Frankfurter Buchmesse 2026: Wo die Branche ihre Zukunft verhandelt
78. Frankfurter Buchmesse mit 4.000 Ausstellern und 236.000 Besuchenden aus 137 Ländern, mehr als 3.800 Veranstaltungen und neuem Hallenlayout
In einer Zeit politischer Polarisierung und technologischer Umbrüche versammelt die Frankfurter Buchmesse die internationale Buchbranche als handlungsfähige Öffentlichkeit.
Mit insgesamt 236.000 Besucher*innen (119.000 Fachbesucher*innen und 117.000 Privatbesucher*innen) aus 137 Ländern konnte die Frankfurter Buchmesse ihr hohes Vorjahresniveau halten. In diesem Jahr nahmen mehr Länder teil als im Jahr zuvor. Neu dabei im Vergleich zum Vorjahr waren Besuchende aus Äquatorial-Guinea, Belize, Bermudas, Botswana, Eritrea, Grönland, Guatemala, Guinea, Kap Verde, Namibia, Swasiland, Togo, Turks- und Caicos Inseln, Zentralafrikanische Republik, Senegal und St. Vincent und Grenadinen.
„Diese Frankfurter Buchmesse hat gezeigt, dass die Zukunft des Buches an mehreren Orten zugleich gestaltet wird: an den Tischen der Rechte-Händler*innen, in der Debatte über KI und Publikationsfreiheit sowie in der direkten Begegnung mit Leser*innen. Frankfurt führt diese Orte zusammen. Hier handelt die Branche, spricht über die Bedingungen ihrer Zukunft und feiert die Literatur gemeinsam mit den Leser*innen“, sagt Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse.
Auch Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, zieht ein positives Fazit: „Die Frankfurter Buchmesse ist der Ort, an dem die Branche über Hallen und Nationen hinweg wichtige Fragen verhandelt: Uns alle beschäftigen die sinkende Lesekompetenz junger Menschen und auch die Auswirkungen von KI auf die Branche. Die unverändert große öffentliche Aufmerksamkeit und das enorme Interesse vieler Besucher*innen an der Buchmesse in Frankfurt lässt uns jedoch trotz aller wirtschaftlichen Herausforderungen zuversichtlich in die Zukunft blicken.“
Neue Ordnung, klare Orientierung: Hallenlayout 2026
Die Resonanz auf das neue Hallenlayout fiel bei Ausstellern, Fachbesucher*innen, Publikum und Medien positiv aus. Besonders häufig nannten sie die klare Orientierung und die ansprechende Aufteilung der Hallen.
Jo Lendle, Hanser-Verleger und Vorsitzender des Ausschusses für Verlage sagt: „Mehr Luft, weniger Stau: Frankfurt behält seine Relevanz als Fachmesse und schafft einen riesigen Sprung in Richtung Lesefest. Die Publikumstage verliefen spürbar leichter - quirlig, aber nicht gedrängt.“
Anna Soler-Pont (Pontas Agency) sagt: „Obwohl viele Lektor*innen viel hin und her laufen mussten und die kurze Zeit zwischen den Terminen eine Herausforderung darstellten, war das diesjährige LitAg fantastisch. Und für mich einer der besten Veranstaltungsorte überhaupt.“
Audio: Wachstum setzt sich fort
Der Hörbuch-Bereich verzeichnete auf der Messe mehr Aussteller als zuvor und wächst international weiter: Spotify kündigte die Expansion in 180 neue Märkte an. Audible präsentierte eine Umfrage unter 18.000 Kund*innen in elf Märkten, die steigende Hörzeiten und wachsende Hörer*innenzahlen zeigt. Dabei geben Hörbücher lokalen Geschichten und Sprachen Reichweite: „In Brasilien sprechen 220 Millionen Menschen dieselbe Sprache: Portugiesisch. Aber wir haben auch 295 indigene Sprachen, von denen viele Menschen nichts wissen. Wir müssen indigenen Kulturen eine Stimme geben, damit sie selbst über ihre Kulturen sprechen können“, sagte Henrique Lian, CEO von Proteste/Euroconsumers Brasil.
Book-to-Screen Day: Stoffe für Film und Serie
Der Book-to-Screen Day brachte Verlage, Agenturen, Produktionsfirmen und Filmschaffende zusammen, um über Stoffe, Rechte und neue Adaptionen zu sprechen. Zu den Höhepunkten zählten das Panel „European Adaptation Trends“ sowie das Gespräch von Regisseur Volker Schlöndorff, Produzentin Regina Ziegler und Autorin Jenny Erpenbeck über die Verfilmung von „Heimsuchung“. Der bevorstehende Netflix-Start von Melanie Raabes Roman „Die Falle“ zeigte, wie Bücher ein neues Publikum erreichen.
