondierung des Geländes mit einer Person im Rollstuhl und einer externen Expertin zum Thema Barrierefreiheit.
Bei der Veranstaltung Reading Braille 2025
© Frankfurter Buchmesse
Neben dem kontinuierlichen Abbau von Barrieren haben wir es uns außerdem zur Aufgabe gemacht, mit Veranstaltungen und Kooperationen die Aufmerksamkeit unseres Fach- als auch Privatpublikums auf die Themen Inklusion und Zugänglichkeit zu lenken. Dies geschieht z.B. mit Fachevents zum Thema „Accessible Publishing“ und Veranstaltungen wie „Reading Braille“, das wir seit einigen Jahren zusammen mit dem Dialogmuseum Frankfurt organisieren.
„Mich freut es sehr, wenn ich sehe, dass unsere Angebote angenommen werden"
In diesem Jahr starten wir außerdem erneut eine Projektzusammenarbeit mit der TU Darmstadt, um das Thema Zugänglichkeit der Buchmesse weiter voranzutreiben. Mich freut es sehr, wenn ich sehe, dass unsere Angebote angenommen werden und gut ankommen und wir so dazu beitragen, das Messe-Erlebnis zu verbessern und die Vielfalt des Messepublikums zu erhöhen.
Vielen Dank für das Gespräch, Tanja!
Alle wichtigen Informationen zur Messeteilnahme für Personen mit einer Behinderung oder Einschränkung sind hier zu finden: https://www.buchmesse.de/besuchen/barrierefreiheit(Öffnet neues Fenster)
Die Seite wird regelmäßig aktualisiert.
Das Interview führten Mia Köhler und Ines Bachor von der Frankfurter Buchmesse