„Für mich wäre es schon ein kleines Wunder, das Buch auf der Leinwand zu sehen.“
Das Karlovy Vary International Film Festival (KVIFF), die Frankfurter Buchmesse, Svět knihy (Book World Prague) und die Moravian Library in Brünn – mit Unterstützung der PPF Foundation – haben zur 60. Ausgabe des renommierten Festivals das gemeinsame Projekt „Book-to-Screen at KVIFF“ gestartet. Ziel ist es, einen Markt für Filmrechte an Adaptionen literarischer Werke aus Mittel- und Osteuropa zu schaffen.
Nuka Gambashidze und František Malík haben dabei erstmals Bücher vor Produzent*innen gepitcht. Im Interview erzählen sie, wie sie das Festival erlebt haben, was das Format für ihre Arbeit bedeutet – und warum gerade ihre präsentierten Bücher sich gut auf der großen Leinwand machen würden.
© private/Mishenka
Wie habt ihr das KVIFF erlebt?
Nuka Gambashidze: Alles am KVIFF war eine sehr angenehme Überraschung. Ich war schon auf anderen Filmfestivals, aber Karlovy Vary fühlt sich anders und besonders an. Die ganze Stadt ist vom Festival durchdrungen – und das Festival gibt der Stadt auch etwas zurück. Selbst zufällige Begegnungen, die ich überall in der Stadt hatte, auf beiden Seiten des Flusses, waren wunderbar und führten oft zu inspirierenden Gesprächen. KVIFF fühlte sich an wie ein Zufluchtsort für Gleichgesinnte, die alle wollen, dass sich Kreativität und Licht in der herausfordernden Welt von heute durchsetzen. Mein einziges Bedauern ist, dass ich nicht genug Filme gesehen habe – aber jetzt weiß ich, wie ich meine Zeit beim nächsten Mal besser einteilen kann.
František Malík: Für mich war es auch das erste Mal beim Karlovy Vary International Film Festival. In gewisser Weise fühlte es sich fast unwirklich an, weil Filmschaffende oft jahrelang versuchen, dorthin zu gelangen. Es ist ein A‑List‑Festival – eines der ältesten und renommiertesten Filmfestivals der Welt – und zieht Publikum sowie Branchenprofis aus aller Welt an. Bei einem so wichtigen Forum zu präsentieren, ging mit einem großen Verantwortungsgefühl einher, und ich bin mit viel Respekt herangegangen. Gleichzeitig finde ich es großartig, dass das Festival eine Brücke zwischen Film und Literatur schaffen konnte, denn die Verbindung zwischen beiden wirkt sehr natürlich.
Wie hat das neue Format Book-to-Screen at KVIFF funktioniert?
Nuka Gambashidze: Das Book‑to‑Screen‑Programm und auch das gesamte Industry-Programm wirkten bis ins Detail geplant und perfekt umgesetzt. Das mag an der außergewöhnlichen Arbeitsethik der Frankfurter Buchmesse auf der einen Seite und der tschechischen Programmverantwortlichen auf der anderen liegen – und auch daran, dass alle Beteiligten offen und engagiert waren. Alle Verleger*innen, Filmschaffenden und Kulturmanager*innen, die beteiligt waren, waren inspiriert und inspirierend. Von Think Tanks über Podiumsdiskussionen, von Proben bis zur Bühnenzeit, von Industry-Events bis zu After-Hours-Networking und Partys: Das gesamte Festival stand uns offen, und Verlage fühlten sich ebenso willkommen und als integraler Teil wie Filmschaffende.
Bei den Arbeitssessions, die KVIFF und die Frankfurter Buchmesse organisiert haben, schien jede*r Teilnehmende darauf aus zu sein, Lösungen und Blaupausen zu finden, die wirklich für beide Seiten funktionieren können – für das Verlagswesen und für die Produktionsseite. Naomi, unsere Pitching-Beraterin, war sehr hilfreich, mit Ratschlägen, die tatsächlich für Verlage funktionieren; und Niki Théron war die eigentliche Leading Lady des gesamten Programms – durch und durch.