Frankfurt Calling: Wer schafft Wissen, wer wird gehört?
Frankfurt Calling, das kulturpolitische Programm der Buchmesse, stellte Fragen, die das Publizieren und öffentliche Debatten prägen. In 125 Veranstaltungen an 14 Orten in Frankfurt diskutierten u.a. die US-Historikerin und Pulitzer-Preisträgerin Jill Lepore, der Schriftsteller, Menschenrechtsanwalt und Friedenspreisträger Philippe Sands sowie Melissa Fleming, Untergeneralsekretärin der Vereinten Nationen für globale Kommunikation. Themen waren digitale Kontrolle, der Schutz demokratischer Institutionen, Völkerrecht und Publikationsfreiheit. Der erstmals verliehene IPA Freedom of Expression Defenders Award ging an „The Media Coalition“. Der US-amerikanische Verband aus der Buch-, Film-, Musik- und Gamesbranche verteidigt seit 1973 die Meinungsfreiheit.
Von Gisèle Pelicot bis PublisHer: Frauenstimmen prägen die Frankfurter Buchmesse
Während in Stockholm Anne Carson als Literaturnobelpreisträgerin bekanntgegeben wurde, prägten auf der Frankfurter Buchmesse Autorinnen, Journalistinnen und Branchenvertreterinnen die Gespräche. Gisèle Pelicot machte mit ihrer eindringlichen Botschaft „Die Scham muss die Seite wechseln“ auf die gesellschaftliche Dimension sexueller Gewalt aufmerksam. Im SHEROES-Talk „Vater unser – Wenn Töchter Geschichten schreiben” ging Moderatorin Jagoda Marinić gemeinsam mit Natalie Amiri, Düzen Tekkal und Alexa Hennig von Lange der Frage nach: Wie sehr bestimmt unsere Herkunft, wer wir werden – und wann beginnt die eigene Geschichte? Im internationalen PublisHer-Fachprogramm diskutierten die Verlegerin Chantal Restivo-Alessi (USA), die Branchenjournalistin Emma House (UK) und die Verlegerin Kelly Gallagher (USA) über neue Karrierewege und die Sichtbarkeit weiblicher Perspektiven in der Buchbranche.
Ehrengast Tschechien: Ein Land an der Küste
Unter dem Motto „Ein Land an der Küste“ präsentierte Tschechien als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2026 mehr als 100 Veranstaltungen und 75 Autor*innen. Zu ihnen zählten Radka Denemarková, Marie Iljašenko, Dora Kaprálová, Jáchym Topol und Kateřina Tučková ebenso wie neue Stimmen der zeitgenössischen tschechischen Literatur: Marek Torčík, Anna Beata Háblová und Klára Vlasáková und viele weitere. Der 2.300 Quadratmeter große Ehrengast-Pavillon machte das Küsten-Motto räumlich erfahrbar. Außergewöhnliche, aufblasbare Design-Elemente luden zum Verweilen ein; auf zwei Bühnen trafen Lesungen, Gespräche und Fachaustausch aufeinander. Ein poetischer Leuchtturm und interaktive „Bojen“ machten tschechische Literatur mithilfe von KI erlebbar, während vor Ort Kunstwerke entstanden – unterstützt von einem Roboter.
Messewochenende: Vom Signiertisch bis zur Matsuri Stage
Ab Messefreitag stellte sich das Publikum seinen Messebesuch aus vielen Welten zusammen: Romance und Fantasy in der Festhalle, Manga, Cosplay und Hörbuch in Halle 4.0, Kinderbuch und Kino in der Screen World, Krimi, Hörbücher und Live-Podcasts im Audio-Areal. Rund um die Agora entstanden Wege für spontane Begegnungen und geplante Fan-Momente. Autor*innen trafen ihre Communitys, Kinder zeichneten und hörten zu, und die erste Matsuri Stage brachte japanische Popkultur auf die Messe. Auf der Literaturbühne von ARD, ZDF und 3sat erlebten Besucher*innen die ganze literarische Bandbreite: Mit Autor*innen wie Colson Whitehead, Robert Habeck und Cornelia Funke.
Die neue Community Stage in der Festhalle erwies sich als Publikumsmagnet. In der gemeinsam mit Bastei Lübbe eingerichteten Content Creator Lounge fanden Creator*innen zudem einen Rückzugs- und Vernetzungsort mitten im Messegeschehen.
Die 79. Frankfurter Buchmesse findet vom 6. bis 10. Oktober 2027 statt. Ehrengast ist Chile.