František Malík: Es hat meine Erwartungen übertroffen, obwohl ich grundsätzlich versuche, nicht zu viele Erwartungen zu haben. Dass es von so wichtigen Institutionen wie der Frankfurter Buchmesse, der Mährischen Bibliothek und dem Festival Book World Prague organisiert wurde, garantierte ohnehin bereits ein sehr hohes Niveau.
Ähnliche Formate haben sich bei anderen Filmfestivals als erfolgreich erwiesen, und KVIFF hat bestätigt, wie selbstverständlich sich die Literatur- und die Filmbranche verbinden können. Diese Austausche passieren ohnehin, aber ein Programm wie dieses kann sie deutlich erleichtern: Es hilft Filmschaffenden, starke Stoffe zu entdecken, und ermöglicht Autor*innen und Verlagen, Adaptionsangebote und die Filmbranche insgesamt besser zu verstehen.
Ich habe auch die Vielfalt des Programms geschätzt. Es gab öffentliche Pitches, B2B-Meetings und einen Workshop – sowie viele wertvolle informelle Gespräche, die natürlich ein wesentlicher Bestandteil jedes Festivals sind.
Welche Titel habt ihr präsentiert? Könnt ihr uns ein wenig darüber erzählen?
Nuka Gambashidze: Ich habe Cupid at the Kremlin Wall präsentiert – einen Roman des beliebten und hochgeschätzten georgischen Autors Aka Morchiladze. Die Geschichte spielt im Georgien der 1930er-Jahre in der Sowjetunion und hat mit Musya Retinger Eristavi eine weibliche Hauptfigur, die wirklich eine Leading Lady unserer Zeit ist: kompromisslos, meinungsstark, eine „Frau der Tat“. Sie ist eine ehemalige Bolschewikin Ende vierzig und reist heimlich von Tbilisi nach Moskau, um Stalin im Kreml zu treffen. Früher selbst eine glühende linke Revolutionärin, ist Musya 1939 zwar vom Staatsgeschehen distanziert, aber weiterhin ein aktives Mitglied ihrer Gemeinschaft.
Es wirkt verrückt, dass sie direkt mit Stalin sprechen will, aber es gibt eine Wendung – sie erklärt sich aus ihrer gemeinsamen Vergangenheit. Als junge Erwachsene hatten die beiden eine besondere Freundschaft, sogar eine Art von Werben. Sie will wissen, was mit ihrem Mann passiert ist, aber sie muss auch ihren alten Freund zur Rede stellen.
František Malík: Ich habe The Zone präsentiert, eine Graphic Novel des slowakischen Autors Daniel Majling, veröffentlicht bei BRAK.
Es ist eine schwarzhumorige Geschichte über Einsamkeit, Scheitern und die seltsamen Superkräfte von Menschen, die nie so ganz hineingepasst haben. Inspiriert ist sie von Gemer, einer schönen, aber abgelegenen und postindustriellen Region im Süden der Slowakei. Im Buch wird Gemer zur „Zone“ – einem isolierten Gebiet, in dem Schwermetallbelastung zu vererbter Depression, Mutationen und verstörenden Fähigkeiten geführt hat.
Die Geschichte folgt einem einsamen, neurotischen Comiczeichner, dessen einziger wirklicher Freund, Erik, in der Zone verschwindet. Bei der Suche nach ihm entdeckt der Protagonist einen lokalen Buchhändler, der die angeschlagenen Bewohner*innen der Region als nicht nachverfolgbare Auftragskiller rekrutiert – Menschen, die mit Worten töten können, unsichtbar werden oder andere durch ihre eigene Verzweiflung zerstören.
Es beginnt als Vermisstenfall und entwickelt sich nach und nach zu einem absurden internationalen Spionage‑Thriller. Trotz der dunkleren Themen ist der Roman voller scharfem Humor. Im Kern ist es eine Geschichte über Freundschaft – und darüber, zu entdecken, dass das, was du für deine größte Schwäche hältst, vielleicht tatsächlich deine Superkraft ist.
Warum eignen sich die Bücher für eine Verfilmung?
Nuka Gambashidze: Das Buch hat alles, was es für einen großartigen Film braucht: Action, Spannung, Drama, Wendungen und moralisch ambivalente Figuren. Ein großer Teil der Handlung spielt in einem Zug – ein perfektes Setting für einen Film, auch wenn der Roman historisch ist. Cupid ist außerdem postmodern, weil er sich am Ende als eine Art Pseudo‑Detektivgeschichte zusammenfügt.
Es gibt eine Metaebene in der Handlung, die einen Dialog mit Film herstellt. Neben Figuren mit realen historischen Vorbildern treten sowjetische Filmschaffende auf und zeigen, welche Folgen die Säuberungen des Regimes für sie hatten: Raisa Vasylieva, eine Drehbuchautorin, deren Pass und Namen Musya für die Reise nutzt, wurde wegen Trotzkismus zum Tode verurteilt; und Sergei Eisenstein – der gefeierte Regisseur, der zuvor vom Staat ins Visier genommen wurde, weil er Bezhin Meadow gedreht hatte, einen Film, den er nicht fertigstellen durfte. Er ist paranoid, vom Regime beobachtet zu werden – selbst Jahre später.
František Malík: Dass es sich um eine Graphic Novel handelt, macht sie bereits besonders geeignet für eine Adaption. In gewisser Weise funktioniert das Buch wie ein fertiges Storyboard: Es hat eine starke visuelle Identität, einprägsame Szenen und brillante, pointiert geschriebene Dialoge, die man sich sofort auf der Leinwand vorstellen kann.
Daniel Majling ist zudem ein erfolgreicher Dramatiker mit Erfahrung in Filmadaptionen, daher versteht er dramatische Struktur, Rhythmus und den Aufbau von Szenen. Die Geschichte weitet sich nach und nach von der intimen Suche nach einem verschwundenen Freund zu einer viel größeren Verschwörung aus – und verbindet emotionale Tiefe mit Humor, Spannung und cineastischem Potenzial.
Habt ihr schon konkrete Ideen zu Visuals und zu einer möglichen Besetzung?
Nuka Gambashidze: Der Film könnte in zwei Zeitperioden erzählt werden, in unterschiedlichen Settings: Musyas Elternhaus in Kutaisi zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in dem ihr Vater dem jungen Stalin Unterschlupf gewährte, als er auf der Flucht war – noch vor der Revolution.
Dann der Moskau‑Zug, in dem der größte Teil der Handlung stattfindet und der zu einer Miniaturversion der Sowjetunion wird – voller Chaos, Misstrauen und unnötiger Aufregung –, in der niemand Musya verfolgt, obwohl es so wirkt, als würden es alle tun.
Und schließlich Moskau: ein georgisches Restaurant, in das Musya vor dem Treffen mit Stalin gebracht wird, als wäre es ihre letzte Mahlzeit; und das Opernhaus, in dem sie ihm schließlich begegnet und ihn am Ende als dunklen Diktator wiederfindet – als Schatten des Mannes, den sie einmal kannte. Er spricht zu ihr aus der Dunkelheit seines Balkonsitzes, und das Licht fällt nur auf seinen Schnurrbart und seinen sich bewegenden Mund.
Ich habe mir keine konkreten Schauspieler*innen vorgestellt, weil ich noch nicht weiß, wo es produziert werden könnte oder wo die Geschichte letztlich spielen würde. Aber ich habe aber ein paar Filmreferenzen im Kopf: Two Prosecutors (2025), ein Film von Sergei Loznitsa; A Very Long Engagement (2004), ein Film von Jean‑Pierre Jeunet; und Murder on the Orient Express (1974), ein Film von Sidney Lumet.
František Malík: Ich muss zugeben, dass ich keine konkrete Besetzung oder ein visuelles Konzept im Kopf habe. Aber Daniel Majling, der die Graphic Novel selbst geschrieben und illustriert hat, hatte bereits bestimmte Schauspieler*innen im Kopf, als er einige der Figuren gezeichnet hat.
Insofern enthält das Buch bereits eine visuelle Welt und sogar eine Art imaginäres Casting. Gleichzeitig würde ich den finalen visuellen Ansatz und die Besetzung den Filmschaffenden überlassen. Ich möchte nicht in ihr Handwerk hineinreden. Für mich wäre es schon ein kleines Wunder, das Buch auf der Leinwand zu sehen.
Wie geht es weiter? Gab es schon Gespräche zu einer möglichen Adaption?
Nuka Gambashidze: Wir wurden bisher noch nicht wegen Optionsrechten oder Deals angesprochen, aber aus dem, was ich in Gesprächen mit verschiedenen Produzent*innen und Filmschaffenden gelernt habe, weiß ich: Diese Dinge brauchen Zeit und Geduld – und Initiativen in der Filmwelt sind sogar noch langsamer und schwieriger als in der Verlagsbranche. Ich habe aber sehr gutes Feedback von den Produzentinnen bekommen, die beim Pitching dabei waren, und ich habe das Gefühl, wir sind dem Ziel einen Schritt näher gekommen, Musya auf der großen Leinwand zu sehen. Das Nützlichste am KVIFF war für mich, dass ich jetzt eine klarere Strategie für uns im Adaptionsmarkt sehe.
František Malík: Ich hatte das Glück, dass mich nach dem Pitch vier Produzent*innen kontaktiert haben, darunter ein griechischer Produzent, ein deutscher Produzent, der in Hollywood arbeitet, sowie Produzent*innen aus der tschechischen und slowakischen Filmbranche.
Ich habe allen das Pitch Deck sowie eine englische Übersetzung des Buches geschickt. Ein Zoom‑Call ist bereits organisiert, und ich plane, bei den anderen in den kommenden Wochen nachzufassen. Es ist noch in einer sehr frühen Phase, also werden wir sehen, was sich entwickelt – aber die erste Resonanz war sehr ermutigend.
Nuka Gambashidze ist Verlegerin und Rights Managerin aus Georgien. Sie arbeitet als Acquiring Editor und Rechtevertreterin für georgische Autor*innen bei Sulakauri Publishing. Mit einem BA in Marketing und einem MA in Vergleichender Literaturwissenschaft hat Nuka mehr als zehn Jahre Erfahrung im Literatur‑ und Kulturmanagement. Sie war Programmmanagerin beim Tbilisi International Festival of Literature, arbeitete im Writers’ House of Georgia sowie am Georgia – Guest of Honour Projekt bei der Frankfurter Buchmesse 2018. Außerdem war sie an weiteren freien Projekten mit verschiedenen Organisationen beteiligt und hat Übersetzungsarbeiten übernommen.
František Malík ist Literaturorganisator, Verleger und unermüdlicher Förderer von Büchern und Literatur. Er studierte Cultural Studies an der Comenius University in Bratislava (2005-2010). 2014 gründete er das Bratislava Book Festival (BRaK), das er bis heute leitet. Ein Jahr später rief er den BRaK‑Verlag ins Leben, in dem er als Verleger tätig ist. Zudem leitet er die Bürger*innenvereinigung literarnyklub.sk(Öffnet neues Fenster) und organisiert ein breites Spektrum literarischer und kultureller Veranstaltungen – darunter einen slowakisch‑tschechischen Lyrikwettbewerb, ein Festival für zeitgenössische slowakische Literatur, Autor*innenlesungen sowie das in Wohnungen stattfindende Festival Over the Doorstep. Er kuratiert das Literaturprogramm des Pohoda Festival und war 2017 Mitgründer des Kulturmagazins Kapitál.